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Rhomäisches Reich: Der Papst besucht Konstantinopel. Die Sicherheitsmaßnahmen sind enorm verschärft worden, während die Behörden sich um Aufklärung des Anschlags bemühen.
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[Gemächer des Autokrators] Eine zufällige Begegnung

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Konstantinos Phokas

Protoarchitektonas tes Rhomaikes Autokratorias

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Dienstag, 14. Mai 2019, 11:23

Eine zufällige Begegnung

[Im Gang vor den Kaisergemächern]

Nach knapp anderthalb Wochen musste der Phokas nolens volens wieder in den Kaiserpalast. Er wollte sich die Inneneinrichtung vom Kaiser genehmigen lassen, letztendlich musste sie ja nach dessen Geschmack sein. Und genau der Geschmack Romanos‘ war es ja auch, der Konstantinos zugleich anzog – in Sachen Wein, Architektur, Kunst, Philosophie – und abstieß – in Sachen Personalauswahl und anderen Angelegenheiten.

Beim Posteingang wollte er seine Pläne nicht abgeben, denn so gingen sie über den Mystikos zum Kaiser. Konstantinos wollte jedoch keine Umschweife eingehen; was ging den Mystikos auch die Inneneinrichtung des kaiserlichen Landsitzes an? Also ging er persönlich zum privaten Trakt des Palastes, wo er einen ihm bekannten Diener des Kaisers, der gerade am Wege zu den Gemächern war, antraf. Gerade wollte er ihm die zugebundene Mappe mit dem Auftrag geben, sie dem Kaiser alsbald mit den besten Grüßen des Protoarchitektonas vorzulegen.

Just in dem Moment kam aber Romanos selbst in den Gang war scheinbar auf dem Weg in seine Gemächer. Konstantinos ging einen Schritt zurück und gab die Tür zu den Gemächern des Autokrators frei. Eine Hand hinter dem Rücken verneigte sich der Phokas tief vor dem Kaiser. „Wenn kaiserliche Majestät beizeiten geruhen mögen, sich meine Pläne zur Innenarchitektur des Landsitzes zu Gemüte zu führen?“ Er deutete auf die Mappe, die er dem Diener soeben gegeben hatte.

Als der Kaiser einen weiteren Schritt nach vorne tat, also direkt vor der Tür zum Gemach zum Stehen kam, machte Konstantinos wiederum einen Schritt nach hinten, als wollte er stets eine imaginäre Distanz einhalten. „In der Mappe befinden sich überdies einige Momentaufnahmen der bereits fertiggestellten Gebäude und Außenanlagen, die Euch hoffentlich zur Zufriedenheit gereichen werden.“ Wie sehr hatte er sich vor anderthalb Wochen gefreut, dem Kaiser diese Momentaufnahmen zu zeigen? Wie furchtbar hatte der Moment geendet, nämlich in der Konfrontation mit seinem Vetter und schließlich der Ernennung des letzteren zum Nobelissimos? Und nun wollte Konstantinos nicht einmal mehr dabei anwesend sein, wenn sich der Kaiser diese tollen Bilder, zum Teil aus des Protoarchitektonas eigener Hand gezeichnet, zu Gemüte führte. „Sofern kaiserlicher Majestät etwas nicht zusagt, gibt es indes noch ausreichend Zeit, um etwaige Veränderungen durchzuführen.“

Konstantinos verneigte sich ein weiteres Mal und alles in allem benahm er sich weder wie ein Schwager noch wie ein Freund, sondern wie ein beliebiger Untertan vor dem Kaiser. Wenn Romanos diese Art des Miteinanders bevorzugte, sollte er es doch haben. Wenn Romanos des Konstantinos Feinde förderte, dann konnte sich ersterer nichts anderes vom letzteren erwarten. Untertänigkeit und Gehorsam, nicht Freundschaft und Liebe war er dem Kaiser der Rhomäer schuldig. Konstantinos war bereit zu gehen, doch natürlich wartete er artig die Antwort des Kaisers ab, ohne jegliche Miene zu ziehen.

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Dienstag, 14. Mai 2019, 16:01

Ob zufällig oder vom Schicksal bestimmt: Der Kaiser, der gerade aus der Reichskanzlei kam, bog mit seiner Leibgarde genau in jenem Moment um die Ecke, als sich Konstantinos Phokas anschickte, seine Unterlagen anderweitig zuzustellen. Eine gewisse Distanz zwischen den beiden wurde offenbar, auch wenn sich keiner der sonst Anwesenden erlaubt hätte, dies zu betonen; schon gar nicht die Manglabitai, die emotionslos wie eh und je ihren Dienst verrichteten, aber auch nicht jener Diener, der sich noch tiefer verbeugte als der Kaisar Konstantinos.

"Gut dich zu sehen, Schwager. Man könnte bald meinen, du wichest mir dieser Tage aus", begann Romanos, der keinen blassen Schimmer zu haben schien, wieso der Phokas sich so rar machte. Da erwähnte dieser auch schon die betreffenden Pläne, die er bei sich hatte. "Das trifft sich gut. Wir wollen diese sogleich gemeinsam studieren." Weswegen sich Konstantinos so abweisend verhielt, konnte sich Romanos im Moment tatsächlich nicht so recht erklären. "Folge mir", hieß er den Schwager schließlich und betrat sodann die eigenen Gemächer.

Zur Beruhigung des Protoarchitekten konnte man hinzufügen, dass von irgendeinem Eunuchen weit und breit keine Spur war. Weder Damianos Doukas noch Kosmas Laskaris waren in der Nähe – geschweige denn Ares Phokas, das eigentliche Problem aus Sicht seines Vetters Konstantinos. An die unschöne Zurechtweisung desselben konnte sich der Kaiser jedenfalls nicht mehr entsinnen. Er war an jenem Tage auch dermaßen angetrunken gewesen, dass er die Ereignisse nur bruchstückhaft in seinem Gedächtnis behalten hatte. Die Zwistigkeiten im Hause Phokas waren indes schon Gesprächsthema im Heiligen Palast geworden, gab es doch immer irgendjemanden, der den Mund nicht halten konnte, so dass nur kurze Zeit gedauert hatte, ehe man in den endlosen Gängen des altehrwürdigen Gemäuers tuschelte.

"Man teilte mir mit, dass es in der Stadt zu einer Art Demonstration zugunsten des Romanos Argyros gekommen sein soll. Offenbar ein paar versprengte Veteranen, die auf unseren Rechtsstaat nicht vertrauen. Der Innenminister Doukas hatte die Sache schnell unter Kontrolle. Sein Bruder, ein gewisser Tagmarchos Ioannes Doukas, hat sich dabei wohl besonders hervorgetan. Sofern noch nicht geschehen, soll ihn der Kriegsminister zum Droungarios befördern", sprach der Kaiser sodann und bot Konstantinos eine Sitzgelegenheit an, als sei nichts zwischen ihnen gewesen.

Schließlich saß man und der Kaiser konnte die Unterlagen studieren. Er beschaute dieses und jenes Blatt genau und nickte an dieser und jener Stelle. "Sehr erlesen. Ja, das hat meinen Segen", erwiderte er ihm nach ein paar Minuten der Spannung. "Doch sag an, Lieber: Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen? Du wirkst auf mich heute so überförmlich und unnahbar. Oder bilde ich mir dies lediglich ein?" Er legte die Pergamente erst einmal bei Seite und schien sich ernstlich um die Gemütslage des Schwagers zu sorgen. "Ist es wegen Agatha?", mutmaßte deren Bruder und legte Konstantinos behutsam die kaiserliche Hand auf jene des Schwagers. Es gab ja Gerüchte, dass diese Kaiserschwester die Gesellschaft von Frauen bevorzugte.

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Mittwoch, 15. Mai 2019, 11:32

Konstantinos seufzte innerlich und warf einen kurzen Blick zur Tür, als wäre dieselbe aus Glas und als könnte er hindurchspähen und überprüfen, ob hinter der Tür wohl kein Doukas – oder schlimmer – kein A. Phokas seinen Dienst verrichtete. „Ach, könnte man das meinen?“, erwiderte er unschlüssig darauf, wie er auf die korrekte Erkenntnis des Kaisers reagieren sollte. Da Romanos zwar zu erkennen schien, dass sein Kaisar ihn in letzter Zeit irgendwie mied, jedoch offenbar keinen blassen Schimmer hatte wieso, seufzte Konstantinos kaum hörbar und folgte Romanos in das Gemach hinein, welches er seit anderthalb Wochen nicht mehr betreten hat.

