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Rhomäisches Reich: Der Prozess gegen Romanos Argyros hat begonnen. Das Reich hat mit Honorios Zarides einen neuen Reichskanzler, neuer Innenminister ist Ioustinianos Doukas.
Armenien: König Aschot III. wurde prunkvoll gekrönt. Der Reichsprotektor Ioannes Kourkouas ist in Kars eingetroffen.

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Mittwoch, 8. Mai 2019, 22:55

Audienz für die chinesische Gesandtschaft

Etwa an die zwei Monate brauchte die chinesische Delegation aus Kaifeng bis sie endlich in Konstantinopel eintraf, sichtlich gezeichnet von den Strapazen der Reise, die man so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Von der Hauptstadt des (nord)chinesischen Reichs aus nahmen die Abgesandten den direkten Weg über die Seidenstraße, das heißt in diesem Fall über Tibet, Samarkand, Persien und schließlich durch die von den Muslimen kontrollierten Gebiete im Irak und Syrien. Der Weg über Indien wäre schwieriger gewesen, zumal die Situation im Süden Chinas zurzeit gefährlich und instabil war. Diese außerordentlich lange Strecke schaffte die Gruppe von 12 chinesischen Diplomaten samt genauso vielen Wachsoldaten damit in einer äußerst guten Zeit. Die Vielzahl an Soldaten, die man mit führte, war tatsächlich notwendig, kam es doch immer wieder zu Überfällen und Plünderungen auf der weiten Route. Für gewöhnlich bräuchte eine normale Händlerkarawane ein ganzes Jahr vom Startpunkt der Route in China bis zum Endpunkt in Konstantinopel, allerdings waren solche kompletten Reisen über die Seidenstraße selten und die Händler zogen zu verschiedenen Zwischenorten, um ihre Waren zu verkaufen. Von dort aus gelangten die Güter dann von einem Ort zum anderen bis sie schließlich das Ende der Route erreichten. Da es sich bei der chinesischen Delegation allerdings um keine Händler handelte, konnten sie die Strecke um einiges schneller zurücklegen. Unterwegs machte man immer wieder Station in bekannten Streckenposten, an denen das Reich Kontakte hatte und wo sie ausruhen und ihre Vorräte auffüllen konnten. Kurz nach Samarkand gelang es ihnen auch einen adäquaten Übersetzer für das Griechische anzustellen, was gar nicht so einfach war, denn Personen, die beider Sprachen gut mächtig waren, fanden sich doch eher selten.

In Konstantinopel angekommen begab man sich selbstredend sogleich zum Großen Palast des Autokrators. Der Guǎngshùn-Kaiser hatte sie beauftragt, ein diplomatisches Schriftstück zu übergeben, was derselbe verfasst hatte und das man dann zusammen mit dem Übersetzer vortragen wollte. Auch machte man ihnen vor der Abreise klar, dass der Kaiser vor allem wünschte, die Beziehungen zum römischen Reich zu verbessern und nachhaltig zu vertiefen. Das Nordreich befand sich nämlich in einer nicht ganz einfachen Lage. Zwar konnten Kriege gegen einzelne rebellische Fürsten gewonnen werden und eine gewisse Stabilität und Ruhe kehrte wieder ein, aber der Guǎngshùn-Kaiser hatte höhere Ambitionen: Er wollte ganz China wieder in einem Reich vereinen und dafür benötigte er Ressourcen und Mittel. Die bereits geführten Kriege und die Unruhen der letzten Jahrzehnte aber hatten den Wohlstand der Region gefährdet und eine zu hohe Rate an Münzprägungen sorgte für Inflation. Um den Wohlstand auch wirklich nachhaltig zu vergrößern und weitere Einnahmen zu generieren, war ein starker Handel von größter Bedeutung, zumal der Markt im Süden mit den Kriegsherren und ihren zerstrittenen Reichen ebenso einbrach.

