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Armenien: Sämtliche Zölle zwischen Armenien und dem Reich wurden aufgehoben. Das Kaiserreich plant den Bau einer Zweigstelle der Kaiserlichen Kreditanstalt in Kars.

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Donnerstag, 9. Mai 2019, 22:18

[Rückblende: Anno 942] Wer Hass sät, wird Hass ernten

Sim-Off:
Dieser Thread spielt sich im Jahre 942 ab, stellt also eine Rückblende dar. Die Beteiligten sind allesamt informiert.


Siebzehn Jahre waren vergangen, seitdem Adamantios Phokas, einer der jüngeren Brüder des Bardas, im Jahre 925 zum letzten Mal einen Fuß über die Schwelle des Palast des Lausos gesetzt hatte. Siebzehn Jahre, in denen man sich gegenseitig totgeschwiegen hatte. Das heißt: In erster Linie wurde Adamantios totgeschwiegen. Nachdem er eine unstandesgemäße Heirat trotz des Widerspruchs seines Bruders, des Familienoberhauptes der Phokadai, geschlossen hatte, war alles den Bach hinuntergegangen. Bardas machte seine Drohung nämlich tatsächlich ernst, indem er Adamantios quasi über Nacht die Zugehörigkeit zum Hause Phokas aufkündigte. Darauf hatte der General seine beiden anderen Brüder Markianos und Diokles eingeschworen, die sich ebenfalls verpflichteten, alle Bande zu durchtrennen. Diesem Entschluss war ein monatelanger Disput zwischen Bardas und Adamantios vorausgegangen, der eine Gemeine namens Anna kennengelernt und sich heimlich mit ihr verlobt hatte. Nachdem Bardas von der Sache Wind bekommen hatte, stellte er dem Bruder ein Ultimatum. Er wollte keinesfalls dulden, eine solche Person - wie Bardas es ausdrückte - in seiner Verwandtschaft zu haben, hieß es doch, die besagte Anna sei die Tochter eines einfachen Schankwirtes und gab es gar noch ärgere Gerüchte, die von einer zeitweiligen Karriere als leichtes Mädchen sprachen. Bei einem solchen Stelldichein hatte Adamantios dieses in Bardas' Augen unwürdige Weib kennengelernt und wollte sie nun auf Gedeih und Verderb zu seiner Ehefrau machen. Adamantios gab indes nicht nach und setzte sich letzten Endes einfach über das strenge Verbot des Familienpatriarchen hinweg, indem er Anna doch heiratete. Dies führte zu den schlimmsten Verwerfungen, die man sich vorstellen kann, denn wurde Adamantios von nun an die Tür gewesen und war er im Lausos-Palast nicht mehr willkommen.

So zogen der so liberal eingestellte Adamantios und seine Frau in eine kleine Wohnung, die eigentlich unter seiner Würde war und mitten im Hafenviertel der Region IX lag. Die Propaganda des Bardas zeigte bald schon ihre Wirkung, setzte dieser doch alle Hebel in Bewegung, damit Adamantios wegen irgendeines Vorwandes aus der Stadtverwaltung entlassen wurde. Bis dato war er als Symponos für die Zünfte von Konstantinopel zuständig gewesen, ein durchaus einträgliches Amt. Mit einem Mal verlor er dieses und stand beinahe mittellos da, da ihm Bardas jedwede ihm unter anderen Umständen zustehende Unterstützung versagte, handelte es sich in seinen Augen doch um kein Mitglied des Hauses mehr. Dem nicht genug, distanzierten sich die meisten Bekannten und (angeblichen) Freunde des Adamantios in rascher Folge von diesem. Im Stadtrat wollte ihn fast keiner mehr kennen.

So begann der Abstieg. Adamantios musste sich mit Gelegenheitstätigkeiten über Wasser halten, da ihm sein Name im rauen Hafenviertel sogar eher noch von Nachteil war, galt er doch als überheblicher Adeliger, was nicht im Geringsten zutraf. Er war zu stolz, um beim Kaiser - damals noch Romanos I. - vorstellig zu werden, so dass er seinen sozialen Niedergang lieber hinnahm als seine Würde aufs Spiel zu setzen. Später hieß es, Adamantios, ein gut aussehender Mann in seinen besten Jahren, sei binnen kürzester Zeit gealtert und habe von einem auf den anderen Tag schneeweißes Haar bekommen.

Dieser Misere stand zumindest anfangs ein familiäres Glück gegenüber, sorgten diese Schicksalsschläge doch dafür, dass Adamantios und Anna noch enger zusammenwuchsen. Bald wurde ihnen ein erster Sohn geboren, der indes das vierte Lebensjahr nicht erreichte. Ein schwerer Schock, von dem sich die Eltern indes nicht entmutigen ließen. 930 schließlich wurde ihre Tochter Sophia geboren. Dies fand während einer der seltenen Reisen des stets klammen Paares in Kaisareia statt. Dort fand Adamantios zunächst eine Stelle in der Verwaltung, die er nach der Abberufung des bisherigen Statthalters indes schon 932 wieder verlor. Man munkelte, Bardas habe auch dabei seine Finger im Spiel gehabt.

So ging es im selben Jahr 932 zurück in die Hauptstadt. Kurz darauf wurde Anna abermals schwanger. 933 wurde Ares, ein weiterer Sohn geboren, doch überlebte die Mutter die schwierige Geburt nicht. Sie starb, kaum dreißigjährig und hinterließ einen finanziell ruinierten Witwer mit zwei kleinen Kindern. Der Tod Annas führte dazu, dass sich Adamantios zunehmend gehen ließ. Er begann schwer zu trinken und war in der Folge gar nicht mehr in der Lage, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Die Kinder wuchsen in abenteuerlichen Verhältnissen auf, nur die wenigsten wussten um ihren aristokratischen Hintergrund.