„Ja, davon habe ich auch gehört“, erwiderte Konstantinos und setzte sich pflichtbewusst, als der Autokrator ihm eine Sitzgelegenheit anbot. „Auf dem Konstantinsforum, nicht wahr?“ Welch Ironie; Konstantinos‘ war geprägt vom inneren Aufruhr, das gleichnamige Forum dagegen vom Aufruhr des Pöbels. Romanos studierte einstweilen die Unterlagen, während Konstantinos reglos daneben saß und ihn dabei beobachtete.

Zuweilen war Romanos eine so arglose Person, dass es einem schwer fiel, ihm böse zu sein. Ja, so wie er ihn mit der größten Unschuld fragte, ob ihm, Konstantinos, eine Laus über die Leber gelaufen sei und gar etwas hinsichtlich Agatha mutmaßte, fragte sich der angesprochene Phokas, ob er nicht vielleicht doch überreagierte. „Überförmlich? Was kann ich tun, Herr, um zu Eurer Tranquilität beizutragen?“, fragte er dann scheinbar ebenso unschuldig zurück, als bräuchte er eine Anleitung vom Kaiser daselbst. „Agatha? Nein. Agatha bewies mir ein ums andere Mal, dass sie der einzige Mensch ohne den Namen Phokas ist, auf den ich mich voll und ganz verlassen kann.“ Das „Understatement“ dieses Satzes war wohl ganz klar, da auch der Kaiser ein Nicht-Phokas war und er, Konstantinos, ihm scheinbar nicht mehr voll und ganz vertrauen konnte.

Scheinbar suchte er nach einen Gesprächsthema und ganz zufällig kam er auf die Ernennung seines Vetters zu sprechen, da ihn dies ohnehin beschäftigte. „Ich habe gehört, kaiserliche Majestät haben meinen Vetter zum Nobelissimos befördert?“ Sein Lächeln war so offensichtlich gezwungen, selbst Romanos musste es auffallen. Gerne hätte der Phokas jetzt einen Spiegel gehabt, um die Glaubwürdigkeit seiner eigenen lächelnden Grimasse zu überprüfen. Seine Stimme brach ihm kurz weg und er räusperte sich. „Eine große Auszeichnung.“ Doch für welche Leistung? Für die Leistung, den Protoarchitektonas beleidigt und den Parakoimomenos angegriffen zu haben? Die Leistung, ein elender Bastard, ein Abtrünniger, ein Unerwünschter zu sein?

Wie lange hatte Konstantinos gebraucht, bis er vom Akrita zum Nobelissimos erhoben worden war? Zwei Jahre lang, 945-947, hatte er als Apokomes am Hofe gedient, wurde dann aufgrund seiner Fähigkeiten als Mystikos und Minister zum Kleisourarka befördert und aufgrund seiner z.T. maßgeblichen Hilfe im Bürgerkrieg schließlich 950 zum Nobelissimos. Durch seine Heirat in die kaiserliche Familie war er schließlich im Jahr 951 zum Kaisar befördert worden. Und was hatte Ares getan? Wodurch hatte er sich ausgezeichnet? Was hat er jemals geleistet? Warum und wodurch hat er diese sonderbare Stellung innerhalb des Reiches und der Familie Phokas verdient? Die Antwort war: Gar nicht. Durch nichts.

Dem Kaiser schien es allein zu gefallen, sich in jedem Falle, ohne seinen Schwager zu konsultieren, auf des Verderbers Seite zu stellen. „Wenn Ihr schon fragt, so sei mir folgender Kommentar erlaubt“, begann er und räusperte sich. Dann blickte er dem Kaiser direkt in die Augen und vielleicht war es zum ersten Mal, dass seine tiefblauen Augen Kälte ausstrahlten. „Kaiserliche Majestät geruhten, sich auf Seiten meines Vetters zu stellen. Nur so kann ich seine Beförderung zum Nobelissimos und die Aufnahme in Eure ehrwürdige Familie, unsere ehrwürdige Familie, interpretieren. Dies ist selbstverständlich Euer gutes Recht, Herr. Allein, die Konsequenz dessen ist, dass Ihr, aus meiner Sicht, nicht mehr auf meiner Seite steht. Ja, Herr, hier gibt es Seiten und die Seite des Ares kann unmöglich die meine sein. Ihr habt Euch dazu entschlossen, diesem Manne, den ihr seit einigen Tage kennt, Euer Vertrauen zu schenken. Fein, ja, schön und gut, wer könnte oder sollte es Euch verbieten?“ Er zuckte mit den Achseln und hatte wieder dieses merkwürdige, gar nicht ehrlich oder freundlich wirkende Lächeln im Gesicht. Tatsächlich hätte er in diesem Moment auch weinen können. Er atmete durch und nahm wiederum die Dokumente zur Hand. Dieselbe zitterte dermaßen, dass er sie mit der anderen Hand festhalten musste, um die Zeichnung auf dem Pergament in Ruhe betrachten zu können. War sich der Kaiser denn wirklich nicht gewahr, dass er drauf und dran war, einen Freund, vielleicht seinen einzigen ehrlichen Freund, zu verlieren? Und wofür? Für den Verderber Ares Phokas? "Selbstverständlich verbleibe ich Euer treuester Diener." Diener. Nicht Freund! Ob ihm die Wortwahl auch auffiel?

„Das nehme ich als Placet, Majestät“, sagte er schließlich und schrieb selbiges Wort auf den vom Kaiser genehmigten Plan zur Innengestaltung des Landsitzes. Konstantinos hätte viel zum Erzählen gehabt, war er doch gerade erst aus den thrakischen Bergen zurückgekehrt und hatte er doch die Bauarbeiten und deren Fortschritte selbst bewundern können. Doch fehlte ihm hierzu jede Lust. „Wenn Ihr Euch noch zwischen diesen zwei Vorschlägen bezüglich der Einrichtung Eures persönlichen Gemaches entscheiden mögt, so wären wir für heute auch schon wieder fertig.“ Und ich könnte mich auf der Stelle wieder zurückziehen und du könntest gleich wieder deinen Ares hereinkommen lassen, den du doch so sehr liebst und achtest, förderst und beschützt.

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Donnerstag, 16. Mai 2019, 00:13

Unkommentiert ließ der Kaiser die etwas schnippische Bemerkung seines Schwagers stehen, sicherlich eine rhetorische Frage. Dass irgendetwas im Argen lag, das musste man sogar merken, wenn man so arglos war wie es Seine Majestät der Kaiser zuweilen waren. Bald hatte es ja den Anschein, als sei es gar keine böse Absicht gewesen, die Romanos dazu gebracht hatte, den Ares so zu fördern. Denn wie bereits an anderer Stelle angedeutet, lagen die tiefsitzenden Zwistigkeiten im Hause Phokas doch weit in der Vergangenheit, so dass die nicht unmittelbar daran Beteiligten sich dessen gar nicht dermaßen bewusst waren, anders als die Leidtragenden.

"Fürwahr. Der erbärmliche Rest der Unbelehrbaren sozusagen. Man hat damit kurzen Prozess gemacht. Offenkundig einige Fanatiker, die sich gar selbst das Leben nahmen, bevor man ihrer habhaft werden konnte. Stell dir das vor, wie vernebelt deren Geist doch gewesen sein muss, die schlimmste aller Sünden zu begehen ...", murmelte der Kaiser, der sich noch immer keinen rechten Reim darauf machen konnte. Selbstmord bedeutete nach der christlichen Lehre ja unweigerlich die ewige Verdammnis. Anstatt den Ausgang des Prozesses gegen Romanos Argyros einfach mal abzuwarten, wollten ihn diese verwirrten Seelen mit ihrer Demonstration sprengen, was selbstredend schiefgehen musste, denn der Staat ließ sich nicht erpressen.