Die Aufmerksamkeit des chinesischen Reiches, was den Handel anging, richtete sich somit auf die Länder und Regionen entlang der langen Seidenstraße. Langfristig war geplant, die Präsenz der chinesischen Vertreter an allen wichtigen Handelszentren und Umschlagplätzen zu verstärken, um so den Einfluss auf das Netz zu vergrößern und den Handel zu intensivieren. Am Ende der langen Seidenstraße befand sich mit dem rhomäischen Reich, vor allem mit der riesigen Metropole Konstantinopel, ein Markt, der nicht zu unterschätzende Gewinne für die chinesischen Kaufleute und Hersteller versprach, vor allem wenn man enger zusammenarbeiten würde. Auch hier wollte man also den chinesischen Einfluss vergrößern, zumal Konstantinopel als Endpunkt der Route und als wichtiger Hafen die Möglichkeit bot, Waren und Güter aus China auch in den Rest Europas zu exportieren und andere Ressourcen und Güter zu importieren. Als Nachfolger des einst unfassbar großen römischen Reichs war Byzanz darüber hinaus auch von großer militärischer Macht und Stärke, ebenso von strategischer und kultureller Bedeutung, sodass sich auch in diesem Bereich eine stärkere Zusammenarbeit auszahlen würde. Byzanz wäre gleichsam das Tor zu Europa für die Chinesen. Der Kaiser wünschte somit eine dauerhafte Vertretung in Konstantinopel, um einen ständigen Kontakt aufrecht zuhalten.

Nachdem sich die chinesischen Diplomaten bei den Behörden im Palast angemeldet hatten, bekamen sie sodann eine Audienz beim Kaiser in der prächtigen Magnaura gewährt. Ohnehin waren die Abgesandten beeindruckt von der Größe und Erhabenheit der rohmäischen Hauptstadt, die sicherlich mit den großen Städten in China mithalten konnte. Auch die Räume des kaiserlichen Palastes waren zwar doch sehr ungewohnt im Vergleich zur Heimat, aber dennoch herrschaftlich und erhaben. Als die Gesandten vor dem Thron des Kaisers angekommen waren, zeigten sie dem Autokrator und seinen vielen Würdenträgern, die sich ebenfalls hier versammelt hatten, sogleich ihre Ehrerbietung an. Sie taten dies auf die Weise, die sie aus China gewohnt waren. Sie warfen sich also mit ihren Körpern vor dem Kaiser mehrere Male auf den Boden, ehe dann einer aus der kaiserlichen Delegation das Wort vor den versammelten rhomäischen Würdenträgern ergriff.


Guŏzhī Sūn
Diplomat

"Eure kaiserliche Majestät", sprach er und wurde sogleich übersetzt. "Wir sind Abgesandte Seiner kaiserlichen und hohen, heiligen Majestät des Guǎngshùn-Kaisers und entbieten Euch die besten Grüße und Wünsche!" Es folgten einige weitere Riten der Ehrerbietung in Form von Verbeugungen. "Der ehrenwerte Huīzhōng Chén ist der oberste Gesandte Seiner Majestät an Euren Hof." Er zeigte auf einen anderen Diplomaten aus der Delegation. Dieser trat sodann hervor.



Huīzhōng Chén
Oberster Gesandter

"Eure kaiserliche Majestät, es ist uns eine Ehre!" Es folgten erneut einige Ehrerbietungen. Huīzhōng Chén war der vom Kaiser ernannte Chef dieser diplomatischen Mission. Er war ein erfahrener Diplomat und Beamter, der auf eine lange Karriere im kaiserlichen Dienst zurückblicken konnte und seine kaiserlichen Examen einst mit Bestnoten bestanden hatte. Derselbe hoffte, dass nach den vielen Wochen, die er auf Reisen war, immer noch dieselbe Dynastie in der Heimat herrschte. Die letzten unruhigen Jahrzehnte in China ließen einen unguten bei ihm Eindruck zurück. Die lange Reise hinterließ ebenfalls Spuren. Pflichtbewusst aber verlas er sodann das Schreiben des Guǎngshùn-Kaisers an den Autokrator und übergab dasselbe zusammen mit einer Übersetzung in griechischer Sprache an einen kaiserlichen Diener. "Wir stehen Eurer Majestät zur Verfügung!", sprach er dann zum Abschluss dieser formalen Begrüßung und die gesamte Delegation vollzog erneut den Kotau vor dem rhomäischen Herrscher.

