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Rhomäisches Reich: Der Prozess gegen Romanos Argyros hat begonnen. Das Reich hat mit Honorios Zarides einen neuen Reichskanzler, neuer Innenminister ist Ioustinianos Doukas.
Armenien: König Aschot III. wurde prunkvoll gekrönt. Der Reichsprotektor Ioannes Kourkouas ist in Kars eingetroffen.

[Gemächer des Ares Phokas] Unter "Hausarrest"

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Dienstag, 7. Mai 2019, 22:37

Unter "Hausarrest"

Die Szene, die sich kürzlich im Großen Palast abgespielt hatte, wirkte einigermaßen stark nach, wie es den Beteiligten zunächst wohl gar nicht sofort bewusst war. Zum einen war das Vertrauen zwischen dem Parakoimomenos und dem Protovestiarios, den beiden obersten Eunuchen (sah man mal vom derzeitigen Sonderfall des Protokouropalates ab), wohl irreparabel zerstört worden. Es würde wohl oder übel, gewollt oder ungewollt die Machtkämpfe innerhalb der Eunuchenschar noch verstärken, musste künftig doch jeder Eunuch eine klare Haltung einnehmen, zu wem er stand. Wegducken ging nun nicht mehr, wollte man es sich nicht mit beiden verderben. Auf den ersten Blick war der Parakoimomenos als Sieger hervorgegangen, schließlich war der Protovestiarios bestraft worden. Bei genauerem Hinsehen aber war die Strafe so gering wie irgend möglich ausgefallen und hatte Ares Phokas keinesfalls sein Amt verloren. Er stand unter "Hausarrest", was das auch genau bedeuten mochte. Er durfte quasi nur noch unter Aufsicht seine Gemächer verlassen fürs Erste und war dadurch in seinem Handlungsspielraum eingeschränkt. Dies würde Kosmas Laskaris sicherlich ausnützen, um möglichst viele der Eunuchen hinter sich zu versammeln. Überhaupt schien der Laskaris über die besseren Kontakte zu denselben zu verfügen, während der Ares ja ein Einzelgänger war.

Dies war nicht alles, denn auch zwischen dem Kaiser und seinem Schwager Konstantinos Phokas, der am nachdrücklichsten auf eine harte Bestrafung des Ares gedrängt hatte (mehr noch als Kosmas selbst), war nun irgendwie der Wurm drinnen. Hatte sich der Protoarchitektonas schon nicht beim Strafmaß durchsetzen können, war ihm vor den versammelten höchsten Eunuchen auch noch eine Abfuhr erteilt worden, indem sich der Kaiser das Du-Wort verbat. Eine doppelte Demütigung für Konstantinos, der seinen direkten Einfluss auf den Herrscher auf einem Tiefpunkt sehen musste.

Blass geblieben war Damianos Doukas, den man hinter vorgehaltener Hand die kaiserliche Klette nannte, stets an der Seite des Autokrators und ein Übermaß an Narrenfreiheit genießend. Er hatte sich zurückgehalten und keine eindeutige Position bezogen – womöglich die geschickteste Art des Umgangs. Denn so konnte er leicht die Meinung des Kaisers zu seiner eigenen machen, egal wie diese ausfiel. Vielleicht sah Damianos aber auch die Gefahr eines abrupten Absturzes klarer als die anderen, war ihm eben ein solcher doch bereits einmal widerfahren, so dass er wohl alles daran setzte, einen weiteren tunlichst zu vermeiden.

Kosmas war gewiss unzufrieden mit dem laschen kaiserlichen Machtwort, das ihm nur gerade so pro forma Recht gegeben hatte im Prinzip, ohne ernsthafte Konsequenzen daraus zu ziehen. Er musste nun stets befürchten, dass ihm im Ares ein Kontrahent erwachsen war, der ihm den Rang ablaufen konnte. Eine Hochkonjunktur für Intrigen, die Leibspeise der Eunuchen, zeichnete sich ab.

Zwei Tage nach dem aufsehenerregenden Vorfall begab sich der Kaiser, begleitet von seiner Leibwache, zu den Gemächern des Ares Phokas, vor denen zwei eben solche Gardisten standen. Sowie der Herrscher erschien, salutierten sie artig und machten Platz. Romanos ließ die Bewaffneten allesamt draußen warten, während er eintrat. Langsam und möglichst geräuschlos schritt er, nachdem er die Türe hinter sich geschlossen hatte, vom Vorzimmer der Gemächer ins Innere. Obwohl diese Gemächer bei weitem nicht die Dimensionen der kaiserlichen aufwiesen, waren sie für sich genommen doch immer noch geradezu herrschaftlich. Ein Gefängnis war es mitnichten, wurde dem Protovestiarios ja ansonsten jeder Wunsch nach wie vor erfüllt.

Weil er ihn im Salon nicht antraf, suchte der Kaiser weiter. Schließlich wurde er im Schlafgemach fündig. Er öffnete die nur angelehnte Tür einen Spalt und verharrte dann erst einmal regungslos. Der Phokas lag auf seinem Bett, offenbar sinnierend und ihn bisher (scheinbar) nicht wahrnehmend. Er spielte mit seinem neuen Ring, den ein schwarzer Onyx zierte und den er erst kürzlich erhalten hatte. Romanos, der den Ares nicht erschrecken wollte, hatte gehofft, dass die Tür ein wenig knarzen würde, was sie indes nicht tat. Er hüstelte also betont und hielt erst einmal inne. Dann setzte er doch an und sprach mit betont gedämpftem Tonfall, fast vorsichtig: "Ich hoffe, ich störe nicht?"