"Weißt du, Konstantinos, allein deine geneigte Anwesenheit bereitet mir schon Gemütsruhe – oder wie du es gestochen formulierst: Tranquilität." Dies war durchaus ernsthaft und anerkennend gemeint. "Meine Zuneigung zu dir ist ungebrochen, dies lass dir gesagt sein. Denn wie könnten wir auch anders, sind wir doch eine Familie." Dass eine gemeinsame Familie nicht unbedingt bedeutete, dass man sich gegenseitig ausstehen konnte, führte das Haus Phokas allerdings beispielhaft vor Augen. "Meine liebe Schwester Agatha. So unscheinbar sie manchmal wirken mag, so tiefgründig ist sie doch in Wahrheit, von daher die ideale Ergänzung für einen solch tiefsinnigen und intellektuellen jungen Mann wie dich." Und was für eine wundersame Beziehung das doch sein mochte, wo der Ehemann auf Männer stand und die Ehefrau auf Frauen, was zumindest die Eingeweihten wussten, wenn man auch quasi niemals offen darüber sprach.

"Als Kaiser sollte man in der Lage sein, allumfassend zu denken, Gunstbeweise also nicht singulär dastehen lassen. Dies bedingt der Blick über den Tellerrand", versuchte sich Romanos zu erklären. "Was auch immer zwischen dir und Ares stehen mag – es scheint ja einiges zu sein –, soll es mich nicht davon abhalten, euch beide zu lieben. Denn sollte nicht gerade der Kaiser über aller Parteilichkeit stehen? Sollten sich nicht beide Seiten selbst hinterfragen, anstatt die tradierte gegenseitige Abneigung zeitlebens zu fundamentieren?" Diese Gedankengänge des Kaisers waren ohne Argwohn gesprochen, versuchte er doch in seiner Stellung als eine Art Vermittler aufzutreten.

Dann brach es aus dem Phokas heraus. Er nahm kein Blatt vor den Mund und sprach wohl so deutlich wie noch nie zu seinem Herrscher. Minutiös erläuterte er die Grundproblematik – oder wie er sie sah. Nämlich dass sich der Kaiser für diese oder jene Partei zu entscheiden habe. Wäre er nicht dezidiert für ihn, für Konstantinos, so wäre er automatisch gegen ihn. So die Schlussfolgerung, die Romanos zu denken gab, so dass er ihn recht schockiert anstarrte. Es war also schlimmer als er es befürchtet hatte. Offenbar hatte der Hass unauslöschliche Spuren hinterlassen, die nicht einmal der Kaiser so mir nichts, dir nichts aus der Welt schaffen konnte. Romanos hatte keine Augen mehr für die Pläne, er starrte seinen Schwager an, der sich offenbar betrogen fühlte.

"Ich mache dich zum Proedros, Konstantinos", meinte er auf einmal und nahm einen Schluck vom Wein. Damit wurde der Phokas einer der Vizepräsidenten des Senates und stieg nochmal zwei weitere Rangstufen im selben empor. "Du bist einer meiner Kaisares, du und dein Vater, vergiss das doch nicht", appellierte er an ihn. Und tatsächlich waren nur die Basileis noch höher im Range. "Ein Eunuch kann einen solchen Rang niemals erlangen, es ist schlechterdings unmöglich", fuhr er fort und sprach damit das Faktum an, dass die Halbmänner keine kaiserlichen Würden tragen konnten. "Du bist doch viel mehr als bloß ein Diener, mein Lieber! Und das weißt du auch!"

Dann kamen doch wieder die Baupläne zum Vorschein. Dabei fehlte dem Kaiser momentan die Konzentration hierfür. "Ich überlasse die Entscheidung ganz allein dir, hörst du, Konstantinos? So nahe stehst du mir nach wie vor, dass ich mich deinem Urteil unterwerfe." Es schmerzte ihn, dass es diesen unüberbrückbaren Gegensatz gab zwischen Konstantinos und Ares. Was war da bloß vorgefallen? Es war mysteriös über alle Maßen. "Sei nicht so abweisend, es wäre kurzsichtig", mahnte er ihn. Und je distanzierter der Kaisar wurde, umso interessanter fand er ihn auf seltsame Weise. "Komm an meine Brust und lass uns diese dumme Sache vergessen." Dies sprach er und öffnete pathetisch seine Arme. In all den Jahren waren sie sich eigentlich nie wirklich physisch nahe gekommen. Vielleicht brauchte es nun ein sichtbares Zeichen. Nach wie vor sah Romanos es als durchaus lösbar an, dieses phokadaischen Konflikt zu begraben.

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5

Donnerstag, 16. Mai 2019, 12:35

Konstantinos nickte und wirkte fast abwesend, als der Kaiser über die Fanatiker und deren Niederschlagung sprach. Er konnte sich einfach nicht so recht konzentrieren, zumindest so lange nicht, wie er mit dem Kaiser im Unreinen war. Das Kompliment, alleine mit seiner Anwesenheit sorge der Phokas schon zu seiner Tranquilität, brachte ihn zu einem kurzen Lächeln. Dann dachte er sich jedoch, dass er dieselben Worte womöglich auch bereits an den Verderber-Vetter gerichtet haben könnte. „Wahrlich, eine Familie sind wir“, erwiderte er, war aber nicht so ganz überzeugt. Der Verderber war doch auch Teil ihrer Familie, Dank Romanos war er nun in jederlei Hinsicht Teil der Familie des Konstantinos‘; einerseits als fauliger Zweig des Hauses Phokas, andererseits als Nobelissimos Teil des Kaiserhauses.

„Agatha passt vorzüglich zu mir, Ihr sagt es. Wir sind uns gar ähnlich und zugleich gar verschieden; im Grunde ein Glückstreffer für uns beide.“ Vor seinem inneren Auge sah er ihr Bild und wahrlich, es war ein Glückstreffer gewesen. Beide hatten sie einen Hang zum eigenen Geschlecht, beide waren sie aber auch bereit, ihren ehelichen Pflichten nachzugehen. Abseits dieser Pflicht – deren Durchführung durch ihren gemeinsamen Sohn Alexandros bestätigt wurde – waren sie einander eher Freunde als Liebespartner. Während sich aber Agatha durchaus mit ihresgleichen vergnügte, lebte der Phokas seit dem Vorfall im Patriarchat (und das war schon bald ein halbes Jahr lang her!) wie ein Mönch.
Der Autokrator erklärte ihm nun, dass er als solcher allumfassend zu denken habe, Gunstbeweise nicht singulär, auf eine Person beschränken könne, dass er sie beide lieben wolle. „Der Kaiser schon“, gab ihm Konstantinos, der seit er dem Kaiser den Grund seines Verhaltens gestanden hat den Blick gesenkt hielt, grundsätzlich Recht. „Doch als Freund?“, fügte er kaum hörbar hinzu. Konnte ein Freund, gleich eines Kaisers, seine Liebe zwei einander verfeindeten Menschen zugleich geben, ohne dass dies einen Widerspruch in sich trug? Funktionierte das in diesem Falle? Er runzelte die Stirn und hob vorsichtig den Blick, als fürchtete er, es könne doch noch zu einem kaiserlichen Donnerwetter kommen, wenn er nicht sogleich völlig einlenkte und sich unterwarf.

Plötzlich schlug der Autokrator vor, ihn zum Proedros zu ernennen, also zum Vizepräsidenten des Senates. Außerdem sei Konstantinos einer seiner Kaisares, zusammen mit seinem Vater Bardas. So einen Rang könne ein Eunuch niemals erlangen. Er, Konstantinos, sei außerdem mehr als ein Diener. Und so nahe stünde Romanos ihm, dass er sich seinem Urteil unterwerfen würde. „Ich will nicht abweisend sein“, erwiderte er schließlich und rieb sich die Schläfen. Sein Kopf fühlte sich an, als würde er explodieren „Nenn mich einen Schelm“, sagte er dann und sprach an diesem Tage zum ersten Mal wie ein Freund zu einem Freund, nicht wie ein Untertan zu seinem Kaiser, „aber ich kann es nicht auf sich beruhen lassen. Ares ist eine Bedrohung und es ist meine heilige Pflicht, Bedrohungen in deinem Umfeld nicht zu ignorieren. Keine Bedrohung für dich vielleicht, denn du bist ihm nützlich, hast ihm nichts getan und hoffierst ihn; doch er wird nichts unversucht lassen, mir und meiner Familie zu schaden und ich spreche hier nicht nur vom Schaden des Ansehens, sondern auch körperlichem Schaden. Seine Seele ist missraten.“
Er blickte den Kaiser endlich wieder direkt an. „Wenn ich dir sage, dass ich ihm nicht traue, dann schiebe es bitte nicht mit dem Gedanken beiseite, dass hier sein Feind spricht, beachte vielmehr, dass hier den Freund spricht. Vielleicht bin ich manchmal närrisch oder zuweilen wirklich ein Narr. Doch ich halte den Ares für gefährlich. Seine Seele ist dunkel. Keine Gefahr für dich, nein nein. Aber eine Gefahr für mich, für meinen kleinen Sohn, für meine Familie. Und es ist meine Pflicht, meine Familie zu beschützen.“