Bardas, der über dieses Elend durchaus im Bilde war, hatte einzig die Sorge, dass der Name Phokas dadurch noch mehr in den Dreck der Gosse gezogen werden könnte. Nur deswegen sorgte er dafür, dass die Elenden zumindest nicht den Hungertod starben, indem er über Dritte geringe Summen Geldes schicken ließ. Dieses reichte gerade so zum Existieren, aber kaum zum Leben. Vor allem Ares bekam die zunehmende Wut des Adamantios wegen all des Unglücks zu spüren. Von Anfang an hatte er den Knaben für das Ableben seiner Frau verantwortlich gemacht, was dieser mit zunehmenden Alter auch mehr und mehr erfahren musste. Körperliche Misshandlungen standen lange Zeit an der Tagesordnung. Die Tochter schonte Adamantios hingegen, auch wenn es ihr dadurch nicht unbedingt besser ging, musste sie das Leid ihres kleinen Bruders doch hautnah mitverfolgen und fungierte bald schon, bereits fünfjährig, als eine Art Ersatzmutter.

So ging dies etliche Jahre weiter. Adamantios kam im Grunde genommen nicht mehr wirklich auf die Beine. Erst 942, neun Jahre nach dem Unglücksjahr, das auch das Geburtsjahr des Ares war, tat sich ein kleines Wunder auf, da die Stadtverwaltung von Konstantinopel abermals erwog, den einst so unwürdig Entlassenen wieder in ihre Dienste zu nehmen. Angeblich steckten die Lekapenoi dahinter, die damals den Kaiser stellten und die damit in erster Linie Bardas Phokas schaden wollten, indem sie den von ihm ungeliebten Bruder wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen gedachten. Adamantios war nüchtern betrachtet gar nicht mehr in der Lage, ein solches Amt auszuüben, war er doch schwer alkoholabhängig. Gleichwohl erfolgte an einem Sommertag im Jahre 942 die offizielle neuerliche Ernennung zum Symponos. Ein Bote hatte ihm die Urkunde zugestellt, die Adamantios zunächst für eine Fälschung hielt. Sein Alkoholpegel lag mittlerweile kaum mehr unter drei bis fünf Flaschen Wein pro Tag.

Sofort rief der Vater seine beiden Kinder zu sich. Trotz des Suffs hatte sich Adamantios äußerlich eine gewisse Würde erhalten, so dass man ihn auf den ersten Blick gar nicht für einen Säufer gehalten hätte. Die Ernennungsurkunde in Händen, wirkte er an diesem Tage ungewöhnlich fröhlich und beredt. Selbst Ares gegenüber schlug er einen freundlicheren Ton an, was diesen gleichwohl eher verunsichern musste. Adamantios hatte sich eine fixe Idee in den Kopf gesetzt, bei der ihm die beiden nun zu Seite stehen sollten: Er wollte schnurstracks zum Palast des Lausos marschieren, um seinen verhassten Bruder Bardas von dieser Ernennung in Kenntnis zu setzen. Die Schadenfreude stand ihm über beide Ohren geschrieben.

Mit einer vollen Weinflasche in der einen Hand und der Urkunde in der anderen torkelte er mit Sophia und Ares, die wohl eher aus Sorge um den Vater mitkamen, wie eine unfreiwillige Witzfigur in Richtung der Region V. Unterweg machte er bereits durch deftige Aussprüche auf sich aufmerksam, die sich an seinen Bruder richteten. Das führte dazu, dass sich eine Menschenmenge diesem seltsamen Zug anschloss, der schließlich vor dem Portal des Palastes des Lausos zum Stehen kam.


Adamantios Phokas

Lautstark setzte der Betrunkene schließlich an: "Bardas Phokas, du alter Gauner! Hörst du mich, Bardas?! Zeig dich gefälligst!" Die Wachen des Hauses waren zunächst irritiert. Nur die älteren unter ihnen erkannten den Mann sogleich und informierten den Hausherrn. "Sieh nur, Bruder, was ich von heute an wieder bin: Symponos von Konstantinopel! Ha! Da staunst du, was!" Er lallte zunehmend und redete sich immer mehr in Rage. "Jetzt wär's doch an der Zeit, dass man mich wieder hinein lässt, in mein Geburtshaus! Verdammt nochmal, wo bist du, Bardas?!!!"

Das Spektakel nahm seinen Lauf. Immer lauter und heftiger brüllte Adamantios um sich. Keine der Wachen traute sich einzuschreiten. "Sieh, was aus meinen hübschen Kindern geworden ist! Sophia bringe ich bald an den Mann und Ares wird auch noch irgendetwas! Schau sie dir an, deine Nichte und deinen Neffen, von dem Eheweib, das mich bis zu ihrem letzten Atemzug geliebt hat!" Er grinste und klopfte seinen beiden Kindern auf die Schulter. "Ich bin wieder jemand, Bardas! Von heute an bin ich wieder jemand in Konstantinopel, lass dir das bloß gesagt sein!", schrie er wiederum.

Schließlich trat er auf das Portal zu, vor dem mehrere Wachen standen. "Und ihr, was glotzt ihr so dämlich?! Erkennt ihr mich nicht?! Ich bin es, Komes Adamantios Phokas, Symponos von Konstantinopel! Macht Platz und lasst mich vorbei!" Das taten die Wachen natürlich nicht. "Pah! Ihr folgt doch nur den hohlen Worten dieses Diktators, der sich mein Bruder zu sein schimpft!" Er nahm einen tiefen Schluck Weines. "Bardas, wenn du nicht gleich rauskommst, dann kotz ich dir vor die Bude, da pass bloß auf, haha!!!"

Er blickte zu Ares. "Ruf du nach deinem Onkel, vielleicht hört er auf dich. Na wird's bald!" Beinahe wäre Adamantios schon wieder handgreiflich geworden und drohte dem Neunjährigen eine Ohrfeige an. Der Pöbel, der sich ringsherum versammelt hatte, lachte schon seit geraumer Zeit.