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Dienstag, 7. Mai 2019, 23:18

Es waren inzwischen 2 Tage vergangen, seit ich unter Hausarrest gestellt wurde. War dies ohnehin kaum eine wirkliche Strafe, hielt ich mich sowieso nur selten außerhalb meiner Gemächer auf, mal von den dienstlichen Pflichten abgesehen, blieb mir ob meiner Verletzungen auch keine andere wirkliche Wahl. Jede Bewegung schmerzte, mein Körper war übersäht mit Blutergüssen. Das nichts gebrochen war, grenzte an ein Wunder.
So kam die kaiserliche Strafe schon beinahe einer ärztlich verordneten Bettruhe gleich.
Auf meiner Schlafstatt liegend, dachte ich über das Geschehene nach. Hatte ich den Bogen wirklich überspannt? Ich zweifelte stark daran, dass mich wirklich irgendeine Schuld traf. Der Laskaris hatte mich aus meiner Sicht nur provozieren wollen. Dafür sprach letztlich auch, dass er Konstantinos zum Geschehen dazu hatte rufen lassen, obwohl dieser doch völlig unbeteiligt war. Dass sich die Welt gegen mich verschworen hatte, war mir schon lange bewusst, aber die intrigante Welt der Eunuchen schien das ganze noch auf eine neue Stufe zu heben.
Indes schien ich in Romanos höchstselbst eine Art Freund gefunden zu haben. Das Zeugnis seiner Gunst zierte nicht zuletzt auch meinen Finger in Form des Onyxrings. Vorsichtig strich ich über den Stein und besah mein Spiegelbild in dessen Glanz.
Ich beschloss, dass es Zeit war Pläne zu schmieden, wie ich meine Rache am Haus Phokas umsetzen würde, ehe es dafür zu spät war; der Vorfall hatte mir das ganze allzu schmerzlich in Erinnerung gerufen.
Es musste doch einen Weg geben, wie ich meinen aktuellen Stand zu meinem Vorteil gebrauchen konnte! Angestrengt dachte ich nach, ehe ich aufschreckte, ob des unerwarteten Auftauchen des Kaisers.
Glücklicherweise hatte ich nicht laut nachgedacht, dennoch fühlte ich mich ertappt.
Ächzend und stöhnend "schnellte" ich, so flott es in meinem Zustand ging, hoch und verbeugte mich vor Romanos.
"Majestät!", grüßte ich ihn. "Verzeiht, ich habe nicht mit Euch gerechnet." Das sollte mein geradezu heruntergekommenes Erscheinungsbild entschuldigen, war ich doch nur in eine Art langes Nachthemd gekleidet. Wozu umziehen, wenn man das Bett doch ohnehin nicht verließ?
Dazu kamen die blauen Flecke und zersaustes Haar, das in der Zeit meines Hausarrests auch noch keine Bürste gesehen hatte.
"Was führt Euch zu mir?", fragte ich halb nervös, den Onyxring am Finger hin und her drehend. Hatte er es sich doch anders überlegt und wollte mir meine wirkliche Strafe verkünden?

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Dienstag, 7. Mai 2019, 23:53

Dienstbeflissen trotz allem schickte sich der Protovestiarios an, ein halbwegs ordentliches Bild abzugeben vor seinem Kaiser, so dass er sich eilig erhob und sich vor der Majestät verneigte. In seinem Zustand hätte ihm Romanos es sicherlich nicht übel genommen, wäre er liegen geblieben. In jedem Falle stand Ares nun vor ihm, auch wenn seine Aufmachung unterstrich, dass er von keinem Besuch, schon gar keinem Allerhöchsten Besuch ausgegangen war.

"Du hast dich etwas erholt, ja?", begann der Kaiser und beäugte ihn im wahrsten Sinne des Wortes von Kopf bis Fuß. "Zumindest machst du mittlerweile wieder einen halbwegs brauchbaren Eindruck." Er schmunzelte und schritt etwas im Raum auf und ab. "Die Causa ist hiermit offiziell für ausgestanden erklärt, wenngleich du jetzt mehr denn je von mir alleine abhängig sein wirst, ist doch davon auszugehen, dass der Parakoimomenos nicht untätig geblieben ist und seine Heerscharen hinter sich versammelt hat." Gemeint waren selbstredend die Eunuchen, die wohl zum allergrößten Teil hinter dem Laskaris standen, sei es aus Ergebenheit, Furcht oder Berechnung. Der Kaiser warf einen Blick durch das Fenster ins Freie hinaus. "Anders gesagt: Da dir die Hausmacht fehlt, muss dies anderweitig ausgeglichen werden." Dass das Haus Phokas trotz desselben Namens nicht hinter Ares, sondern hinter Kosmas stünde, war selbst demjenigen deutlich geworden, der die wirkliche Verbindung zwischen dem Laskaris und dem Oberhaupt der Phokadai nicht kannte – und das waren bis auf eben diese beiden alle. "So trat gleichsam offen ans Tageslicht, was im Geheimen schon lange abzusehen war."

Tatsächlich war Ares im Grunde genommen auf sich allein gestellt, denn sah man von seiner eigener Schwester ab, hatte er keine eindeutigen Verbündeten. Ohne den Kaiser wäre er längst sein Amt los gewesen und womöglich gar mehr noch. Romanos drehte sich wieder zu Ares, der noch immer barfuß dastand. "Ich bin gekommen, auf dass wir dieses unseres enges Vertrauensverhältnis abermals bekräftigen. Ohne meine schützende Hand nämlich wären deine Tage bei Hofe gezählt. Allein meine Protektion bewahrt dich vor allzu offenen Nachstellungen. So bin ich dir also zum Protektor geworden." Er ging auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen, der gegenwärtig ein etwas zerzaustes Bild abgab. "Er steht dir übrigens vortrefflich", blickte der Kaiser auf den düsteren Ring, der neuerdings die Hand des Ares zierte. Den Ring konnte der Kaiser auch gewissermaßen zum Vorwand nehmen, wiederum auf die so im höchsten Maße ästhetischen schlanken Finger des Protovestiarios zu starren, ohne dass dieser sich dabei etwas dachte. Einen leichten Ausdruck hörbarer Erregung unterdrückte er mit Mühe, indem er ihn nahtlos in ein Räuspern übergleiten ließ. Um wieder etwas ernster zu werden, fuhr er fort: "Sie werden dich ihren Unmut von heute an gleichwohl bei jeder sich ergebenden Gelegenheit deutlich spüren lassen, dessen sei gewiss. Gewiss wäre ein freiwilliger Rücktritt das einzige probate Mittel für zart besaitete Gemüter. Bist du in der Lage, diesem Druck standzuhalten? Denn der wird auf dich unweigerlich zukommen, bleibst du im Amte, aus dem sie dich allzu gerne drängen würden." Fragend starrte er ihn an und harrte der Dinge.