Konstantinos erhob sich langsam und hatte selbst die Baupläne wieder vergessen. Unruhig schritt er vor dem Kaiser auf und ab und wäre nahe dran gewesen, sich selbst die Haare zu raufen. „Ja, ich habe Angst um meine Familie, sogar um meinen Vater. Das wird dich verwundern, aber ja, auch um meinen Vater. Auch ein großer Krieger ist nicht vor feigen Anschlägen gefeit und das beliebteste Mittel der Eunuchen ist gemeinhin das Gift. Ich bin schon einmal vergiftet worden, Romanos, erinnerst du dich? Es ist ein halbes Jahrzehnt her, ich war gerade als Manglabites an den Hofe gekommen und ich hatte schlichtweg Glück gehabt, den Anschlag zu überleben.“

Als der Kaiser die Arme ausbreitete, verharrte der Konstantinos und ging keinen Schritt weiter. Konstantinos‘ Herz pochte wild und selbstverständlich konnte er dieses gut gemeinte „Friedensangebot“ nicht ablehnen. Ohnehin kam ihm wieder diese Melodie in den Sinn, diese majestätische Melodie, die er die persönliche Hymne ihrer Freundschaft wähnte. „Gerne will ich dich umarmen, Freund, doch die Gefahr, die von meinem Vetter ausgeht, kann, darf und will ich nicht vergessen. Doch soll es nicht sein erster Sieg sein, einen Keil zwischen uns getrieben zu haben. Nein, fürwahr, es wäre eine Schande, eine große und schlimme Schande, nach all den Jahren, die wir uns kennen, achten und schätzen.“

Also umarmte er den Kaiser innig und schloss dabei die Augen. Frisch rasiert war Romanos und ein dezentes Parfüm sorgte für eine wohlriechende kaiserliche Aura, in die Konstantinos gleichsam eingeschlossen wurde. Kaum zu glauben war es, dass dieser hübsche Mann, jünger und kleiner als der Protoarchitektonas, mit seinen zarten Händen die nie harte Arbeit gesehen haben, der mächtigste Mann der Welt war. 99 von 100 Menschen dieser Erde würden ihn, den mächtigsten irdischen Mann, niemals zu sehen bekommen. Der eine unter den 100 würde ihn vielleicht mit eigenen Augen erblicken dürfen, jedoch niemals auch nur nahe genug kommen, um in die kaiserliche Aura einzudringen, geschweige denn den Kaiser selbst zu berühren. „Ich…ich danke dir für deine Worte. Ich bin mir ja bewusst, dass du sie nicht nötig hast und sie durch einen Befehl ersetzen könntest. Allein dadurch zeigst du deine vorzüglichen menschlichen Eigenschaften, die ich so sehr an dir liebe. Ich weiß das zu schätzen, wie ich überhaupt deine Gutmütigkeit zu schätzen weiß. Ein Glücklicher, der sich dein Freund nennen darf; ein Unglücklicher, ein Verfluchter, der dein Gegner ist.“ Konstantinos genoss indes die Umarmung. Der Kaiser war schon eine merkwürdige Gestalt und von merkwürdig großer Autorität. Normalerweise hätte sich Konstantinos bei einem solch ansehnlichen Manne schon weitaus früher zu gewissen Aktivitäten bzw. Versuchen hinreißen lassen. Doch beim Kaiser war es noch nie zu mehr als einer Umarmung gekommen und das war wohl auch gut so und mehr Wert, als alles andere, konnte so doch bereits eine dezente Geste große Wirkung entfalten.

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Donnerstag, 16. Mai 2019, 17:50

Der Ausspruch Das kommt in den besten Familien vor passte wie die Faust aufs Auge. Auf Gedeih und Verderb war man sich familiär verbunden, weil in den höchsten Kreisen irgendwie mit den anderen, oft verhassten derselben Schicht doch verwandtschaftlich verbunden, sei es durch Heiratsverbindungen oder Verschwägerungen. So wie später alle bedeutenden europäischen Fürstenhäuser miteinander verwandt waren (oft derart nahe, dass es seine Folgen zeitigte), so waren es auch die byzantinischen Dynatoi, wörtlich die Mächtigen, die großen Adelshäuser, darunter die Phokadai, die Doukai und die Lekapenoi. Dem konnte man gar nicht entkommen. Konstantinos und Ares, sie beide trugen denselben Nachnamen und standen sich doch so unbeschreiblich ferne. Ironie des Schicksals.

Konstantinos war mit Agatha Porpyhrogennete glücklich, das bestätigte er noch einmal ausdrücklich. Ihre Ehe verlief skandalfrei und beinahe unscheinbar, was für den Wahrheitsgehalt dieser Aussage sprach. Nicht allzu viele Männer konnten davon schwärmen, die richtige Frau an ihrer Seite zu haben, zumal in ihren erlauchten Kreisen. Politische Ehen standen dort an der Tagesordnung. Im Grunde genommen war jede der bisherigen Eheschließungen des Kaisers (Gott behüte, es möge die letzte gewesen sein) politisch motiviert gewesen. Sah man einmal vom völligen Missgriff mit der Ostfränkin vor etlichen Jahren ab, hatte Romanos auch alle seine Ehefrauen überaus geschätzt. Dies galt besonders für Ismene, die zufälligerweise eben auch die Schwester von Konstantinos war. "Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich ich mit Ismene bin. Sie ist wirklich etwas ganz Besonderes, deine Schwester." Er wusste ja darum, wie nahe sich die beiden Geschwister standen, war Konstantinos doch der Lieblingsbruder von Ismene und sie wiederum viele Jahre seine Hauptstütze innerhalb der Familie Phokas gewesen. "Schon deswegen wirst du immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben, mein Lieber." Durch diese Vermählung waren die Phokades ja unbestreitbar Teil der kaiserlichen Familie geworden. Womöglich das große Ziel von Bardas, dem nunmehrigen kaiserlichen Schwiegervater.


"Denken wir zurück an die großen, unüberwindbar erscheinenden Gegensätze zwischen den Häusern Phokas und Lekapenos, wie sie bis vor gar nicht allzu langer Zeit wie in Stein gemeißelt erschienen." Sicherlich erinnerte sich Konstantinos nur zu genau daran. Es war eine schlimme Zeit gewesen. Der Anschlag auf den jungen Phokas fiel in diese Epoche. Bis heute blieben die wahren Drahtzieher von damals unauffindbar. "Und heute? Meine Mutter und dein Vater respektieren sich, wie es kein Mensch für möglich gehalten hätte. Ohne Bardas Phokas wäre mein Thron wohl verloren gewesen. All die Gehässigkeiten von einst sind passé. Es kann also funktionieren – wenn beide Seiten ehrlich gewillt sind." Und das war derzeit ja schwerlich der Falle, was die phokadaischen Händel anbelangte. "Ich zitiere selten die Heilige Schrift, doch erinnern wir uns kurz der Worte unseres Heilands bei der Bergpredigt, wie sie uns das Matthaios-Evangelium überliefert: 'Ich aber sage euch: Liebet eure Feunde; segnet, die euch verfluchen; tut Gutes denen, die euch hassen; bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.' Lag Christos denn falsch damit?" Eine eher rhetorische Frage, denn wer konnte schon den Gottessohn widerlegen. "Die dunkle Seele des Ares, wie du es nennst, kommt schwerlich aus dem Nichts. Es muss seine Wurzeln haben, die womöglich in ferner Vergangenheit liegen. Vielleicht kannst du dies ja beizeiten erhellen." Er hielt kurz inne. "Ich will auch ihm ins Gewissen reden. Für einen Kaiser sollte nicht gelten entweder oder, sondern sowohl als auch." Damit versuchte Romanos wiederum, eine einseitige Parteinahme zu vermeiden, so unmöglich dies dem Schwager derzeit auch erscheinen mochte.