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Donnerstag, 9. Mai 2019, 19:15

Eine Audienz in der Magnaura stellte die feierlichste und zeremoniellste Form einer byzantinischen Audienz überhaupt dar. Der gewaltige Audienzsaal beeindruckte jeden Eintretenden durch seine schiere Großartigkeit, die dazu diente, die Pracht und Macht des Rhomäischen Reiches jedermann vor Augen zu führen. Die monumentale Kuppel bekrönte den sehr hohen Saal. Säulen aus Marmor, kunstvoll verziert; Gold, wohin das Auge blickte. Betrat man den Audienzsaal durch das riesenhafte Doppeltor, das sich wie von Geisterhand selbst zu öffnen schien, hatte man einen langen Weg zurückzulegen, um bis vor den kaiserlichen Thron, den sogenannten Thron des Salomo, zu gelangen, der bereits von Grund auf erhöht dastand. Ein purpurner Balachin aus feinstem Samt, geziert vom römischen Adler, prangte dahinter überlebensgroß. Zu beiden Seiten des Thrones standen zwei furchteinflößende güldene Löwenstatuen. Diese Scheusale wirkten bereits für sich genommen ausgesprochen lebensecht, waren zudem im Stande, mit dem Schweife bedrohlich auf den Boden niederzuschlagen und mit geöffnetem Rachen und magisch beweglicher Zunge ein Gebrüll zu entfachen, das jeden damit nicht Vertrauten erschaudern ließ.

Inmitten des Raumes, gleichsam in seinem Zentrum, war ein goldener Baum placiert. Von der Decke herab hingen güldene Vögel, die sich bewegen und zwitschern konnten. All dies waren ausgeklügelte technische Tüfteleien, welche die Rhomäer über die Jahrhundert perfektioniert hatten. Den Höhepunkt dieser mechanischen Zauberspielzeuge stellte fraglos der Kaiserthron selbst dar, der seit den Tagen des an technischen Dingen interessierten Kaisers Theophilos im neunten Jahrhundert in der Lage war, gleichsam auf unsichtbarem Knopfdruck majestätisch in die Höhe zu fahren. Was tausend Jahre später als vermeintlich Errungenschaft der Moderne gepriesen werden sollte, hier war es bereits Realität, hatte der Autokrator auf der Lehne des Thrones doch einige Knöpfe zur Verfügungen, die all diese Spektakel bei Bedarf und ganz abrupt auslösen konnten. Der Aufwand, der dahinter stand, war freilich ganz enorm, hatten Sklaven im darunter liegenden Geschoss doch unter Aufsicht die Mechanik zu bedienen. Dort unten befanden sich auch die Löwen und die Vögel, deren Laute man gleichsam dort erzeugen konnte, auf dass sie ein Stockwerk höher aus den lebendig wirkenden Figuren zu kommen schienen. Die Audienzwilligen schritten nach dem Doppeltor zunächst unterhalb einer überdimensionierten Orgel hindurch, die auf dem gesamten Erdkreis ihresgleichen suchte und noch Vorbildcharakter bekommen sollte. Dieses Monstrum erklang ebenfalls auf mechanisch ausgelösten Befehl hin und war sozusagen vom Thron aus steuerbar.

Neben dem kaiserlichen Thron stand der Stuhl des Reichskanzlers, der die Audienz im Großen und Ganzen leiten würde. Bei solche Audienzen der höchsten Stufe erhob der Kaiser als entrückte Gestalt nur in äußersten Ausnahmefällen persönlich das Wort an die Bittsteller; er thronte übermenschlich oberhalb der Szene und hatte es gar nicht nötig, sich mit derlei profanen Dingen zu beschäftigen. Bei Audienzen ausländischer Gesandtschaften wurden tatsächlich ohnehin nur dem Protokoll genehme formale Höflichkeiten ausgetauscht. Die eigentlichen Verhandlungen würden später im Laufe eines Staatsbanketts oder ähnlicher Feierlichkeiten erfolgen. Hier in der Magnaura galt es der Inszenierung und Überhöhung der rhomäischen Autokratie.