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Freitag, 10. Mai 2019, 00:17



Sophia folgte dem peinlichen Zug und wirkte alles andere als begeistert. Die Menschen schüchterten sie ein und dennoch musste sie Stärke zeigen, um ihren kleinen Bruder zu beschützen. Außerdem war da noch ihr Papa, der sich an diesem Tage besonders komisch verhielt. Immerhin zeigten sich die Menschen noch neugierig und zugeneigt. Zu einem gewissen Bardas wolle er gehen und es war sein Bruder, also ihr Oheim, das wusste sie genau. Den Namen Bardas hatte sie unzählige Male von ihrem Papa gehört, aber nie in einem guten Zusammenhang und oft gepaart mit bösen Wörtern. Wieso gingen sie also ausgerechnet zu Bardas, wenn Papa doch etwas Gutes feiern wollte? Das fragte sich die kleine Sophia, die sich ein schönes Kleid hatte anziehen müssen.

Schließlich hielten sie vor einem großen Palast, zumindest erschien er Sophia wie ein gigantisches Bauwerk, viel größer und schöner als ihr eigenes Zuhause. Es musste ja unglaublich viele Zimmern haben! Mehr oder minder schockiert starrte sie dann mit offenem Munde in Richtung ihres Vaters, der plötzlich in Rage geriet und wie wahnsinnig herumzuschreien begann. Dabei trank er dieses scheußliche Gesöff welches sich Wein nannte. Sophia hielt die Hand ihres Bruders, während sich das Publikum über ihren Vater amüsierte und ihn teilweise offen verspottete. Sein Verhalten tat das Übrige. Wie Statisten waren Sophia und Ares zu diesem Schauspiel aufgestellt worden und es gab nichts, was sie dagegen hätten tun können.

Völlig unvermittelt drehte sich ihr Vater um und wandte sich an ihren Bruder, den er oft besonders gemein behandelte. Schon befürchtete sie, Papa könnte ihm wieder mit der Hand wehtun. Sie beugte sich zu ihrem kleinen Bruder und hielt ihn an beiden Armen. „Los, Ares, ruf ganz laut ‚Bardas‘, flehte sie ihn an und hatte ob der schlimmen Befürchtung, dass ihm Gewalt angetan werden könnte, Tränen in den Augen. Sie flehte ihn an, nur damit er von der Gewalt des Wüterichs verschont bliebe. Sie blickte kurz zu den Menschen ringsum, doch niemand würde ihnen helfen. Die Leute lachten und fanden die Situation gar lustig und warteten nur auf den nächsten Sager ihres Vaters oder auf einen "Bardas" Ruf seines kleinen Sprösslings. Ein makaberes, peinliches Schauspiel. Sie konnte nicht ganz erfassen, was sich da abspielte und wieso - was war überhaupt ein Symponso? Doch sie würde sich für immer an diesen Tag erinnern.

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Freitag, 10. Mai 2019, 00:52



Das Neunjährige-Ich war ein kleines Häufchen Elend. Wer glaubte, dass ich in späteren Jahren zu der eher schweigsameren Sorte gehörte, hatte mich als Kind nicht gekannt. Der ständige Druck meines Vaters, dem ich tagtäglich ausgesetzt war und zudem des öfteren in Prügel ausartete, hatte mich gelehrt am besten gar nicht erst zu reden. Doch auch damit war ich nie aus dem Schneider, denn der Alkoholismus meines Vaters befeuerte dessen Tendenzen noch, an die Decke zu gehen, selbst wenn ich nur anwesend war und mir nichts weiteres zu Schulden kommen ließ.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass mir jegliches kindliche Verhalten vollends abging. Jegliche kindliche Unbeschwertheit wurde durch meinen Vater unterbunden und so war das Kind, das trotz allem in mir lebte, Gefangener meiner aufgezwungen Emotionslosigkeit. Einzig meine Schwester vermochte es, wirklich zu mir durch zu dringen. Wie sie es vollbrachte, beziehungsweise immer wieder durchstand, den kalten und scheinbar gefühlslosen Bruder immer wieder aufmuntern zu wollen, war selbst mir ein Rätsel.
Doch ich vertraute meiner Schwester, war sie doch die einzige, die mir wirklich ein wenig Liebe entgegen brachte.
So kam es auch, dass sie mich an jenem schicksalhaften Tag an der Hand führte, während wir unserem torkelnden Vater zum Palast des Lausos folgten.
Ich hatte selten unser Haus in der Region IX. verlassen; es war nicht der Wille meines Vaters, seine größte Enttäuschung auch noch inder Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Region V., in der wir uns befanden, brachte daher meine damals schon toten Augen leicht zum staunen. Solch vornehme Häuser, vor allem in ihrer Größe, waren mir bisher nicht untergekommen. Am prächtigsten weit und breit, hielten wir an und Vater begann, wirr zu schreien, sodass die Leute um uns herum sich gar köstlich amüsierten. Die Trunkenheit war weder zu überhören, noch zu übersehen. Eingeschüchtert ob der vielen Blicke, verharrte ich wie angewurzelt auf der Stelle, die Worte des Vaters in Richtung der Wachen in meinem Kopf ungehört verhallend.

Erst als dieser sich, die Hand zur Ohrfeige ausgeholt, an mich wandte, erwachte ich aus meiner Starre, doch hatte ich nicht gehört, was Vater zu mir gesagt hatte. Fragend und eingeschüchtert schaute ich ihn an, ehe sich Sophia vor mich stellte und an den Armen griff, bereit mich wachzurütteln. Ich wusste nicht wie mir geschah und in meiner Verwirrung entschloss ich mich dazu zu tun, was man von mir verlangte. Nunja, nicht ganz:
"BAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARKAAAAAAAAAAAAAAAAAAS!", rief ich, weder wissend, was dieses Wort bedeutete, noch warum ich es rufen sollte, noch, dass ich den Namen des Onkels falsch aussprach.