Die Unruhe des Konstantinos war unübersehbar. Er fürchtete offenbar um sein Leben und das seiner ihm Nahestehenden. "Du denkst, Ares habe vor, deinen Vater zu töten?", hakte der Kaiser ungläubig nach. "Wieso sollte er so etwas auch nur erwägen? Ich glaube, es ist wirklich an der Zeit, die Ursprünge dieses Hasses zu ergründen." Betont ruhig versuchte Romanos, dieses Thema nun doch zur Sprache zu bringen. Es führte kein Weg daran vorbei. Denn kannte man das Grundproblem nicht, konnte man auch keine nachhaltigen Lösungsversuche entwickeln. Es lag nun freilich bei Konstantinos, Licht ins Dunkel zu bringen.

Schließlich und endlich dann doch die Umarmung, die all dies vergessen machen sollte, zumindest für einen kurzen Moment. Zwar hatten sich der Autokrator und der Kaisar auch in der Vergangenheit gelegentlich schon kurz umarmt, doch war es bislang doch stets formell und nicht innig gewesen, folglich kurz und schmerzlos. Diesmal aber schien etwas in Konstantinos doch auf eine größere Intensität zu drängen, was der Kaiser an der Innigkeit bemerkte, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes erfasste. Es war eine impulsive, enthusiastische Umklammerung, gewiss platonisch, doch fraglos auch stürmischer als üblich. Für einen Augenblick schien alles um sie herum nicht mehr von Wichtigkeit zu sein. Ein surreales Erlebnis, ganz unwirklich, als bestünde die Welt in diesen Sekunden nur aus ihnen beiden. Von Liebe war die Rede, ganz betont sogar; sicherlich die Liebe im augustinischen Sinne. Dem Momentum wohnte eine Art utopischer Faszination inne, gleichsam eine ideelle Imagination, bald eine fiktive Phantasie. Ein knappes Jahrtausend später wäre es wohl die schwülstige Entartung der spätesten Spätromantik gewesen, der Schlusspunkt des Fin de siècle, das letztmalige Verharren in der süffigen Opulenz eines verblühenden Zeitalters, welches sich gleichwohl auf seinem absoluten, unübertrefflichen Zenit wähnte, ohne dabei der sich in seinem Innersten bereits unaufhaltsam ausbreitenden Dekadenz gewahr zu werden. Vom Erhabenen zum Lächerlichen war es oft nur ein Schritt. Und doch war es dieses übersteigerte Pathos, in welchem sich der Autokrator und der Kaisar seit Jahren fanden und in welches ihnen irgendwie kein anderer so recht zu folgen im Stande war. Allerdings schwebten über der vermeintlichen Apotheose bereits finstere Wolken, die man durch momentane Nichtbeachtung vergessen zu machen glaubte. Auf dem Kulminationspunkt ihrer Umarmung, die durch den Imperator nicht weniger nachdrücklich erfolgte, drückte derselbe, der es vorzog, statt Worten Taten sprechen zu lassen, dem Seelenfreund einen heftigen Zungenkuss auf die Lippen.

Konstantinos Phokas

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Freitag, 17. Mai 2019, 11:05

Die Umarmung wurde inniger als erwartet und sie hielten einander für einige Augenblicke lang, als stünden sie auf einem schwankenden Schiff und könnten einander allein gegenseitig Halt geben. Konstantinos schloss, wie bereits erwähnt, seine Augen und genoss den Augenblick. Der Kaiser trug ein dezentes Parfüm und seine Wange fühlte sich frisch rasiert an, dagegen konnte man im Gesicht des Phokas bereits die Ansätze eines Drei-Tage-Bartes erkennen und erfühlen. Früher, ja, früher, als Konstantinos noch bei weitem schamloser agierte, hätte er dem Kaiser nun vielleicht die Kleider vom Leibe gerissen und wäre über ihn hergefallen wie ein hungriger Tiger.

Und tatsächlich fühlte er auch diesen Reiz in diesem Augenblicke, verspürte eine gewisse Neugier und Lust, den Körper des Kaisers tatsächlich zu erforschen. Doch er blieb artig und brav, seine Hände blieben, wo sie waren, wanderten nicht den Rücken hinunter zum kaiserlichen Po. Plötzlich ging es Schlag auf Schlag: Konstantinos spürte, wie der Kaiser seinen Kopf drehte und gerade als er seine Augen öffnen wollte, spürte er die Lippen des Kaisers an den seinen. Heftig pressten sich die Lippen der zwei Schwäger aufeinander und Konstantinos erwiderte den Kuss mit ebensolcher Leidenschaftlichkeit. Dass der Kaiser auch die Zunge einzusetzen wusste, beeindruckte und überraschte den Phokas für einen Moment lang. Nein, so intim ist es wahrlich noch nie zwischen ihnen geworden. ‚So hat mich keiner mehr seit Ignatios Angelos geküsst!‘, ging es ihm durch den Kopf.
Schließlich lösten sich Zungen, Münder und Leiber von einander und Konstantinos lächelte seinen Schwager beinahe dämlich an. Die Körperberührung war nun auf ein Händehalten beschränkt. Früher hätte er den Blick nach einem derartigen Vorfall entweder schamvoll gesenkt oder er hätte es in seiner Verdorbenheit bis zur Spitze getrieben, das heißt, dort weitergemacht, wo Romanos begonnen hatte. „Ein Kuss sagt mehr als tausend Worte“, meinte er schließlich und wirkte (was eine Seltenheit bei ihm war) sprachlos. „Wollen wir uns einstweilen auf den Balkon setzen?“, fragte er ihn dann und führte ihn an der Hand zum Balkon hinaus, wo nebst Liegestühlen auch eine Sitzgarnitur, u.a. mit einem Sofa, stand. Auf letzteres setzte sich Konstantinos, den Kaiser neben sich.

„Wenn wir Meinungsverschiedenheiten tatsächlich nach dieser Methode lösen, so meine ich ganz frech, ich müsste öfters böse auf dich sein.“
Er neckte den Kaiser und grinste. Dann wurde er aber wieder ernst.
„Deine Worte gingen nicht unbemerkt an mir vorbei, das lass dir gesagt sein. Es waren Worte der Weisheit, die du gesprochen hast. Doch es ist schwierig, beinahe unmöglich, ein so altes Kriegsbeil wieder zu begraben. Weißt du, was meine früheste Erinnerung an den Ares und dessen Vater und Schwester sind?“, fragte er ihn und natürlich konnte er es nicht wissen. „Ich war 14 und gerade in meinem Zimmer im Lausospalast, da gab es einen riesigen Tumult vor dem Gebäude. Meines Vaters Bruder, der Vater des Ares und der Sophia, kam völlig betrunken und außer sich vor unser Heim, randalierte und beschimpfte meinen Vater, vor einer ganzen Menschenmenge von Bürgern, verlangte von demselben herauszukommen. So elendig stellte er sich an, dass die Menge ihn bald selbst auslachte; und als mein Vater schließlich hinausging um seinen Bruder zu stellen, eskalierte es und ich erinnere mich noch, wie Ares‘ Vater mich packen und schlagen wollte, doch dann gingen endlich unsere Wachen dazwischen und verhinderten das Schlimmste. Auch der Charakter meines Vaters verhinderte eine weitere Eskalation, indem er seinen Bruder, meinen Onkel, schlichtweg auf der Straße stehen ließ. Ja, das ist meine erste Erinnerung an diesen Zweig meiner Familie. Von meinem Vater weiß ich so einiges, was sich vor meiner Zeit abspielte. Des Ares Vater heiratete eine Frau niederen Geblüts, angeblich war es gar eine Hure, die er ehelichte. Damit kam er natürlich in direkte Konfrontation mit meinem Vater Bardas und den politischen Wünschen der Phokadai. Immerhin sind wir eine Familie, die sich bis auf die gens flavia zurückführt! Da er jedoch auf die Heirat bestand, warf ihn mein Vater aus dem gemeinsamen Elternhaus hinaus und verbannte ihn aus der Familie. Die Ehe mit der Hure war allerdings nicht von Glück geprägt; eine Tochter und ein Sohn entsprang der Verbindung, letzterer beendete die unerwünschte Eheverbindung durch den Tod seiner Mutter, die bei der Geburt oder kurz danach verblich. Ich fürchte, all das hatte keine guten Auswirkungen auf Ares Geist. Obendrein ist er nun ein Eunuch und Eunuchen kann man oftmals nicht trauen, haben sie doch keine Nachkommen, um deretwillen sie sich sorgen müssten.“ Nun kannte der Kaiser zumindest eine Episode und einen der Hauptaspekte des bösen Blutes zwischen Ares und Konstantinos. Romanos konnte sich wohl auch denken, dass der Hass auch von Bardas auf Konstantinos übergegangen, praktisch zur Gewohnheit geworden war. Ob die ursprünglichen Gründe des Hasses überhaupt noch aktuell waren, schien einerlei. „Hat man sich einmal so gehasst, wie Ares und Ich, ist es beinahe unmöglich, miteinander auf einen grünen Zweig zu kommen. Ich kann nicht anders als ihm zu misstrauen und ganz im Gegenteil ihm auch Konspiration zuzutrauen. Freilich nicht gegen dich, Romanos, sondern gegen meine Familie und mich. Rache ist süß, heißt es doch und welche süßen Früchte könnte ein Eunuch wie er schon kosten, wenn nicht die süße Frucht der Rache?“