Für gewöhnlich konnten Tage, wenn nicht Wochen vergehen, ehe Gesandte aus aller Herren Länder eine Audienz bewilligt bekamen. Die Tatsache, dass der jüngst in Konstantinopel eingetroffenen chinesischen Delegation gleichsam ohne Wartezeit eine solche genehmigt wurde, sprach Bände, zeugte sie doch von der offenkundigen gegenseitigen Wertschätzung. Die chinesischen Herrscher titulierten sich selbst ebenfalls als Kaiser, was in der christlichen Staatenwelt neben Byzanz so gegenwärtig nicht der Fall war. Das westliche Kaisertum der Franken war sang- und klanglos Anfang des zehnten Jahrhunderts untergegangen. Von China hatte man bereits seit der hohen Kaiserzeit der Antike ein gewisses Bild, wenngleich seither nur wenige Gesandtschaften ausgetauscht worden waren. Das Wissen um das Chinesische Kaiserreich war auch nicht dermaßen ausgeprägt. Im Vorfeld dieser Audienz hatten die Hofhistoriker herausgefunden, dass die erste römische Gesandtschaft nach China im Jahre 166 unter Marcus Aurelius ausgesandt worden war. Weitere direkte diplomatische Kontakte hatte es in den Jahren 226 unter Severus Alexander und 284 unter Carus gegeben, der zum Zeitpunkt der Ankunft in China aber bereits ermordet worden war. Intensiviert hatten sich die römisch-chinesischen Kontakte dann erst wieder zur Zeit der Tang-Dynastie (618–907). Diplomatische Kontakte waren für die Jahre 643, 667, 701, 711, 719 und 742 belegt. Die chinesisch-sarazenischen Auseinandersetzungen (Niederlage der Chinesen in der welthistorisch bedeutsamen Schlacht am Talas 751) und die An-Lushan-Rebellion (755–763) führten dazu, dass die Kontakte danach wieder zum Erliegen kamen. Seither waren bald zwei Jahrhunderte vergangen. Sowohl die 742 herrschende Isaurische Dynastie als auch die Tang-Dynastie waren längst Geschichte. So beruhte indes das China-Bild, welches man in Konstantinopel hatte, auf der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts, zur Regierungszeit des Xuanzong-Kaisers (713–756), der letzten Blütezeit der Tang. Entsprechend überschätzte man in Ostrom auch eher das tatsächliche Gewicht Chinas Mitte des zehnten Jahrhunderts. Dies gereichte der nunmehrigen Gesandtschaft des nördlichen Rumpf-China sozusagen zum Vorteil, konnte man dieses Nordreich doch nur mit Abstrichen überhaupt noch als Imperium bezeichnen.

Ein Großteil des Hofstaates hatte sich anlässlich dieser nicht alltäglichen Audienz in der Magnaura versammelt. Der Zeremonienmeister hatte die Chinesen vorab instruiert. Es war wohl durchaus kein Nachteil, dass sich die Überhöhung des Kaisers sowohl in Byzanz als auch in China etabliert hatte, denn dadurch waren die Asiaten bestens auf das strenge byzantinische Hofzeremoniell vorbereitet. Der chinesische Kotau war der in Byzanz üblichen Proskynese und Prostratio nicht unähnlich, denn auch vor dem Kaiserthron in der Magnaura hatten der Fußfall und das ausgestreckte Sich-Niederwefen spätestens seit Ioustinianos dem Großen Tradition.

In dem Moment, als sich die Tore also öffneten und die kaiserlich-chinesische Delegation eintrat, heulte die große Orgel auf und alle Augen richteten sich auf die Neuankömmlinge aus Fernost, die sich in gebührlichem Schritttempo allmählich dem Thron näherten und dann Proskynese und Prostratio mehrfach vollzogen. Im selben Augenblick brüllten die Löwenstatuen und fuhr der Thron deutlich in die Höhe, so dass die Chinesen, sowie sie wieder aufblickten, auf einmal die Illusion hatten, der Kaiser schwebe über ihnen.

Sodann stellten sich die Abgesandten vor, was mittels Übersetzung erfolgte, so dass auch die Byzantiner, die für gewöhnlich nur das Griechische beherrschten, dem folgen konnten. Ein untergeordneter Gesandter, wohl um die zwanzig, stellte den eigentlichen Botschafter des Kaisers von China vor, ein Herr in gesetzterem Alter, würdevoll und vornehm.