4

Freitag, 10. Mai 2019, 02:52



Die Regierungszeit des Usurpators Romanos Lekapenos, die 919 begann und 944 erst einmal enden sollte, hatte für das Haus Phokas von Anfang an Schwierigkeiten mit sich gebracht. Zwar blieben die Phokadai fraglos eines der mächtigsten Adelsgeschlechter des gesamten Reiches, doch relativierte sich die bis zu diesem Zeitpunkt steil verlaufende militärische Karriere des Bardas Phokas zunächst. Nach dem Machtwechsel war er lange Jahre "nur" irgendein General, ohne in die allerhöchsten Führungsämter aufzusteigen oder einem der ehrwürdigen Tagmata vorzustehen. Die Viglen, die er 914 übernommen hatte, verlor er 919 wieder. Es waren lange Jahre des Abwartens, in denen es umso wichtiger war, die innere Einheit des Hauses Phokas zu bewahren, damit man nach Außen stark auftreten konnte. Bardas war seit dem Tode seines älteren Bruders Leon Phokas im selben Jahr 919 zum Familienoberhaupt der Phokadai avanciert. Sogleich setzte er alle Hebel in Bewegung, um die Hausmacht zu konsolidieren und auch ein lekapenisches Kaisertum überstehen zu können. Diese Bemühungen würden sich auf lange Sicht auszahlen, auch wenn dies 942 noch nicht absehbar war. Nach über zwei Jahrzehnten schienen das Haus Lekapenos nicht mehr von der Macht verdrängbar zu sein.

Umso bitterer war, dass sich Bardas' jüngerer Bruder Adamantios gegen die Disziplin innerhalb der Familie stellte und sich unstandesgemäß vermählte. Hätte er sich dieses Weib als Geliebte genommen, Bardas hätte damit zähneknirschend leben können, doch durch eine Eheschließung hob er eine Hure aufs hohe Ross und machte sie zu einem Teil des altehrwürdigen Hauses, das sich bis auf die berühmten Fabier zurückverfolgen ließ. Dadurch brachte er Schande über das Haus und befleckte die Familienehre, die Bardas soviel bedeutete. Für ihn war Adamantios völlig selbstsüchtig und egozentrisch, dachte er doch nur an sich und nicht an die Familie. Folgerichtig war es daher, dass es nachhaltige Konsequenzen für dieses unstatthafte Verhalten gab. Der Familienpatriarch entzog Adamantios die Gunst und strich ihm die ihm eigentlich zustehende Apanage, die ihm einen standesgemäßen Lebenswandel ermöglichte. Der Zwist im Hause Phokas machte schnell die Runde. Bardas hatte die besseren Karten und spielte seine Kontakte gnadenlos aus. Ehe man sich versah, war Adamantios seinen Posten als Symponos von Konstantinopel los.

Dass das Weib des Adamantios, welches Bardas schlichtweg die Hure nannte, mehrere Kinder in die Welt setzte, empörte ihn selbstredend ebenfalls, würde so diese unselige Nebenlinie doch nach menschlichem Ermessen noch über Adamantios' Tod hinaus weiter bestehen. Ein Mädchen und ein Knabe überlebten das kritische Kleinkindalter, nicht aber die Bardas so verhasste Mutter. Die Fronten verhärteten sich nach deren Ableben sogar noch, da Adamantios wohl in eine tiefe persönliche Krise stürzte. Keineswegs aus Bruderliebe ließ ihm Bardas nach seinem Absturz eine geringe Leibrente zukommen, wollte er doch den Skandal vermeiden, dass ein Phokas in der Gosse stürbe. Dadurch erhoffte er sich letztlich auch einen Zugriff auf die beiden Bälger, die man am Ende doch noch irgendwie im Sinne der Familie verwenden konnte.

Dieser Zustand hielt etliche Jahre an. Aus unerfindlichem Grunde sollte es aber nochmal eine Wendung geben im Leben des mittlerweile schwer alkoholkranken Bruders, da eine höfische Clique, die den Lekapenoi nahestand, Bardas eins auswischen wollte, indem sie den sichtlich nicht mehr dazu fähigen Adamantios neuerlich als Symponos und somit Aufseher der städtischen Zünfte ins Spiel brachte. Eben dieses Ereignis sollte das seit langem brodelnde Fass zum Überlaufen bringen.

An einem Tag im Juli des Jahres 942 stand nämlich plötzlich und zum ersten Mal seit anderthalb Jahrzehnten Adamantios Phokas vor dem Palast des Lausos. Die Dienerschaft machte den Hausherrn auf diesen Vorfall aufmerksam. Bis Bardas, begleitet von seinem jüngsten Sohn Konstantinos, zu einem der Fenster geeilt war, hatte sich die Situation vor dem Portal bereits stark aufgeheizt. Adamantios, offenkundig nicht mehr Herr seiner Sinne, machte sich vor den Augen der halben Stadt lächerlich, indem er nun öffentlich die direkte Konfrontation mit Bardas suchte. Scheinbar hielt er sich, durch sein wiedergewonnenes Amt, nun dafür in der Lage, es auf Auge um Auge und Zahn um Zahn ankommen zu lassen. Bei sich hatte der Bruder auch seine beiden Kinder, die mittlerweile zwölfjährige Sophia und den neunjährigen Ares. Bardas hatte beide seiner Lebtage noch nicht gesehen und auch keine große Lust, dies nun zu ändern.

Allerdings drohte durch den unwürdigen Auftritt des Adamantios neuerlich die Familienehre in den Dreck gezogen zu werden. Wie ein Säufer aus der Gosse grölte er immer fort und ließ jede Würde vermissen. In seiner Hand hielt er offenbar jene Ernennungsurkunde, die ihn wiederum zum städtischen Symponos machte. Die Wachen griffen vielleicht auch deswegen nicht direkt ein, denn immerhin war Adamantios damit ein Amtsträger der Hauptstadt.