Er atmete tief durch und ein aufmerksamer Diener brachte ihnen zwei Kelche und eine Karaffe Wein. Danach zog er sich wieder ins innere des Gemachs zurück. „Aber gut. Deine Argumentation hat etwas für sich. Ich will ihn und sein Dasein fürderhin dulden. Das tue ich allein dir zu Liebe. Doch sollte ich herausfinden, dass er mir übles will oder gegen meine Familie konspiriert – in welchem Sinne auch immer – so muss ich ihm erneut den Fehdehandschuh hinwerfen.“
Konstantinos persönlich füllte die zwei Kelche und reichte einen dem Kaiser. Nachdenklich nippte er an dem blutroten Rebensaft. „Aber wir wollen den Verderb-, ich meine, Ares, für einen Moment vergessen. Es gibt weitaus erfreulichere Dinge und ich möchte dich gewiss nicht zu lange mit Familiengeschichten und Kindheitserinnerungen langweilen.“ Konstantinos lehnte sich zurück und überschlug seine Beine. „Sag an Romanos, freust du dich eigentlich schon darauf, den Landsitz mit eigenen Augen zu erblicken? Es ist nur noch eine Frage von Wochen, bis alles fertiggestellt ist." Er kannte Romanos ja gut und wusste, wie ungern er den Kaiserpalast verließ. Daher hakte er hier ganz unschuldig fragend nach. Außerdem war ihm alles lieber, als das Thema Verderber weiter auszubreiten.

8

Freitag, 17. Mai 2019, 20:35

Tempus fugit – Die Zeit flieht. Die Reife hatte sie beide erfasst, vorbei die ungestüme Juvenilität, in der Romanos ein bösartiger Sadist und Konstantinos ein zügelloser Lustmolch gewesen war, die sich beide auf den Tod verhasst waren. Mit dem Alter wuchs die Verantwortung. Bei Romanos hatte dies nach seiner Thronbesteigung eingesetzt; wann bei Konstantinos die Wende gekommen war, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen. Noch zu seiner Zeit als Statthalter von Makedonia in Adrianopel hatte der Phokas ja – glaubte man den Gerüchten – ziemlich die Sau rausgelassen. Von alledem nunmehr keine Spur. Ja, es war eigentlich vielmehr ein Ausdruck der tiefen Verbundenheit als irgendetwas anderes. Die Wertschätzung, die auf Gegenseitigkeit beruhte, konnte nicht so ohne Weiteres erschüttert werden. Was über viele Jahre hart erarbeitet worden war, riskierte man doch nicht für ein innerfamiliäres Problem, so groß es auch sein mochte. Die stürmische Entladung war dann auch nichts mit unmittelbarer Folgewirkung, gerade als wollte man die kaiserliche Würde nicht unter ihr hohes Niveau drücken. Bereitwillig folgte Romanos dem Schwager auf den Balkon. Das Wetter lud ja auch dazu ein, war es gerade richtig, weder zu kühl noch zu schwül.

"Wir werden alt, Konstantinos", erwiderte Romanos nicht völlig ernst gemeint. Mit Anfang zwanzig waren sie in der Hochblüte ihres Lebens. Wie konnten sich solche jungen Männer ernsthaft mit dem körperlichen Verfall beschäftigen? Er würde früh genug kommen, von ganz allein. Mit zwanzig dachte kein Mensch daran. Überschritt man die dreißig, gab es erste Zweifel. Mit vierzig war man endgültig über seinem Zenit. Von da ab gab es nur mehr eine Richtung: bergab. Mit viel Mühe versuchten die Sterblichen seit jeher diesen Prozess des Niedergangs zu entschleunigen. Eine Zeitlang mochte es sogar klappen, zumindest scheinbar. Auf lange Sicht aber konnte niemand seinem Schicksal entrinnen.

Dann holte der Kaisar ganz weit aus und versuchte dem Autokrator tatsächlich, die Hintergründe zu erläutern, die zu einem solchen Konflikt innerhalb des Hauses Phokas geführt hatte. Romanos saß direkt neben Konstantinos und folgte jedem seiner Worte mit zunehmender Anspannung. Wie er bereits gemutmaßt hatte, lag die Wurzel allen Übels bereits sehr lange zurück in der Vergangenheit. Es war auch primär weder durch Konstantinos noch Ares verschuldet, sondern vielmehr das Produkt ihrer Väter. Eine falsche Entscheidung des Vaters des Ares, der die Liebe über die Familie gestellt hatte, vollzog den Bruch. Die Mutter von Ares war also eine Hure gewesen. Dies berührte Romanos durchaus, musste es doch eine schwere Hypothek für jedes Kind sein. War man aufgewachsen wie der Kaiser, dann lagen alle derartigen Sorgen so fern wie irgend möglich. Von daher konnte er das Gesagte nicht nachvollziehen. Konstantinos schloss damit, dass er es für nahezu ausgeschlossen erachte, jetzt noch eine Entspannung herbeizuführen. Von möglicher Rache war die Rede, die in der Luft läge. Wiederum brachte der Schwager auch seine grundsätzlichen Vorbehalte gegen die Eunuchen ein, die er bereits bei anderer Gelegenheit geäußert hatte.

"Ich verstehe nun deutlich besser, was der Anlass all des Übels ist. Fürwahr eine überaus komplizierte, verfahren erscheinende Situation. Womöglich wäre es wirklich das Gescheiteste, reduziertet Ihr Euren Kontakt auf das absolut Notwendige. Der Hof ist groß genug, um sich aus dem Wege gehen zu können. Ich werde künftig versuchen, ein direktes Aufeinandertreffen zwischen euch zu vermeiden." Hundertprozentig würde dies nicht klappen, das war auch Romanos klar, doch musste man es ja nicht auch noch befeuern. Mit ein wenig gutem Willen konnte man wohl mit einer Art Waffenstillstand leben, die Sache quasi totschweigen oder es zumindest versuchen. Inwieweit das Erfolge zeitigte, musste sich erst zeigen und war momentan nicht absehbar.

"Du langweilst mich damit bestimmt nicht, doch ist es sicherlich wahr, dass ich lieber über angenehmere Dinge sprechen würde", bestätigte er dem Phokas schließlich und lauschte dann seiner neuerlichen Anmerkung zum kaiserlichen Landsitz. Man merkte deutlich, wieviel Konstantinos dieses Projekt bedeutete. Es war gleichsam eine Art Kind für ihn, das er bestmöglich umsorgte, hegte und pflegte. "Ich brenne bereits förmlich darauf, den Landsitz in Augenschein zu nehmen", meinte er zu seinem Schwager und legte lässig seinen linken Arm um dessen Schulter, wie es guten Kumpels taten. "Ich werde mit dir dorthin reisen, soviel ist jetzt schon sonnenklar. Nach all deinen Mühen ist das ja auch das Mindeste, was ich tun sollte." Er grinste und stieß mit seinem Weinkelch an jenen des Konstantinos. Es würde sich schon alles fügen.