Romanos II. gefiel die gelebte Devotion dieser ulkigen gelben Männer, die die Unterwerfung vor einem Herrscherthron wohl mit der Muttermilch eingeflößt bekommen hatten. Anders als speziell lateinische Gesandte hatten die Chinesen keinerlei erkennbare Probleme, den Fußfall und das Sich-Niederwerfen zu vollziehen, ja sie waren regelrechte Meister darin, als hätten sie große Übung. Er selbst konnte sich entspannt zurücklehnen, denn gleich würde der Reichskanzler Honorios Zarides die offizielle Erwiderung formulieren und kurz und unverbindlich auf dieses Schreiben aus Kaifeng eingehen. Eine definitive Antwort des Autokrators und seines Leitenden Ministers würde es hier und jetzt ganz bestimmt nicht geben, aber darum ging es ja auch gar nicht. Man konnte sich hier vor allem erst einmal ein wenig besser kennenlernen, alles Weitere würde sich ergeben.

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Freitag, 10. Mai 2019, 01:56

Honorios hatte sich ob seiner ersten ernsthaften Bewährungsprobe in seiner Funktion als Reichskanzler in sein feinstes Ornat gehüllt, welches aus einem roten Seidenstoff gewebt war, auf das in einem Streifen von der linken Schulter bis zum Saum Goldstickereien in Form von Blättern aufgenäht waren. Der dunkle Bart und das lange Haar waren sorgsam in Form gebracht worden, sodass der Zarides dem Autokrator im äußerem Erscheinungsbild in nichts nachstand. Andächtig folgte er dem Geschehen in der Magnaura von seinem Stuhl aus, der zur reichten des Kaiserthrons gestellt worden war. Menschen chinesischer Abstammung hatte auch Honorios noch nicht getroffen, was schon ein wenig erstaunte, war das chinesische Kaiserreich was den Außenhandel anbelangte, alles andere als passiv eingestellt.
Der kleine Körperbau, die mandelartigen Augen und die eigenartige Hautfarbe amüsierten den Zarides, der sich seine Belustigung über sein gewohntes Grinsen hinaus nicht anmerken ließ. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, Romanos folgendes zuzuflüstern, als die Gesandten sich noch dem Throne näherten ehe sie sich unterwürfig darnieder warfen:
"Meinen Bruder stach einst eine Biene, danach waren seine Augen ebenso schmal."
Honorios lachte Romanos leise an, besann sich daraufhin jedoch wieder der Ernsthaftigkeit des Geschehens. Auf die Armlehne seines Stuhles gestütze beobachtete er, mit der beringten rechte Hand Hand das bärtige Kinn stützend, die Respektbekundungen der Gesandschaft. Der oberste Vertreter derselbigen, verlas in der fremden Sprache, die für das zaridische Ohr hauptsächlich aus Zischlauten zu bestehen schien, die Botschaft des chinesischen Kaisers. Man begehrte die Handelsbeziehungen durch eine permanente Gesandschaft beider Seiten zu festigen.
Auch auf byzantinischer Seite war man auf das Eintreffen der Fremden vorbereitet gewesen. Nachdem der Übersetzer geendet hatte, erhob sich Honorios und ging zwei Schritte auf die Gäste zu, gleichwohl auf dem marmornen Podest auf dem sich der Thron befand , jedoch eine Stufe tiefer als auf der tatsächlichen Thronebene, die für Beamte vorgesehen war, verharrend. In seiner Hand hielt er nun eine Schriftrolle, die zuvor in seinem Gewand verborgen gewesen war.
Theatralisch öffnete er das Schriftstück indem er es von oben nach unten aufrollte und vor sich hielt. Nachdem er sich kurz räusperte, hub er an:
"Seine Majestät, Autokrator Kaisar Flavios Romanos Porphyrogennetos, Eusebes, Eutyches, Endoxos, Niketes, Tropaiouchos, Aiesebastos Augoustos, pistos Basileus, Alamannikos, Gotthikos, Frankikos, Germanikos, Antikos, Alanikos, Vandalikos, Afrikanos, Arabikos, Persikos, Parthikos, Adiabenikos, Medikos, Erulikos, Gepidikos, Britannikos, Isaurikos, Kilikikos, Armenikos, Dalmatikos, Oungrikos, Bosthnikos, Chrovatikos, Lazikos, Iberikos, Boulgarikos, Serbikos, Zekchikos, Dakikos, Sarmatikos, Chazarikos, heißt die Gesandtschaft des Sohns des Himmels willkommen."
Nach jedem Titel ließ der Logothetes etwa eine Sekunde verstreichen um die Erhabenheit seines Kaisers zu betonen. Schließlich rollte er die Schriftrolle wieder zusammen und sprach frei heraus.
"Seine Majestät freut es außerordentlich, Eure Exzellenzen, nach Eurer langen Reise wohlbehalten in der Stadt des Konstantinos Megas begrüßen zu dürfen und Verhandlungen aufzunehmen.
Gewiss hattet Ihr eine beschwerliche Reise und wünscht jedoch erstmal, Euch von den Strapazen zu erholen."
Das war die Taktik, es würde keine direkte Zusage geben, wollte eine Entscheidung in der Sache doch wohl überlegt und mehrfach beratschlagt werden.