Schließlich sah sich Bardas genötigt, selbst nach dem Rechten zu sehen. Da von seinen Söhnen allein Konstantinos anwesend war, schnappte er sich kurzerhand denselben, auf dass er ihn nach draußen begleite. Dort spielten sich immer absurdere Szenen ab. Während sich der General bereits auf dem Wege zum Portal befand, kreischte nun scheinbar der Bastard Ares nach Bardas' Namen - und noch dazu falsch. Nur Augenblicke später öffnete sich das Tor und es schritten Bardas Phokas, 64-jährig, und sein Sohn Konstantinos, 14-jährig, heraus. Bardas trug bereits seine Generalsrüstung, da er eigentlich in Kürze zu einem Ausritt aufbrechen wollte. Daraus würde sobald nichts werden.

"Findest du nicht, dass du in diesem Aufzug schwerlich dem Bilde eines Symponos entsprichst?", begann der General, der zwar sechs Jahre älter war als Adamantios, aber mindestens sechs Jahre jünger daherkam. "Du gehst nun besser nach Hause - und vergiss deine Bälger nicht." Dabei fixierte er mit durchdringendem Blick zunächst Sophia, dann Ares. "Der Junge scheint mir im Übrigen etwas minderbemittelt. Dabei warst du doch immer das Gegenteil davon, Bruder. Dann muss er wohl nach der Hure gehen." Dazu traf den Ares ein Blick der absoluten und vollkommenen Verachtung, der ihn derart durchbohrte, als habe es den Anschein, Bardas wolle den unreinen Samen, der sein Haus befleckt hatte, allein damit ausmerzen. Besonders der Junge war ihm wahrlich ein Dorn im Auge, denn über denselben würde diese widernatürliche Nebenlinie weitere Wurzeln schlagen können, die gar im Stande wären, dem Stamm selbst gefährlich zu werden. "Das Beste wäre, man steckte ihn in ein Kloster - oder besser noch: zu den Eunuchen." Nun grinste ihn sein Onkel, den er bisher wohl nur vom Hörensagen gekannt hatte, mit einem Anflug des Diabolischen an. Selbst in seinem Hass war Bardas berechnend. Wenn er den Kerl schon nicht ungeschehen machen konnte, dann sollte er zumindest nicht weitere Bastarde mit dem guten Namen in die Welt setzen können. Als Hofeunuch konnte er sogar zu etwas nützlich sein.

Dass an diesem Tage die Idee geboren wurde, den Ares Phokas der Kastration zu unterziehen, war aus späterer Sicht offenkundig. Adamantios würde zum jetzigen Zeitpunkt indes schwerlich zustimmen, fühlte er sich doch wieder ebenbürtig.

Sim-Off:
Hierzu wohl wirklich passend

Konstantinos Phokas

Protoarchitektonas tes Rhomaikes Autokratorias

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Freitag, 10. Mai 2019, 11:21



Konstantinos lernte gerade mit seinem Hauslehrer Rhetorik. Seit seinem achten Lebensjahr erhielt er regelmäßigen Unterricht und seit einem halben Jahr – eben seit seinem 14. Geburtstag – auch Unterricht in Philosophie und Rhetorik. Selbst einem jungen Phokas, aus dem idealerweise ein Krieger würde, ließ man in jenen Tagen eine gründliche geistige Ausbildung angedeihen. So auch ihm, Konstantinos, doch im Gegensatz zu seinen Brüdern war er so begeistert von seinem Unterricht, dass er an das Kriegerwerden immer weniger nachdachte und sich vielmehr als Krieger mit der Feder in der Hand vorstellte. Konstantinos übersetzte gerade klassisches Latein, eine zähe Angelegenheit. Zwar konnte er bereits viele Vokabeln, doch tat er sich mit der Grammatik schwer und so brütete an diesem Sommertage bereits seit zwei Stunden über einem lateinischen Text und kam nicht so recht voran.

Konstantinos‘ Kinderzimmer war zur Straße hin gerichtet; sein späteres, größeres Zimmer würde dann zum Garten hin gerichtet sein. Da er praktisch im Stockwerk über dem Eingangsportal wohnte, hörte er als allererstes, was sich unten bzw. davor abspielte. Immer wieder drang der Ruf nach Bardas herauf, sodass Konstantinos schließlich am Fenster erschien, sich auf die Zehenspitzen stellte und hinuntersah. Eine ganze Menschenmenge hatte sich dort versammelt und im Zentrum stand ein Mann mit hochrotem Kopf, neben ihm zwei kleine Kinder.
„Papa! Da unten ruft wer nach dir!“, rief Konstantinos nun selbst, denn er wusste nicht, was er ob der ungewöhnlichen Situation tun sollte, zumal er meinte, der untenstehende schreiende Mann hätte ihn am Fenster stehen gesehen. Schon lief er vom Fenster weg, da drang ein schriller, quieckender Schrei herauf, ein schrilles „Barkas.“ Barkas, das klang mehr nach einem Hund als nach einem Menschen. Konstantinos fuhr dieser Schrei indes durch Mark und Bein, hatten schreiende Kinder doch immer etwas Unangenehmes an sich, die Stimmhöhe etwas Furchtbares, und Konstantinos war zu jung, um dennoch Ruhe und Freundlichkeit heucheln zu können. Er lief zu seinem Bett, nahm sein Holzschwert – denn vielleicht waren es ja böse Leute dort draußen – steckte es sich zwischen den engen Gürtel und die Hose und verließ den Raum hinaus auf den Gang.