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Mittwoch, 8. Mai 2019, 01:14

Scheinbar nahm Romanos selbst nicht ganz ernst, dass er meinen Zustand soeben als brauchbar beschrieben hatte. Zumindest schien er daraufhin zu schmunzeln. Ich musste wirklich ein jämmerliches Bild abgeben, aber im Gegensatz zum Tag des Ereignisses, war natürlich eine deutliche Verbesserung zu sehen. Zudem beliebte es ihm scheinbar mich dadurch noch ein bisschen auf die Folter zu spannen, schob er doch meine Frage auf und beantwortete sie vorerst nicht direkt.
Stattdessen sprach Romanos zunehmend immer mehr in Rätseln. Der Mutmaßung, dass Kosmas Laskaris gegen mich mobil machte, konnte ich ja noch problemlos folgen. Und sicher, was er mit fehlender Hausmacht meinte war mir natürlich ebenso klar. Doch sprach er davon, dass der Mangel dieser familiären Macht ausgeglichen werden müsse. Was sollte das bedeuten? Gewiss würde er mir doch keine neue Familie verschaffen können. Oder doch? Er war immerhin der Kaiser.
Völlig konfus erschien mir daher auch, was die folgende Bemerkung zu bedeuten hatte. Was war denn ans Tageslicht getreten? Dass ich kein angesehener Phokas war, war mir schon lange bekannt.
Verwirrt versuchte ich mir einen Reim darauf zu machen, doch letztlich sollte Romanos doch noch deutlicher werden, der scheinbar nicht nur mich, sondern auch meine Gemächer inspizierte, indem er es durchschritt. Er behielt Recht mit der Feststellung, dass ohne seine Gunst meine Karriere, wenn nicht gar mein Leben längst vorüber wäre.

Ein wenig beschämt blickte ich zu Boden.

Letztlich war Romanos zu meinem Beschützer geworden, obwohl ich bisher davon überzeugt gewesen war, auf mich selbst aufpassen zu können. Das dem nicht so war, hatte ich mir ja selbst bewiesen und meine Wunden bekundeten dies nach allen Seiten.
Nachdem er geendet hatte, blieb Romanos direkt vor mir stehen und blickte mich an. Ich vermochte nicht, in Worte zu fassen, wie sehr ich ihm zum Dank verpflichtet war und schluckte nur.
Schweigend blickte ich ihn an, doch war es nicht zu übersehen, dass ich voll Anerkennung für ihn war. Ich spürte seinen Blick auf mir und ich wusste, dass ich mich ihm jetzt vollends verschrieben hatte und jeder seiner Wünsche mir Befehl sein würde.
Es bedurfte keiner worte um dies zu erkennen, vielmehr war es eine stillschweigende Vereinbarung zwischen uns.
Nach Momenten bedeutungsschwerer Stille fiel sein Blick auf meine Linke, die das Geschenk des Autokrators trug, und lobte meine Wahl.

Geschmeichelt nickte ich dem Kaiser zu. Ich hätte gewiss keine bessere Wahl treffen können.
Ich bemerkte jedoch, dass Romanos sich bemühte, nach dieser doch etwas informellen Eskapade, wieder zurück zum Thema zu finden und scheinbar angestrengt versuchte, nicht auf meineHände zu starren.
Endlich brach ich mein Schweigen.
"Verzeiht Majestät, Ihr kennt meine familiären Hintergründe und, mit Verlaub, wie Ihr wisst, war es nie einfach für mich. Das Gefühl von Feinden umringt zu sein ist kein Novum für mich."
Ich räusperte mich kurz und blickte nocheinmal kurz zu Boden, ehe ich Romanos mit festem blick ansah."Neu hingegen ist für mich, einen Fürsprecher zu haben, wie ich ihn in Euch gefunden zu haben scheine. Vergebt mir Majestät, aber gewiss erinnert Ihr Euch noch daran, dass ich Euch versprach, Euch vollumfänglich zur Verfügung zu stehen. Daran hat sich für mich nichts geändert.
Im Gegenteil. Ich würde Euch am liebsten nie mehr von der Seite weichen und gäbe mein Leben für Euch. Ein Rücktritt käme niemals in Frage."
Den letzten Satz versah ich mit einer solchen Bestimmtheit, dass kein Zweifel daran aufkommen konnte, wie ernst ich es meinte.

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Donnerstag, 9. Mai 2019, 01:43

Ein Ausgestoßener zu sein, musste eine furchtbare Erfahrung sein. Romanos selbst konnte es sich wohl nicht einmal in seinen (Alp-)Träumen ausmalen, was das eigentlich genau bedeutete, hatte er doch die vermutlich behütetste Kindheit durchlebt, die man sich vorstellen konnte. Und das, obwohl er zunächst gar nicht als Thronfolger gegolten hatte, solange Romanos I. Lekapenos, sein Großvater mütterlicherseits, das Regiment führte. Die Lekapenoi spielten, abgesehen von den beiden starken Frauen Helena und Agatha, mittlerweile keine Rolle mehr in der Reichspolitik. Ganz anders die Phokadai, zu denen Ares zwar formal gehörte, die ihm aber seit seiner Geburt ihre Anerkennung versagten. Die Kindheit und Jugend des Ares musste wohl ziemlich trostlos gewesen sein.

Den Kaiser reizte an dieser Sache, dass ihm dieser Ares Phokas auf Gedeih und Verderb zur unbedingten Treue ergeben sein würde. Spätestens jetzt, wo sich offen gezeigt hatte, dass er bei Hofe im Grunde genommen keine Verbündeten besaß. Eine denkbar schwere Hypothek. Offenbar mangelte es ihm zudem an nennenswerten Freundschaften, durch die er dieses Manko zumindest teilweise hätte ausgleichen können. Sein einziger Freund schien tatsächlich der Kaiser zu sein.