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Freitag, 17. Mai 2019, 01:03

Regungslos stand eine riesenhafte Figur rechts direkt neben dem kaiserlichen Thron. Ein argloser Beobachter hätte sie glatt für eine Statue halten können, was gar kein Wunder gewesen wäre, war doch kaum ein menschliches Wesen bekannt, welches eine solche Größe erreichte. Ohne die geringste Bewegung verfolgte dieser statuenhafte Hüne das gesamte Prozedere, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. All die technischen Finessen, die es in der Magnaura gab, rührten diesen Koloss nicht im Geringsten. Eigentlich konnte man seine Miene gar nicht sehen, bedeckte doch ein monströser Helm das Gesicht. Doch die funkelnden und geradezu dämonischen Augen blitzten den wie Laserstrahlen an, den sie betrachteten. Das war im Moment diese merkwürdige Gesandtschaft aus dem fernen China, einem Reich irgendwo im fernen Osten, das man mehr vom Hörensagen kannte als durch eigene Anschauung. Der Riese fixierte die seltsamen gelben Männlein, allesamt klein gewachsen, ohne sein Haupt zu bewegen. Es bedurfte nur eines Winks des Kaisers und er würde sie augenblicklich und ohne zu zögern zermalmen, denn dies war seine Aufgabe: Jeden noch so absonderlichen Befehl des Autokrators auszuführen.

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Freitag, 17. Mai 2019, 01:34

Natürlich hatte der kaiserliche Hof in Konstantinopel die chinesische Gesandtschaft vor ihrem Auftreten in der Magnaura gebührend über das Protokoll und den Ablauf der kaiserlichen Audienz informiert. Daher war man sich durchaus im Klaren darüber, dass man hier und jetzt keine offiziellen Verhandlungen über die weiteren Beziehungen zwischen (Neu)Rom und China abhalten würde, sondern dass es lediglich eine erste formelle Begrüßung war, die wohl darüber hinaus dazu dienen sollte, die jeweiligen Gesandtschaften aus verschiedensten Regionen durch die Erhabenheit und Größe der Halle sowie durch die unglaublichsten technischen Erfindungen und Apparate zu beeindrucken und ihnen die Macht des rhomäischen Reiches vor Augen zu führen und lebhaft zu präsentieren, während der Kaiser in seiner Herrlichkeit nur abgehoben über ihnen allen thronen und schweben würde.

Auch auf die Abgesandten des Himmelssohnes machte es natürlich und selbstredend Eindruck, als sie das mächtige und große Bauwerk das erste Mal betraten und die Ornamente sowie die mechanischen Spielereien mit eigenen Augen betrachten und bewundern konnten. Dergleichen kannte man aus dem höfischen Zeremoniell des Hofes zu Kaifeng nicht. Jedoch besonders der Chef-Diplomat Huīzhōng Chén, der ein alter Hase war mit großer Erfahrung und von Natur aus eher vorsichtig, ließ sich von diesen Spielereien nicht so leicht beeindrucken. Einen solchen Firlefanz, war er sich sicher, könnten die chinesischen Baumeister ebenso mit Leichtigkeit entwickeln und aufstellen, allerdings käme man nicht auf die Idee, dies in einem Heiligen Palast zu tun, der schließlich von einer verkörperten Gottheit wie dem Himmelssohn bewohnt wurde. Das Ritual, die Ästhetik und die Symbolhaftigkeit der Staatsräume hatten hier eine größere Bedeutung. Auch hatte die Gesandtschaft während ihrer Reise erfahren, dass das rhomäische Reich seine letzten Kämpfe gegen die Muslime nicht gewinnen konnte, sich also eine Blöße gab und sogar Goldzahlungen leisten musste. Besonders der oberste Gesandte blieb daher eher kritisch und nüchtern. Nichtsdestotrotz aber war Konstantinopel wichtig und man hatte von Kaifeng klare Anweisungen erhalten.