"Apropos: Weil du vorhin vom Abwehren von Gefahr sprachst: Ich möchte dir meine neueste Errungenschaft in dieser Hinsicht nicht vorenthalten. Du wirst begeistert sein." Er grinste wie ein Honigkuchenpferd und rief einen Diener herbei, dem er etwas zuflüsterte. Es war nur etwas ganz kurzes, gar nur ein einziges Wort. Der Lakai verschwand geschwind. Es verging keine Minute, da öffnete sich die Tür zu einem der Nebenräume der Gemächer. Obwohl der Kaiser und sein Schwager ja draußen auf dem Balkon sagen, meinte man doch eine Art leichte Erschütterung zu verspüren, fast so, als gäbe es ein leichtes Erdbeben, was in Konstantinopel öfter vorkam. Tatsächlich war es aber kein Erdstoß, sondern menschengemacht: Wie ein Titan schritt nämlich plötzlich ein riesenhafter Hüne auf die Terrasse heraus. Beinahe musste er sich dazu ducken, obwohl die Tür wahrlich überaus in die Höhe schnellte. Mit seiner dunklen Rüstung und dem Helm, der den direkten Blick auf das Gesicht verbarg, hatte man wirklich den Eindruck, einer der mythologischen Giganten stünde da. "Darf ich dir Gregorios Daimonozannes, den neuen Panhypermanglabites und Ritter des Purpurordens, vorstellen." Der Panhypermanglabites war der oberste Leibgardist des Kaisers, der ständig in dessen Nähe zu verharren hatte. Das faktische alltägliche Kommando der Manglabitai übernahm nach wie vor der ihm unterstehende Protomanglabites. "Er hält mir ab sofort jedes Übel vom Halse." Romanos schien belustigt, doch war nicht klar, ob sich Konstantinos vor diesem Koloss von über zwei Metern nicht eher fürchtete als beschützt fühlte.

9

Freitag, 17. Mai 2019, 22:23

Der oberste Beschützer Seiner Majestät war sofort zur Stelle, als man nach ihm rief. Den Diener, der ihn vom Ruf seines Herrn in Kenntnis setze, bedachte Daimonozannes mit einer schmerzlich durchdringenden Blick. Wenn Blicke töten könnten, dann wäre der arme Tropf nun tot umgefallen. Er tat gut daran, augenblicklich beiseite zu treten, als sich der Riese, der bisher wie bewegungslos dagestanden war, in Bewegung setzte. Es hätte sonst leicht sein können, dass er ihn einfach über den Haufen gerannt hätte. Dabei musste der Panhypermanglabites gar nicht besonders schnell gehen, waren seine Schritte doch doppelt so lang wie die gewöhnlicher Menschen, so dass er selbst im gemächlichen Schritttempo schneller war als diese.

Er trat auf den Balkon hinaus und stand nun im Freien, den kaiserlichen Gebieter kurz beäugend, dann sogleich den anderen, den er von da an nicht mehr aus den Augen ließ. Geradezu penetrant fixierte er den kaiserlichen Schwager, als wäre er ein potentieller Attentäter. Allzeit bereit, diesen, wenn nötig, ohne mit der Wimper zu zucken auszuradieren. Dazu nahm er wiederum seine statuenhafte, halbe Versteinerung an und verharrte wie ein Abkömmling des Kolosses über der Zufahrt zum Theodosioshafen, den man von hier aus gut sehen konnte.

Konstantinos Phokas

Protoarchitektonas tes Rhomaikes Autokratorias

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10

Freitag, 17. Mai 2019, 23:56

Konstantinos nickte dankbar für das Verständnis seines Schwagers. Oh, noch vor wenigen Jahren wäre ein solches Beisammensein undenkbar gewesen. Beider Charaktere waren gereift, man war jeweils einen Schritt aufeinander zu gegangen. Zunächst hatte man die Notwendigkeit der Zusammenarbeit erkannt, woraufhin sich in diesem speziellen Falle sogar eine Freundschaft entwickelte. Und so wie der Mensch niemals mit dem Lernen aufhört, so bleibt er auch niemals in der Entwicklung stehen und somit unterliegt auch die Freundschaft der Veränderung. Hielt die Freundschaft nach einer Auseinandersetzung, so erhält dieselbe das Attribut der Verlässlichkeit – auch im Streitfalle, das heißt: im Zweifelsfalle. Das war ein ganz wertvoller Aspekt, dessen man sich im ersten Moment vielleicht noch nicht Gewahr werden konnte.

Die Ergriffenheit, mit der der Protoarchitektonas schließlich von dem Landsitz sprach, schien auch auf den Autokrator überzugehen. „Es wird dir ja auch an keinem Luxus ermangeln. Allein, du bist fernab und frei vom üblichen Hofstaat. Da fällt’s mir ein, was ich dich fragen wollte: Hast du vielleicht ein bestimmtes antikes Spiel im Sinne, welches speziell im Dienste unserer - wie sagten wir? Hm, Tranquilität! - im freiräumlichen Theater aufgeführt werden soll?“ Er wollte keine Kosten scheuen und schlichtweg eine Schauspielertruppe engagieren.

Nun wollte aber auch der Kaiser dem Protoarchitektonas etwas mitteilen. Er sprach von seiner neuesten Errungenschaft in der Abwehr etwaiger Gefahren. Konstantinos , der sich zuvor ins Sofa hat sinken lassen, richtete sich neugierig auf. Nebenbei stieß man abermal miteinander an. Konstantinos hatte gerade nachgefüllt, da sah er, wie der Kelch, den kurz auf den Tisch gestellt hat, auf demselben vibrierte. Ja, der Wein schlug gar leichte Wellen in dem Gefäß. Zunächst warf Konstantinos seinem Schwager einen Blick zu, dann hob sich sein Kopf und er erblickte die hünenhafte, ja, ungeheuerliche Gestalt in einer riesig anmutenden Rüstung. Er hatte einen Helm auf, sodass man sein Gesicht nicht sehen konnte.

Wenn der Gardist den Protoarchitektonas anstarrte, so starrte derselbe mindestens ebenso stierhaft zurück. „Mein Gott, was für ein Hüne!“, rief er aus und Hüne war noch das höflichste und mildeste Wort, das ihm dazu einfiel. Die merkwürdig erscheinenden Augen des Mannes ruhten indes weiterhin auf dem Phokas und letzterer spürte den Blick regelrecht. Er runzelte die Stirn, merkte, dass dieselbe feucht von Schweiß war und er blickte zu seinem Schwager. „Wieso starrt der mich denn so an?“, fragte er Romanos und lächelte leicht gequält. „Bei der … Gestalt … kann man sich nur wünschen, dass er einen nicht als Gefahr für dich einstuft“, sagte der schwitzende Phokas dann wiederum unter einem Anflug von schwarzem Humor. Klar, rein theoretisch konnte ihn diese Bestie von Mann in der Luft zerreißen, faktisch aber war sie nur ein weiterer Befehlsempfänger, eben etwas größer, furchterregender.

Schließlich aber obsiegte die Neugier und der Phokas erhob sich. Auch wollte er ein wenig mit seiner Furchtlosigkeit prahlen. Er besah sich den Soldaten näher an und starrte einfach mal zurück. „Hört er auch auf meinen Befehl?“, fragte er Romanos ohne dabei den Blick von dieser menschlichen Waffe abzuwenden. Je länger er in diese Augen sah, desto furchtbarer empfand er den merkwürdigen Ausdruck, den er in ihnen sah und der etwas Unmenschliches an sich hatte. Bald aber wurde ihm die Kreatur doch zu unangenehm und er setzte sich wieder zu Romanos. „Ich hoffe, der bleibt da jetzt nicht die ganze Zeit stehen und starrt mich an.“ Er nahm einen großen Schluck Wein zu sich und grinste den Schwager an. „Insofern erzielt er die von dir beabsichtigte Wirkung in exzellenter Weise, selbst mir, der ich dein Kaisar bin, flößt er Angst ein, dabei bin ich wohl der letzte, der sich vor ihm fürchten muss.“

11

Samstag, 18. Mai 2019, 23:58

Der Kaiser überlegte eine Weile, als ihn der liebe Schwager fragte, ob er der denn ein bestimmtes antikes Spiel im Sinne habe für das geplante Freilichttheater. "Wie wäre etwas vom altehrwürdigen Euripides? 'Medea', 'Elektra' oder vielleicht 'Helena' – zu Ehren meiner Mutter." Diese griechischen Tragödien waren natürlich absolute Klassiker, besonders die ersten beiden. "Hauptsache ein klein wenig blutrünstig. Ich liebe Theatralik, wie du nur allzu gut weißt, Lieber." Bei Konstantinos hatte er einen Seelenverwandten, der das nachvollziehen konnte, ohne sich verstellen zu müssen. Besser man sah es mit Theaterdonner, dann brauchte man keine echten Kriege führen. Derer wurde man ja auch langsam überdrüssig. Jedenfalls würde solch eine Theateraufführung auf dem neuen Landsitz in einer solch idyllischen Lage sicher aufsehenerregend sein.