"Dieses Gefühl soll dich nicht weiter grämen, denn ich will dir ab sofort die Familie sein", meinte Romanos halb gerührt, halb besorgt. Wie dies genau zu verstehen war, ließ Romanos einen Moment in der Schwebe. "Als Nobelissimos sollst du ab sofort ein Mitglied der kaiserlichen Familie sein." Offene Kritik an einem solchen konnte schwerwiegende Folgen haben. Zuvor hatte der Kaiser schon Konstantinos Phokas, Damianos Doukas und Kosmas Laskaris in diesen Rang befördert (Konstantinos war mittlerweile sogar zum Kaisar aufgestiegen, was Eunuchen nicht möglich war). Damit stellte Romanos also Ares auf dieselbe Stufe wie die Genannten. Dies würde zwar schwerlich die Probleme aus der Welt schaffen, aber doch einen gewissen Schutzstatus bedeuten, den Ares so bitter nötig hatte.

Die Rührung des Kaisers nahm noch zu, als sich der Protovestiarios voll und ganz für den Kaiser erklärte und seinem festen Entschluss Ausdruck verlieh, nicht von dessen Seite weichen zu wollen, komme was wolle. Dies tat Ares sicher nicht in erster Linie aus Geltungssucht, sondern vielmehr aus Loyalität. "Genauso habe ich dich eingeschätzt. Du bist eine Kämpfernatur." Diese Worte sprach Romanos ernst und mit Nachdruck. Wäre Ares kein Kämpfer gewesen, er wäre wohl ohnehin schon zugrunde gegangen.

"Nun, nachdem du dich mir so vollumfänglich anvertraut hast, will ich es dir auf meine Art gleichtun. Vertrauen ist schließlich die Grundvoraussetzung für jedes innige Verhältnis." Sprach's und blickte sich etwas im Zimmer um und fasste sich dann an seinen Bart. "Mich drängt es nach einer Rasur. Du hast nicht zufällig ein Rasiermesser zur Hand?" Gewiss hatte er das bei seinem Bartflaum, den er wohl dadurch nicht weiter ausarten ließ. "Die Rasierklinge an der eigenen Kehle spüren, wenn das nicht von Gottvertrauen zeugt", lachte der Kaiser, der sich gewiss war, dass seinem Gegenüber ein solches Vertrauen entgegenbringen konnte.

6

Freitag, 10. Mai 2019, 00:22

Mir stockte der Atem. Tatsächlich wollte Romanos mich in Kreise der Kaiserfamilie aufnehmen. Sicherlich war das ganze eher eine Formalie und kaum mit einer Familie im eigentlichen Sinne gleichzusetzen, handelte es sich doch eher um die Aufnahme in die Firma der Makedonen-Dynastie. Es waren vor allem die Mitglieder, die nicht von Geburt als solche gegolten hatten, die bei mir hier jedoch Vorbehalte weckten, namentlich Konstantinos Phokas und Kosmas Laskaris. Der eine wollte mir nicht Familie sein, dem anderen, aufgrund seiner mutmaßlichen Perversionen, ich nicht.
Auf der anderen Seite, hatte es natürlich etwas triumphales, wenn ich gerade diesen beiden den Rang ablief, in dem ich trotz der jüngsten Ereignisse auf den gleichen Stand gehoben wurde, wie sie. Ein schelmenhaftes Grinsen umspielte daher meine Lippen, ob der kaiserlichen Anordnung. Ein Gefühl machte sich in mir breit, das mich erahnen ließ, wie sich mein Vater vor 10 Jahren gefühlt haben musste, als er seinem Bruder hämisch unter die Nase reiben wollte, dass er es wieder zu etwas in der Welt gebracht hatte. Dennoch, ich war nicht mein Vater und versuchte es daher etwas bescheidener anzugehen.
"M...Majestät" , stammelte ich. "Seid Ihr Euch dessen wirklich sicher? Ich bin Euch zutiefst verbunden, für Eure Großherzigkeit, aber wird es nicht einen Skandal erzeugen, wenn Ihr mich auf die gleiche Stufe mit denjenigen stellt, die mich vor 2 Tagen noch am liebsten tot gesehen hätten?" Ich wollte nicht undankbar erscheinen, daher beeilte ich mich noch nachzuschieben: "Natürlich bin ich überglücklich darüber, dass Ihr mir eine Familie sein wollt, aber aus dem gleichen Grunde, bin ich um Euren Stand bei den anderen Familienmitgliedern besorgt."

Sodann wollte mir der Autokrator beweisen, dass er mir auf die gleiche Weise vertraute, wie ich ihm. Nicht das ein Beweis hierfür, oder gar das Vertrauen selbst für mich erforderlich gewesen wäre. Solange ich auf ihn vertrauen konnte, war ich Romanos treu ergeben. Daher war es mir natürlich auch ein Bedürfnis jedem seiner Wünsche nachzukommen. Gewiss, es war nicht meine direkte Aufgabe, Hand an den Kaiser zu legen, sondern vielmehr die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie das Erscheinungsbild des Kaisers war. Ausführende Elemente waren in der Regel die Praipositoi, deren Arbeit ich verantwortete. Eigentlich war mir das aber lästig, denn wie sich schon bei der Einkleidung seiner Majestät zeigte, übernahm ich diese Aufgaben lieber selbst.
Trotzdem kam dieser kaiserliche Wunsch doch etwas überraschend.
"Sicher.", antwortete ich und schritt zu einem kleinen Schränkchen in dem ich die Klinge, sowie eine metallerne Schüssel aufbewahrte. Ich nahm beides heraus und blickte mit den Utensilien in Händen zu Romanos.
"Gleich hier auf der Stelle, Majestät?"
Es war in meinen Gemächern selbstverständlich alles vorhanden, was benötigt wurde, auch wenn es sich dabei nur um einen einfachen Stuhl handelte.