Dort packte ihn sozusagen sein Vater ein, der bereits auf dem Weg zum Eingang war und alles andere als erfreut schien. Konstantinos wusste, dass er in solchen Momenten besser die Klappe hielt. Sein Vater war niemals wirklich ungerecht – nur manchmal sehr streng, überstreng, mochte man meinen.
Im Schlepptau des Familienoberhauptes kam er also bei der Tür heraus und sofort schlug ihm, trotz der leichten Brise, eine starke Alkoholfahne entgegen, wie er es schon bei seinen älteren Brüdern manchmal miterlebt hatte, die dann oft ganz wirres Zeug redeten und übelst laut waren.

Konstantinos war ein eher ängstlicher Junge, doch in Anwesenheit seines Vaters, zumal wenn dessen Wut nicht gegen ihn gerichtet war, konnte er durchaus den Starken spielen. Am Ende wäre ja doch sein Vater da, um ihn zu beschützen. So positionierte er sich nicht etwa hinter seinem Vater, sondern neben ihm und er ließ den großen, betrunkenen Mann nur aus den Augen, um die zwei Kinder zu betrachten.
Bardas hatte ihm oft genug davon erzählt, wie enttäuschend sein Bruder für die gesamte Familie sei. Welche Schande er über sie gebracht habe und dass vor der Junge namens Ares ein Sinnbild dieser Schande sei. So wie der kleine Ares vorhin schrie, hatte Konstantinos fast Angst, dieser könnte von einem Dämon besessen sein.

"Stimmt das?", fragte er dann in Richtung des kleinen Ares, als Bardas ihn als minderbemittelt bezeichnete. "Bist du wirklich minderbemittelt?" Das Wort hatte er zum ersten Mal bewusst gehört und es gefiel ihm.
Sein Vater wandte nun das Wort an den Betrunkenen und Konstantinos hörte Worte aus seinem Munde, die er sonst nur von seinen Brüdern hörte; dazu gehörte der Begriff Hure, der, aus dem Munde des Vaters kommend, den Sohnemann zum Kichern bewegte. Hätte Konstantinos‘ älterer Bruder den Begriff benutzt, hätte er wohl eine Ohrfeige kassiert und einen Follis in eine Box werfen müssen.
Aus irgendeinem Grund fand er es besonders komisch, dass der Sohn einer Hure zum Eunuchen werden sollte. Das brachte ihn nun zum Lachen und er zeigte auf den kleinen Ares. „Das ist lustig, haha! Verstehst du, Minderbemittelter? Schnipp schnapp Pimmel ab!“, meinte er, benutzte das neu gelernte Wort sofort und imitierte mit Zeige- und Mittelfinger eine Schere. Dann besann er sich eines Besseren, blickte zum Vater, der für solcherlei Scherze für gewöhnlich nichts übrighatte, und entschuldigte sich auf der Stelle proaktiv für sein vorlautes Benehmen. "Wird er dann auch so dick wie Onkel Diokles?", fügte er noch fragend und interessiert an den Vater gewandt hinzu und war sich nicht sicher, ob es da einen Zusammenhang gab. Jedenfalls war sein Onkel auch ein Eunuch und er war auch außergewöhnlich dick.

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Freitag, 10. Mai 2019, 21:57


Adamantios Phokas

Alles verlief nach Plan, befand Adamantios, denn die notwendige Aufmerksamkeit hatte er bereits eingeheimst. Sogar sein begriffsstutziger Bengel zeigte sich einigermaßen brauchbar an diesem Tag. Zwar musste ihm seine Schwester nachhelfen, doch dann rief Ares markerschütternd, wie eine Harpyie, nach Bardas. Dass er den Namen (wohl unabsichtlich) falsch ausrief, fiel dem betrunkenen Vater nicht auf.

Ihre Wirkung zeitigte das Tohuwabohu schließlich, da das Tor des Portals sich öffnete und Bardas Phokas herauskam. Adamantios erkannte ihn sofort, da er sich optisch kaum verändert hatte und noch genauso stramm und wahrlich majestätisch daherkam wie vor etlichen Jahren. Bardas war der geborene Soldat, spätestens seit Nikephoros' Tod, beider ältestem Bruder, hatte er diese Rolle perfektioniert. An Bardas' Seite schritt ein vielleicht vierzehnjähriger Halbwüchsiger, augenscheinlich einer von Adamantios' Neffen, den er noch nie wirklich zu Gesicht bekommen hatte. Neben seinem älteren Bruder wirkte Adamantios Phokas dann doch recht kläglich, was nicht nur an seinem Suff, sondern auch an seiner schlechten Körperhaltung lag. Für die Umstehenden war offenkundig, wer hier das Heft in der Hand hatte.

Allerdings nicht für Adamantios selbst, der nun endlich bekam, was er seit so lange Zeit gewollt hatte: Revanche. Ihn dürstete regelrecht danach. Und jetzt war er seines Erachtens endlich wieder in der Position, diese zu bekommen, in einer Position der vermeintlichen Stärke. Eben nicht mehr der Niemand, sondern neuerlich ein wichtiger Mann in Konstantinopel. Dass er seinen unverhofften Wiedereinstieg als Symponos allein lekapenischen Intrigen verdankte, hätte ihn nicht einmal geschert, wenn er es gewusst hätte. Die Lekapenoi durften sich beglückwünschen, denn der innerphokaidische Konflikt steuerte einem neuen Höhepunkt entgegen.

"Was hast du da gesagt?", zischte Adamantios empört, als sein Bruder seine verstorbene Ehefrau als Hure bezeichnet hatte. "Du kanntest sie kein Stück! Deine Überheblichkeit widert mich an! Pfui Teufel!" Dazu spuckte er den Wein aus, den er gerade geschluckt hatte. "Am liebsten würde ich dich jetzt zum Duell herausfordern!", rief er dem General zu und erntete wiederum Spott und Hohngelächter der Augenzeugen.