Dann galt die Aufmerksamkeit allerdings der neuesten Errungenschaft, wie es Romanos genannt hatte. Der Kaiser grinste in sich hinein, als er das ehrliche Erstaunen des Konstantinos sah, der angesichts des obersten Leibgardisten nach Worten rang. "Keine Bange. Solange ich ihm kein Zeichen gebe, wird er dir kein Haar krümmen." Wie beruhigend. Das klang beinahe so, als täte er dies ansonsten jetzt sofort.

"Nun, Daimon – so nenne ich ihn am liebsten – wird deinem Befehl folgen, sowie ich diesen bestätige, sagen wir es mal so ..." Andernfalls wäre es ja auch absurd, wenn auch andere dem Titan etwas diktieren könnten. "Hehehe, genau das ist eigentlich seine Aufgabe. Doch wenn es dich stört ...", meinte Romanos gönnerhaft und drehte sich zum Panhypermanglabites, der sogleich noch strengere Haltung annahm. "Daimon, du darfst dich wieder nach drinnen begeben. Bleibe aber in Rufweite." Sprach's und kaum ein Sekündchen darauf folgte der Gigant der Anordnung, indem er sich wegdrehte und den Phokas erstmal aus seinem Fokus verlor. Wieder schien der Boden leicht zu zittern, als er aufstapfte.

"Solange du mich nicht meucheln willst, darfst du beruhigt sein", meinte Romanos und fuhr sich durch ein goldenes Haar. "Ein potentieller Attentäter bist aber auch du, Konstantinos. Ich glaube, wirklich jeder Mensch ist in der Lage, ein Mörder zu sein." Er fixierte ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Ernst. "Sag an: Wie würdest du's anstellen, wäre es dein Ziel? Sprich ruhig frei heraus, das würde mich jetzt interessieren."

Konstantinos Phokas

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12

Sonntag, 19. Mai 2019, 02:01

Konstantinos speicherte sich die Antwort des Kaisers natürlich im Gedächtnis ab; Euripides sollte es also sein, bevorzugt Medea, Elektra oder gar zu Ehren seiner Mutter Helena. Vielleicht würde es die Kaiserinmutter ja doch einmal gnädig stimmen, denn sie schien gar wenig von Konstantinos zu halten. Die Befürchtungen seines Schwagers schienen Romanos zu belustigen, jedenfalls versuchte er ihn zu beruhigen; solange Romanos dem Monstrum kein Zeichen gebe, würde er Konstantinos kein Haar krümmen. Keck erwiderte Konstantinos sofort: „So kann ich nur hoffen, dass du meiner nicht irgendwann überdrüssig wirst.“

Gott sei Dank schickte der Kaiser den Gardisten wieder vom Balkon, denn dessen Anwesenheit hatte den Kaisar fortwährend irritiert. Nun sprach er in seiner mysteriösen Art davon, dass doch selbst Konstantinos ein potentieller Attentäter sei und ja im Grunde jeder Mensch in der Lage war, ein Mörder zu sein. „Ein jeder Mensch trägt wohl das Potential in sich“, erwiderte Konstantinos zustimmend. „Selbiges gilt natürlich aber auch für einen Panhypermanglabites, nur dass er uns beide mit einer Hand zermalmen könnte.“

Die Frage, wie er es anstellen würde, den Kaiser zu ermorden, traf ihn mehr oder weniger völlig unerwartet. In ihren vielen langen Gesprächen wechselten sie die Themen oft abrupt, kamen auf eine andere Thematik zu sprechen nur um später zum Ursprung zurückzukehren. Konstantinos musterte den Kaiser gewollt so, als überlegte er, wie er ihn am besten erledigen könnte. „Du willst es also wirklich wissen?“, fragte er und rückte dem Kaiser näher. „Zunächst würde ich dich küssen und dich liebkosen und in Sicherheit wiegen.“

Er hob die Hände und betrachtete sie eingehend, dann fuhr der Blick zu Romanos. „Und dann …“ Er spielte scheinbar mit. Seine Hände wanderten in Richtung des kaiserlichen Halses, doch dann hielt er inne und ließ sie sinken. „Um ehrlich zu sein, vermag ich es nicht auszusprechen, so gräßlich erscheint mir alleine der Gedanke.“ Erwürgen war wahrlich ein gar hässliches Wort. Konstantinos nahm einen Schluck Wein zu sich. „Ich denke, es erübrigt sich für mich, dich zu fragen, wie du mich umbringen würdest. Das hast du ja praktisch bereits durch die Vorführung dieses Gardisten vorweggenommen.“ Er lachte, wie um zu unterstreichen, dass er all dem Gesprochenen keinerlei Ernsthaftigkeit beimaß. "Sag mal, hast du heute noch etwas Nennenswertes vor? Ansonsten könnten wir uns zusammen fürderhin der Verkostung dieses herrlichen Weines widmen", schlug er sodann eine weitere - wenig überraschende - Beschäftigung vor. Im Grunde der übliche Verlauf ihrer Treffen.

13

Sonntag, 19. Mai 2019, 22:21

"Eines Phokas überdrüssig?", lachte der Kaiser. "Wie könnte ich? Verdanke ich deiner Schwester doch den imponierendsten aller erdenklichen Schwiegerväter." Dieses Kompliment an Bardas Phokas war durchaus ehrlich gemeint, denn füllte dieser doch gleichsam die Lücke der starken väterlichen Vorbildfigur, welche Konstantinos VII. – bei all seinen anderweitigen Meriten – erzeugte. Ja, manch einer fragte sich vielleicht sogar, welch ein ehrfurchtgebietender Autokrator Bardas wohl gewesen wäre, hätte das Schicksal anders entschieden.

"Welch geschickte Entgegnung, ich muss schon sagen!" Denn dies war letztlich ja durchaus die Schlussfolgerung aus des Kaisers Ansage. "Noch bin ich glücklicherweise durchaus in der Lage, den Daimon zu bändigen." Die Ergebenheit dieses Mannes war unumstritten, hatte sich der Ritter Gregorios doch schon frühzeitig als loyaler Streiter für das Haus der Makedonen bewiesen. Höhere Ambitionen entwickelte dieser Koloss wohl ohnehin nicht, war er doch alles andere als eloquent. Nein, er hatte seine ideale Rolle eingenommen und konnte darin aufgehen.

Sodann erläuterte der Schwager auf die etwas impertinent erscheinende Frage des Kaisers hin, wie er im Falle des Falles vorginge. Bereits bei seiner Einleitung gelang es Konstantinos, den Kaiser zu amüsieren. Dann zeigte er ihm an, wie er er anstellen würde. Romanos musste sich vor Belustigung zusammennehmen. "Wahrlich, eine ausgefallene Vorstellung. Geradezu faunisch angehaucht", sprach er schließlich und musste unweigerliche an seine Jugend zurückdenken, als er derlei morbid-erotische Phantasien zuweilen ausgelebt hatte. "Die Verbindung von Eros und Thanatos erschien mir schon immer besonders reizvoll, muss ich gestehen." Wieso auch ein Blatt vor den Mund nehmen, man war hier immerhin unter sich. "Vielleicht sollten wir es beizeiten bedenken, wenn sich ein mehr oder weniger Freiwilliger findet." Dies klang nun schon recht grenzwertig, denn immerhin wäre es ja ein Spiel auf Leben und Tod, und der unfreiwillig Freiwillige musste mit dem Schlimmsten rechnen.

"Du weißt ja, dass ich bei Weinen nicht nein sagen kann", bestätigte Romanos die augenscheinliche Hoffnung seines Schwagers. "Wenn du schön artig bist, darfst du auch bleiben." Vielleicht intendierte Konstantinos dies ja auch mehr oder weniger. Da an diesem Tage ohnehin niemand anderer in Sicht war, wäre es zumindest zweckmäßig.