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Freitag, 10. Mai 2019, 01:08

Anders als manch einer zeigte sich Ares Phokas ob des kaiserlichen Angebotes, ihm den prestigeträchtigen Titel eines Nobelissimos zu verleihen, hin und her gerissen. Er bedankte sich eifrig, machte aber glaubhaft geltend, dass er auch eine gewisse Problematik erkannte, die daraus erwachsen könnte. Denn immerhin würde es einen Aufschrei geben unter den gleichsam Alteingesessenen, zumal nach dem Vorfall von vor kurzem. Der Kaiser suchte diese Zweifel zu zerstreuen. "Um meinen Stand brauchst du dir wahrlich keine Sorgen machen. Es ist schließlich mein gutes Recht, diesen oder jenen mit Titeln zu belohnen. Und eine Belohnung soll es auch sein. Die anderen werden sich daran gewöhnen oder eben gewöhnen müssen." Wo käme man auch hin, wenn der Kaiser bei derartigen Nobilitierungen die Meinung der Hofschranzen bedenken müsste. Es hatte zudem schon weit fragwürdigere Ernennungen mit größerer Tragweite gegeben in der Regierungszeit von Romanos II.

Und so begab es sich, dass sich Ares dem kaiserlichen Wunsche nicht versagte, der eine Rasur ins Spiel brachte. Sogleich nämlich holte der Protovestiarios das Notwendige herbei. Wahrlich, normalerweise erledigte ein Praipositos diese Arbeit, doch gegenwärtig bot es sich schlicht und ergreifend anderweitig an. "Jawohl, hier und jetzt", bestätigte der Kaiser und schien kein Problem damit zu haben, dass er sich nicht in seinen ausgedehnteren Gemächern befand. Er schritt zu besagtem Stuhl, der so dastand, dass das Tageslicht gut hereinstrahlen konnte und eine adäquate Beleuchtung bot. Dort setzte er sich und blickte kurz zu Ares. "Also bitte nicht ganz abrasieren, lediglich hie und da nachbessern", lächelte er und wollte von vornherein keine Missverständnisse aufkommen lassen. Des Kaisers mediokrer Bartwuchs bedingte ansonsten, dass es etliche Tage dauern würde, bis sein Barthaar wieder nachgewachsen wäre. Da sein Gegenüber noch immer etwas zaghaft erschien, fügte er noch hinzu: "Du darfst anfangen, sowie du bereit bist."

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Samstag, 11. Mai 2019, 02:21

Auch wenn ich meine Bedenken geäußert hatte: Romanos blieb bei seinem Entschluss mich zum Nobelissimos zu machen. Innerlich sah ich den Laskaris und vor allem aber Konstantinos toben, sollten sie davon erfahren. Mich selbst hingegen ließ es beinahe kalt. Natürlich freute ich mich über die Ehre, die mir Romanos damit zuteil werden ließ, doch wie erwartet lösten sich meine Probleme dadurch nicht einfach so auf einen Streich. In mir erwuchs kein Gefühl der Geborgenheit, wie der Schutz durch eine Familie es vermochte. Es war einzig die Nähe zu Romanos, die mich dies verspüren ließ. Ich wusste, dass er auf mich Acht geben würde, woran auch immer es lag. Er schien tatsächlich einen Narren an mir gefressen zu haben. Manch anderer, vor allem manch anderer Eunuch, hätte sich an meiner Stelle im siebten Himmel gewähnt, doch meine Gefühle für ihn waren weder romantischer, noch sexueller Natur.

Vielmehr war mir daran gelegen, seine Gunst mir gegenüber möglichst permanent zu binden und das bedeutete, ihm der zum einen der Diener zu sein, den er mir abverlangte, zum anderen aber auch gleichermaßen der Protektor zu sein, der erfür mich war. Für mich gab es keine höhere Instanz mehr, als Romanos; nicht einmal Gott.
Aus diesem Grunde war ich mir unschlüssig wie ich reagieren sollte, als er mich noch näher an seine Stufe hob.
"Ich bin Eurer unermesslichen Güte nicht würdig, Euer Majestät." ,war alles was ich dazu hervorbrachte.
Nun galt es aber, sich dem vermeintlichen Tagwerk meines Amtes, heute höchstselbst zu widmen. Der Autokrator bat hier und jetzt um die Rasur. Nachdem ich einen Praipositos gerufen hatte, schickte ich ihn sogleich los die Metallschüssel mit kristallklarem Wasser zu füllen. Während der Bedienstete sich auf den Weg machte, nahm der Kaiser auf dem bereitgestellten Stuhl platz. Ich hingegen schritt zu meiner Garderobe und nahm mir ein langes Leinentuch, das ich mir selbst umzulegen pflegte, wenn es an der Zeit für meine eigene Rasur war. Der Stoff roch nach Zitrusfrüchten und dies nicht ganz zufällig. Ich hatte schon vor einigen Wochen das Parfum des Kaisers immer öfter bemerkt und mich daher nach einer ähnlich duftenden Rasierseife umgesehen. Letztlich fündig geworden, hatte ich diese zunächst an mir selbst ausprobiert, ehe ich sie das erste mal dazu freigegeben hätte, dem Kaiser vorzuführen. Der perfekten Seife waren einige Rasuren mit ähnlich parfümierten Exemplaren vorangegangen, sodass das Leinentuch letztlich auch einen Zitrusduft angenommen hatte.
Kurz den frischen Hauch durch meine Nase inhalierend, begab ich mich wieder zurück zu Romanos. Sanft legte ich ihm das Tuch um den Hals und den Nacken, sodass sein Körper vor der bevorstehenden Prozedur geschützt war. Vorsichtig zupfte ich die Ränder des Tuchs am Hals des Autokrators zurecht, damit es ordentlich saß, und ihm kein Wasser auf die Brust herablaufen konnte. Sodann ging ich wieder zu dem Schränkchen hinüber, aus dem ich bereits die Rasierklinge genommen hatte und zauberte nun besagte Seife hervor, um diese in die Hand des Romanos zu legen, dass er den Duft selbst bewerten konnte.
Kurz darauf kehrte der Praipositos mit dem Wasser zurück und stellte die Schüssel auf einem kleinen Beistelltisch neben Romanos ab. Ich tauchte meine Hände in das Kühle nass und spürte die belebende Wirkung. Zögerlich ob der Kälte, machte ich mich daran das Gesicht des Kaisers mit dem Wasser zu befeuchten, indem ich kleine Mengen davon mit meinen Handflächen auf den Wangen, dem Kinn und dem Hals des Romanos zu verteilen. Vorsichtig strichen Hände und Finger dabei über seine Hand, als wenn allzu viel Druck die makellose Haut meines Gebieters verletzen würde.
Mit dem ersten Schritt zufrieden, nahm ich die Seife wieder aus der Hand des Romanos, nahm mir den Borstenpinsel, den ich auch bei mir selbst verwandte, tunkte ihn in die Wasserschale und strich damit über die Seife, sodass sich an den Borstenspitzen ein weißer, nach Zitrus duftender Schaum bildete. Mit akribischen Blick stierte ich auf die Haut des Makedonen, während ich sorgfältig den Schaum auftrug. Ich ging sicher, dass ich wirklich jede Stelle mit dem Rasierschaum bedachte, auch wenn ich nicht den kompletten Bartwuchs abrasieren würde.
Zuletzt legte ich den Pinsel zur Seite und strich mit meinen Händen über das Gesicht seiner Majestät um den Schaum ein wenig einzumassieren, damit sich die Poren der Haut öffneten.
Ob ihm die Behandlung wohl gefiel?