"Und misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein! Wenn hier jemand meinen Sohn als minderbemittelt bezeichnet, dann bin ich das!", fuhr er im selben Tonfall fort und blickte dann auch zu Konstantinos. "Und welches Schattengewächs ist der da drüben? Der scheint ja auch einen Dachschaden zu haben. Sieht dir auch gar nicht ähnlich. Wer weiß, von wem der abstammt!", lachte Adamantios nun in unverfrorener Manier. "Pass bloß auf, du, sonst schneid' ich dir an Ort und Stelle deinen eigenen Pimmel ab!", drohte er seinem Neffen und schwenkte dazu mit der noch halb gefüllten Flasche. Bald tat er einen Schritt auf ihn zu, bald hatte er ihn am Arm. "Na, noch immer so vorlaut, du Früchtchen?!"

Im selben Moment griffen die Wachen ein, packten Adamantios und rissen ihn von Konstantinos los. "Wie könnt ihr es wagen?! Wisst ihr überhaupt, wer ich bin?!!!" Bei dem Durcheinander war die Ernennungsurkunde zum Symponos symbolträchtig in den Kot der Straße gefallen. "Lasst mich los! Ich bin der Symponos der Reichshauptstadt!", fluchte er weiter. Schließlich ließen die Gardisten von ihm ab, der wankend zu Boden ging und von selbst irgendwie nicht mehr auf die Beine kam.

Die Szenerie wurde immer grotesker, da die Menschentraube nun wieder einhellig auflachte und sich über das Missgeschick amüsierte. Vom Kind bis zum Greis deuteten sie mit den Fingern auf den Symponos, der nicht einmal in der Lage war, auf den eigenen Beinen zu bleiben. Die Blamage war vollumfänglich. Die beiden Kinder des Adamantios bekamen all die Schmach am eigenen Leibe mit, wurden als Bastarde beschimpft und mit faulem Obst beworfen. Schließlich rief der Vater die beiden zu Hilfe: "So helft mir doch auf! Ares, du bist ja wirklich der letzte Dreck!" Mit voll gesautem Gewand stand Adamantios schließlich wieder, noch immer bedrohlich wankend, und suchte verzweifelt nach der Urkunde.

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Mittwoch, 15. Mai 2019, 01:03



Mein Rufen hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Tatsächlich kamen wenige Augenblicke später Bardas Phokas samt seines Sohnes Konstantinos aus dem Palast geschritten.

Ich hatte beide noch nie zuvor gesehen, doch allein das Auftreten meines Onkels schüchterte mich umso mehr ein. Die souveräne Körperhaltung, die kalte berechnende Mimik, die geisterhafte Kühle in seiner Stimme. Er verkörperte das komplette Gegenteil meines Vaters, der sich durch seine plumpe, aufbrausende und überhebliche Art auszeichnete.
Dem Blick des Generals vermochte ich nicht standzuhalten. Ich suchte Schutz indem ich mich hinter meiner großen Schwester versteckte und verängstigt über ihre Schulter blickte. Das hielt den Onkel jedoch nicht davon ab, mich weiter zu verspotten und mich gehässig anzugrinsen, während er Vorschläge zu meiner Zukunft machte, die ich in mit meiner kindlichen Naivität noch nicht verstand.
Der Sohn, Konstantinos, wurde indes deutlicher und machte mir durch seine Gestik und seine unfeinen Worte klar, was das Wort Eunuch bedeutete.

Ein flehender Ausdruck machte sich auf meinem Gesicht breit. Ich erkannte in den beiden nur böse Absichten und mir war klar, dass mein Vater nicht in der Lage war, mich vor ihnen zu schützen. Zudem war auch meine Schwester nur ein Kind. Meine Angst wuchs sekündlich.
Immerhin schien Vater mich verteidigen zu wollen. Zumindest was er darunter verstand. Letztendlich ging es ihm wohl eher um seine eigene Ehre, die er dadurch, dass man mich verspottete, als befleckt ansah. Warum sonst hätte er nicht abgestritten, dass ich minderbemittelt sei, sondern noch geradezu betont, dass nur er mich so nennen dürfe? Indes erwies er seinem Ehrgefühl durch sein Verhalten wohl kaum einen Gefallen, was ihm prompt das Eingreifen der Wachen eingehandelt hatte. Sein ganzer Stolz, die Ernennungsurkunde zum Symponos war in den Straßendreck gefallen und damit, wie der Ruf unseres Familienzweigs unwiderruflich besudelt.
Bedröppelt stand ich da und wusste nicht weiter. Der Druck prasselte von allen Seiten auf mich ein. Die Rufe der Menge, die sich daran belustigten, dass ich nicht das hellste Kind zu sein schien, der Spott meines Onkels und meines Vetters, die Hilflosigkeit meiner Schwester, die auch nicht zu wissen schien, wie sie mit der Situation umgehen sollte, und am schwerwiegensten mein Vater, der mich den letzten Dreck schimpfte, während es sich im Dreck suhlte. Ich konnte nicht anders. Die Angst in mir war über mein Limit hinausgewachsen, so dass ich mich nicht mehr kontrollieren konnte. Verzweifelt stand ich da und nässte mich vor dem gesamten Publikum ein.