Huīzhōng Chén
Oberster Gesandter

Nachdem der Kanzler die ganzen, ziemlich langen Formalitäten dann ausgesprochen hatte, hub der oberste Gesandte neuerlich an, um die Begrüßung damit ordentlich zu beenden. Es wurde wieder simultan übersetzt: "Eure kaiserliche Majestät, hochverehrter Reichskanzler und edle Fürsten dieses Hofes! Wir bedanken uns untertänigst für diese mehr als freundliche Aufnahme an Eurem noblen Hof in Konstantinopel und sehen den Verhandlungen zwischen unseren großen Reichen voller Vorfreude entgegen!" Es folgte sogleich eine Verbeugung und dann auch noch einmal ein gemeinsamer Kotau aller Diplomaten. Die Häufigkeit der Ehrerbietungen mag für die europäischen Fürsten sicherlich befremdlich wirken, ist aber am Hof des chinesischen Kaisers oft gesehen; auch im sonstigen Miteinander am Hofe in Kaifeng wird üblicherweise ganz nach den Regeln des hohen Meisters Konfuzius und den Vorstellungen des Taoismus ein von Ritualen und Ehrerbietungen geprägter Stil der Kommunikation und des Gesprächs angewandt. Man nahm also an, dass es hier ähnlich gesittet zuginge und würde sicher noch Gelegenheit haben, die Sitten und Traditionen der Römer näher kennenzulernen. Für's erste aber würden sich die Chinesen auf eine Kräftigung und ein wenig Erholung nach dieser langen Reise über die Seidenstraße freuen.

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Montag, 20. Mai 2019, 14:19

Für andere europäische Fürsten mochte das scheinbare Übermaß an devoter Ehrerbietung tatsächlich bizarr anmuten, nicht aber für die Rhomäer, die eine gar nicht unähnliche Auffassung von der unantastbaren Würde des Kaisers vertraten wie die Chinesen. Der Unterschied war derzeit eher, dass der römische Kaiser wirklich noch den Anschein erweckte, er sei der Welten Herr, während sich das einstmals so mächtige China in einer schlimmen Krise befunden hatte, die nun in ersten zaghaften Ansätzen überwunden wurde, wenngleich es keinen einheitlichen chinesischen Gesamtstaat mehr gab und dies in näherer Zukunft wohl auch illusorisch bleiben würde.

Die gegenseitigen Höflichkeiten waren recht bald ausgetauscht. Das "Beschnuppern" war zumindest kein Misserfolg gewesen, da das Interesse auf beiden Seiten erheblich schien. Dass vor allem den Chinesen an stetigeren Beziehungen zu Konstantinopel gelegen war, setzte freilich die chinesische Delegation unter deutlich höheren Erfolgsdruck. Byzanz hatte es hingegen nicht unbedingt nötig, mit Kaifeng engere Verbindungen aufzunehmen. Rein formal respektierte Ostrom den kaiserlichen Anspruch des chinesischen Herrschers, war China schlicht und ergreifend soweit weg von der unmittelbaren Interessensphäre der Rhomäer, dass man sich ein Ausgreifen dorthin nicht einmal in der Theorie vorstellen konnte.

Am Ende der Audienz erklang abermals wie von Geisterhand die Orgel und die beiden gewaltigen Torflügel schwangen auf. Damit wurde den Asiaten bedeutet, dass sie sich nun zurückziehen durften. In der nächsten Zeit würde es zu wirklichen Gesprächen in einem weniger formellen Rahmen kommen. Niemand konnte indes sagen, wann dies genau der Fall sein würde, da man sich in Konstantinopel nach dem Gutdünken des Kaisers zu richten hatte. Nachdem die Gesandtschaft die Magnaura verlassen hatte, fuhr der kaiserliche Thron wieder in seine Normalposition zurück. Wenig später verschwanden auch der Kaiser und der Reichskanzler, begleitet von Daimonozannes und einem Dutzend Manglabitai, während sich der noch anwesende Hofstaat tief verneigte.