9

Samstag, 11. Mai 2019, 23:28

Hätte man es nicht gewusst, hätte man den emsigen Protovestiarios glatt für einen Bartscherer halten können, wirkte doch jede Handgriff, den er nun tat, überaus routiniert und der Ablauf insgesamt sehr flüssig. Eine Rasur war bei des Kaisers spärlichem Bartwuchs ohnehin nur alle zwei, drei Tage nötig. Bereits bei der Wahl des Leinentuches bewies Ares Geschmack, haftete diesem doch der Duft von Zitrus an, welchen Romanos so schätzte und der eine wichtige Zutat bei allen seinen Parfums bildete. Es verlieh jedem Träger ein reichliches Maß an Esprit, sofern er es nicht von Natur aus hatte.

Zunächst wortlos ließ der Kaiser die Procedur über sich ergehen. Der zitrische Duft schien tatsächlich von der Seife auszugehen, welche die Basis für den Rasierschaum bildete, welcher der Vorsteher der kaiserlichen Garderobe dann behutsam mittels eines Pinsels gekonnt auftrug. Ob die Redewendung Sich um des Kaisers Bart streiten einen solchen Ursprung hatte, blieb ungeklärt. "Du bist der geborene Barbier", meinte Romanos knapp, während er sich im Spiegel betrachtete.

Schließlich massierte der kaiserliche Aufshilfsbader den aufgetragenen Rasierschaum auf den kaiserlichen Wangen händisch ein, um den gewünschten Effekt zu erzielen, nämlich die unmittelbar darauffolgende eigentliche Rasur zu erleichtern. Unweigerlich musste der Phokas dazu die Backen Seiner Majestät erstmals direkt berühren. Die soignierten Hände des Ares erwiesen sich als ideal für diese Tätigkeit. Der Kaiser konnte sie zwar nicht direkt, aber eben mittels des Spiegelbildes in ihrer ganzen Grazilität betrachten.

"Vorzüglich, ganz vorzüglich", meinte er daraufhin, während sein Gegenüber noch immer damit beschäftigt war. Man musste das Ganze wohl einen Moment einwirken lassen, bevor die eigentliche Rasur erfolgen konnte.

10

Mittwoch, 15. Mai 2019, 01:41

Abermals bemerkte ich, wie Romanos zwar nicht direkt, aber im Spiegelbild meine Hände im Blick hatte, während diese den Schaum auf den kaiserlichen Wangen verteilten. Ein leichtes Knistern war zu hören, das einerseits von den kleinen Schaumbläschen herrührte, andererseits von meinen Fingern, die über die feinen Bartstoppeln des Autokrators glitten. Diese Massage dauerte vielleicht gerade einmal eine Minute, doch war es diese höchste Intimität, die das ganze wie einen Moment jenseits von jeglichen zeitlichen Maßstäben erscheinen ließ.
Es musste ein unwirkliches Bild abgeben: Der Kaiser, in seine kaiserlichen Gewänder gehüllt, mit einem einfachen Leinentuch bedeckt und sein ergebener Diener, zersaust und gezeichnet von der Behandlung der Manglabitai, lediglich in ein langes Nachthemd gekleidet. Der eine thronte auf einem Stuhl, während der andere ihn umsorgte, ergeben und bedächtig ob jeden Handgriffs.
Den wohligen Zitrusduft in der Nase und überzeugt, dass die Seife ihre Wirkung nicht verfehlt hatte, ließ ich ab von der Haut des Autokrators, um meine Hände erneut in die Wasserschale zu tauchen. Kleine Inseln aus Schaum schwammen an der Oberfläche. Langsam und sorgfältig trocknete ich meine Hände an einem weiteren Tuch, ehe ich das Rasiermesser zückte. Vorsichtig fuhr ich mit der Fingerspitze meines Zeigefingers über die breite Seite der Klinge. Es bedurfte nur wenig Druck und man hätte sich an dem scharfen Stahl geschnitten. Ich musste vorsichtig arbeite, wenn ich den Kaiser nicht ernsthaft verletzen wollte.
Ich griff noch einmal zu einem Becher Wein, den man man uns bereits gestellt hatte, nahm einen kurzen aber kräftigen Schluck und blickte seine Majestät an.
"Die Klinge ist scharf. Ihr solltet still halten, Majestät.", grinste ich schelmisch und nickte ihm zu. Alsgleich machte ich mich ans Werk. Zunächst kniete ich mich zur Linken Romanos und griff ihm an Kinn und Hinterkopf, um mit sanften Druck, desser Haupt ein wenig anzuheben. Ich atmete tief ein und näherte mich mit meinen Augen bis auf wenige Zentimeter der Wange, um auch wirlich alles im Blick zu haben. Ich konnte jedes einzelne Barthaar erkennen, trotz der Tatsache, dass sie ja nun eingeseift worden waren. Sodann packte meine Linke den kaiserlichen Kieferknochen, und ich zog die Haut Romanos mit meinem Daumen straff. Meine Rechte, das Rasiermesser führend, bewegte ich daraufhin an die zu bearbeitende Partie. Ich befürchtete, dass ich zu aufgeregt war und zittern würde, doch die ruhige Führung meiner Hand hätte Jahrhunderten später den Cowboys im Wilden Westen alle Ehre gemacht.
Behutsam ließ ich die Klinge über den oberen Teil der Wange des Makedonen gleiten, so dass ein feines Kratzen der abgeschnitten Haare zu hören war. Nach und nach schnitt ich eine klare Kante in den Bartansatz.
Ein Fehler und das kaiserliche Antlitz hätte fortan vielleicht eine kleine Narbe geziert. Bei diesem Gedanken wünschte ich mir insgeheim, dass in diesem Falle Konstantinos mein Opfer wäre. Einige Züge mit dem Messer später strich ich mit einem Finger zunächst über die Wange des Kaisers, um im Gesicht hängen gebliebene Haare aufzunehmen, und dann über die Klinge, um auch dort klebende Haare zu entfernen. Nachdem ich Hände und Messer in der Wasserschüssel abgewaschen hatte, besserte ich die gerade geformte Kante mit einigen wenigen weiteren Zügen aus. Noch einmal kurz über die Wange streichend, gab ich Romanos den Blick auf den ersten Teil meines Werks frei, sodass dieser es begutachten konnte und gegebenenfalls eine kurze trinkpause machen konnte. Die erste Wange war geschafft.