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Mittwoch, 15. Mai 2019, 15:09



Dieses erbärmliche Spektakel war nicht im Sinne des Generals. Nicht etwa aus brüderlicher Liebe, sondern weil ein solches öffentliches Befehden dem guten Ruf des Hauses Phokas abträglich war. Streitigkeiten dieser Art trug man hinter verschlossenen Türen aus, nicht vor den Augen des Pöbels. Auch wenn sich Adamantios in erster Linie selbst blamierte und zum Gespött machte, blieb doch immer auch ein Fünkchen am Namen der Phokadai hängen, was aus Bardas' Sicht überaus ärgerlich und unnötig war. Von daher hatte er keine Lust, diese Demütigung vor Publikum länger fortzusetzen. Sein Bruder war ohnehin nur mehr ein Schatten seiner selber, völlig abgewrackt und offenkundig nicht mehr in der Lage, sich um seine Brut zu kümmern, wie es seine Aufgabe gewesen wäre. Obschon die beiden Kinder in Bardas' Augen de facto Bastarde waren, trugen sie den erlauchten Namen. Seine neue Taktik ging dahin, sich den Zugriff auf den Knaben und das Mädchen zu verschaffen, um sie zumindest haustechnisch sinnvoll einsetzen zu können. Der Bursche würde kastriert werden und unter die Eunuchen gehen, dort konnte er den phokadaischen Einfluss mehren, ohne weitere Abkömmlinge in die Welt zu setzen. Die Maid würde man klug an den Mann bringen, sowie die Zeit gekommen wäre. Formal mochte Adamantios noch darüber zu befinden haben, doch man merkte ja, wie wenig er dem nachkommen würde.

"Genug dieses Aufhebens", zischte der Familienpatriarch schließlich. Dass sein eigener Sohn Konstantinos betont die väterliche Linie verfolgte, ließ ihn für einen Moment etwas in seiner Gunst steigen, auch wenn er mit dem eher schwächlichen und vergeistigten Jungen auch so seine Scherereien hatte. Er war ihm zumindest absolut untertan und würde niemals aufmucken. "Dein Oheim möchte sich jetzt zurückziehen, er hat seinen Amtspflichten nachzugehen", sprach der Alte laut und deutlich zu Konstantinos und vermied es, Adamantios noch einmal direkt anzusprechen. Mit einem bestimmten und nachdrücklichen Griff auf die Schulter seines Sohnes schob er diesen in Richtung des Portals. Dem Ares warf er noch einmal einen markerschütternden Blick zu, ehe sich Bardas Phokas abwandte und zusammen mit Konstantinos neuerlich das Eingangstor zum Palast des Lausos passierte. Adamantios hatte genug damit zu tun, wieder auf die Beine zu kommen und seine verdreckte Urkunde einzusammeln, dieses Schriftstück der Absurdität, welches ihn formal wieder in die bessere Gesellschaft zurückbrachte. Sein Niedergang war indes nicht mehr aufzuhalten, dessen war sich Bardas gewiss. Ohne seinen Bruder noch einmal angeschaut zu haben, war er in seinem Stadtpalast verschwunden. Es sollte das letzte persönliche Aufeinandertreffen der beiden Phokas-Brüder bleiben.

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Mittwoch, 15. Mai 2019, 15:27


Adamantios Phokas

Dass Bardas und sein Sohn bereits verschwunden waren, fiel Adamantios Phokas erst etliche Minuten später auf. Er hatte sich sichtbar verausgabt und war kaum mehr in der Lage, das Gleichgewicht zu halten. Seine hübsche Ernennungsurkunde war völlig verdreckt und stand sinnbildlich sehr gut für die Merkwürdigkeit dieser neuerlichen Ernennung. Da er auch kaum mehr schreien konnte, gab er sein Ansinnen, Bardas zu konfrontieren, schließlich auf. In seinen Augen war es ja auch ein voller Erfolg gewesen. Zusammen mit seinen beiden Kindern kroch er schließlich wieder zurück zu seiner kleinen Wohnung. Das Volk löste sich allmählich wieder in alle Richtungen auf. Zu sehen war nur mehr ein gebrochener, frühzeitig gealterter Mann, begleitet von zwei Minderjährigen, nichts wirklich Ungewöhnliches in den Straßen der Reichshauptstadt.

Obwohl wieder Symponos, zeigte sich binnen weniger Tage, dass Adamantios unfähig war, dieses Amt noch sinnvoll auszuüben. Bald wurden Beschwerden der Zünfte laut. Ein paar Wochen darauf wurde er offiziell beurlaubt, ein Stellvertreter übernahm die Aufgaben des Symponos. Klammheimlich dann beinahe seine zweite Entlassung, die drei Monate später erfolgte. Diesmal sollte es endgültig sein. Seit dieser Zeit kümmerte sich Adamantios praktisch überhaupt nicht mehr um seine Kinder.

Ab 945 bettlägrig, verbrachte er die letzten drei Jahre seines Lebens in einer Art "Matratzengruft", ohne seine Wohnung noch einmal verlassen zu haben. Kurz vor seinem Tode suchte ihn ein Bote des Bardas auf, der ihm die Protektion des Ares und der Sophia durch das Familienoberhaupt nach seinem Ableben in Aussicht stellte, wenn er tat, was der Bruder verlangte. Im Sterben dachte er dann doch an das Schicksal der beiden und gab am Ende nach, wodurch er Ares ein paar Wochen vor seinem Tode zur Kastration freigab. Mit Adamantios' Hinscheiden Anfang 948 erhielt Bardas Phokas auch rechtlich die Aufsicht über die Kinder. Indes führte der Bürgerkrieg und die Rückgewinnung Konstantinopels durch den Usurpator Romanos I. Lekapenos dazu, dass er von seiner neuen Machtposition keinen rechten Gebrauch machen konnte, wurde er doch im Felde gebraucht. Das Schicksal der beiden Abkömmlinge des Adamantios blieb in den Bürgerkriegsjahren dann auch lange Zeit ungeklärt. Nach dem Ende der Kampfhandlungen waren Ares und Sophia bereits volljährig, so dass zumindest in dieser Hinsicht der Kelch der Vormundschaft des Bardas an ihnen vorübergegangen war. Der Preis aber war hoch, denn Ares war mittlerweile ein Eunuch, womit Bardas letztlich seine Karriereplanung für den Burschen durchgesetzt hatte.

Die Saat des Hasses, die in der Vergangenheit gesät worden war, ging allmählich auf. Niemand konnte die volle Tragweite dessen abschätzen.