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Mittwoch, 15. Mai 2019, 23:22

Und so ging man in medias res. War eine Rasur an sich nichts Besonderes, wurde sie es im konkreten Falle eben doch, da es nicht irgendein Barbier, der Hand anlegte, sondern Ares Phokas war, der in der letzten Zeit die meiste kaiserliche Aufmerksamkeit einheimste – ganz zum Leidwesen der anderen Günstlinge, besonders Ares' Vetter Konstantinos Phokas, der sich neuerdings zurückgesetzt fühlte. Am Kaiser hing doch letztlich alles, weswegen sich auch alle besonders anstrengten, dem Herrscher zu gefallen, auf dass er ihnen gewogen sei. Hatte man nämlich nicht die kaiserliche Gunst auf seiner Seite, nutzte letztlich alles nichts.

Die Bemerkung hinsichtlich der scharfen Klinge war eigentlich etwas Selbstverständliches, doch hielt sich Romanos diesmal akribisch an diese Empfehlung, war die Gefahr doch nicht zu unterschätzen, welche von einem Rasiermesser ausging. Kein Wunder, dass Romanos in seiner paranoiden Angst häufig selbst zur Rasierklinge gegriffen hatte, da er keinem Eunuchen so hundertprozentig vertrauen wollte. Bei Ares indes beschlich ihn diese Sorge aus irgendeinem Grunde mitnichten. Auf die meisten Zeitgenossen wirkte dieser Phokas ja wie ein Hasardeur, der abrupt und ohne erkennbaren Grund fuchsteufelswild werden konnte. Beim Kaiser indes war er harmlos wie ein Lamm. Wieso dem so war, hinterfragte Romanos zu diesem Zeitpunkt nicht.

Das Procedere brachte es mit sich, dass die Finger des Ares die Majestät hie und da berührten, was den Ablauf bestimmt nicht öder erscheinen ließ. Zufrieden blickte Romanos auf das Teilergebnis, denn eine Wange war bereits soweit fertig. "Mir will scheinen, du hast wirklich ein Händchen dafür", meinte er anerkennend und streckte ihm, diese Wort unterstreichend, seine eigene Hand entgegen, um jene des Eunuchen zu umfassen. "Grazile und anmutige Finger", schmunzelte er, während er diese mit den seinigen umschloss, zumindest für einen Moment, bevor er wieder davon abließ. "So will ich dir gleichsam auch die andere Wange hinhalten", fuhr er mit dem Anflug eines Lachens fort. Sprach's und tat's.

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Mittwoch, 22. Mai 2019, 00:20

Romanos schien das Teilergebnis zu gefallen. Warum er dazu meine Hand umschloss und die Finger lobte, erschloss sich mir nach wie vor nicht. Doch eine direkte Berührung durch Seine Majestät war auch für mich eher eine Seltenheit, ging der Körperkontakt doch meist von mir aus. Der Griff des Autokrators war fest und, nicht dass ich dies gewollt hätte, lief keinerlei Gelegenheit dazu, sich ihm zu entziehen. Dennoch machten die kaiserlichen Hände nicht den Eindruck eines unnachgiebigen Feldherrn, dessen Haut vom eiserenen Griff seines Schwerts aufgerauht wären, noch ähnelten sie der weichen Geschmeidigkeit von Weibern.

Ich bildete mir ein, den kaiserlichen Pulsschlag durch die Berührung fühlen zu können und hätte diesem noch minutenlang folgen können.
Jedoch galt es mein Werk zu vollenden und so wechselte ich auf die rechte Seite des Makedonen. Erneut rückte ich den kaiserlichen Kopf in Position. Abermals hub ich das Eisen an und setzte es an die Wange des Kaisers. Ich war nicht minder konzentriert zugange, wie an der vorherigen Wange. Meine Sinne waren nicht minder geschärft: Die Ohren vernahmen das Kratzen der Klinge auf der Haut, die Nase war noch immer von dem Zitrusduft betört, die Finger ertasteten weiterhin die Haut Seiner Majestät und die Augen verfolgten jeden einzelnen Zug des Messers. Alles schien abzulaufen wie zuvor.
Plötzlich hielt ich jedoch inne und schluckte. Mein Hirn brauchte einige Sekunden um zu realisieren, welcher Sinnesreiz mich dazu veranlasst hatte die Klinge abzusetzen. Ohren, Nase und Finger hatten keine Auffälligkeiten vermeldet, doch die Augen meldeten das Auftreten einer Farbe an meinen Verstand, die nicht zu dieser Situation passte:
Blutrot.
Tatsächlich. Ein Tropfen kaiserlichen Blutes trat aus einer feinen Schnittwunde hervor und mischte sich mit dem Schaum, der noch immer die Wange Seiner Majestät benetzte.
Romanos musste dies unweigerlich bemerkt haben, allein schon durch meine Reaktion und nicht zuletzt durch den Spiegel, durch den er jeden Handschlag verfolgen konnte.
Verstummt, traf mein Blick den des Blutenden im Spiegel.

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Mittwoch, 22. Mai 2019, 02:27

Erst die eine, dann die anderen Wange. Es schien bereits sehr routiniert, als sich der mit der Rasur betraute Protovestiarios nun auch dem zweiten Teil seiner Arbeit widmete. Es lief auch wie am Schnürchen, denn bald schon war Ares wieder in seinem Element (oder zumindest das, was man dafür halten konnte). Behände und mit Präzision verrichtete er sein Tagwerk. Des Kaisers Gedanken schweiften um das merkwürdige Talent des Eunuchen, der recht eigen wirkte und sich offenbar wenige Freunde bei Hofe gemacht hatte.

In Gedanken versunken, holte Romanos schließlich das abrupte Absetzen der Rasierklinge in die Realität zurück. Er wunderte sich zunächst, was wohl der Anlass dafür sein mochte. Womöglich wollte der Phokas lediglich neu ansetzen. Im Spiegel bemerkte der Kaiser dann aber, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, was man am Gesichtsausdruck des Ares ersehen konnte, der noch trister wirkte als sonst schon. Da erst sah Romanos anhand seines Spiegelbildes, wie ein einzelner Blutstropfen aus seiner Wange hervorquoll. Seltsamerweise verspürte er überhaupt keinen Schmerz dabei, der Schnitt musste wirklich marginalst sein, gar nicht fühlbar, nur deutlich zu sehen. Wie automatisch fuhr er mit seinem Zeigefinger darüber und verwischte dabei auch etwas den Rasierschaum. Die Hand vor sein Gesicht führend, betrachtete er die blutrote Fingerkuppe. Schließlich schmunzelte er.

"Fürwahr, du bist der erste, der mir einen Blutstropfen abtrotzt." Der Kaiser behielt überraschenderweise die Ruhe und machte keine Anstalten, wegen dieses kleinen Malheurs zur Furie zu mutieren. "Er will mir trotz aller Mühe nicht purpurfarben erscheinen. Sollte mich das beunruhigen?" Rhetorisch fragend, blickte er in des Ares Richtung. "Vielleicht wäre es an der Zeit, Blutsbrüderschaft zu schließen. Das heißt, wenn du dich traust." Dazu nämlich müsste sich ja auch der Phokas eine kleine Wunde zufügen, damit es klappte. "Veredle dein eigenes Blut mit demjenigen des Megas Alexandros, welches in mir fließt." Dieser Überzeugung war Romanos bekanntlich absolut, sah er sich doch als Abkömmling Alexanders des Großen.

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Gestern, 00:24

Ungläubig betrachtete ich, wie sich Romanos an die Wange fasste und etwas seines Blutes mit der Fingerspitze auffing. Was hatte ich getan? Durch die Verletzung des kaiserlichen Leibes konnte ich mir einiges an Ärger einhandeln. Mehr noch, würde Romanos das ganze in den falschen Hals kriegen, wäre ich die längste Zeit Protovestiarios gewesen. Ich malte mir innerlich aus wie ich in den Gossen betteln musste, während geisterhaft über mir die Köpfe von Bardas und Konstantinos spöttisch lachten.
In Erwartung des Donnerwetters, das sich gleich ereignen würde starrte ich den Kaiser an, der auch einige Augenblicke zu benötigen schien, um das Geschehene zu begreifen. Das rote Blut glänzte auf der Kuppe des Zeigefingers seiner Majestät, was zur Folge hatte, dass zum ersten Male die Rollen vertauscht waren und mein Blick wie gebannt auf die kaiserliche Hand fixiert war. Seine beringte Hand bedurfte dieses Schmucks überhaupt nicht. Die Nägel waren ordentlich gefeilt, keinerlei Schwielen oder dergleichen waren zu erkennen. Seine Majestät schien auf seine Hände großen Wert zu legen, auch wenn er sie mit seinem Blut besudelte, wann man bei dem Blut eines Purpurgeborenen überhaupt von besudeln sprechen konnte.
Unwirklich wie dieser Augenblick war, machte ihn der Kaiser zunächst noch unwirklicher, indem er schmunzelte. Ich wusste, dies konnte vieles bedeuten. Einerseits könnte dies die zynische Ruhe vor dem Sturm sein, andererseits konnte es tatsäcglich Belustigung sein.

Ich atmete auf, als Romanos die Situation auflöste und letzteres sich als Tatsache herausstellte.

Auch war ein wenig verwundert ob der roten Farbe des kaiserlichen Blutes. Man sagte den Purpurgeborenen nach, in ihren Adern würde purpurnes Blut fließen, was sich in späteren zu blauem Blut für den gesamten Adelsstand abwandeln würde. Das war natürlich Quatsch, aber der Aberglaube hielt sich nunmal.
"Der Rasierschaum haben Majestäts Blut verfärbt.", antwortete ich und mühte mich jeden Zweifel an der Erhabenheit des Romanos aus dem Weg zu räumen.
In der Tat machte dieser daraufhin keine weiteren Anstalten, die Farbe seines Lebenssafts zu hinterfragen. Vielmehr entschloss er sich, mich noch weiter zu ehren, als ohnehin schon, indem er mich aufforderte mein Blut mit dem seinigen zu vereinen.
Stumm, legte ich die Klinge des Rasiermesser in die Handfläche meiner Rechten, die noch immer deutliche Spuren des zerbrochen Glases aufwies, das mein verhasster Vetter mich hatte fallen lassen. Ernst blickte ich Romanos an und legt ihm meine offene Hand mit dem Messer, Handrücken nach unten in seine offene rechte Hand, an dessen Fingerspitze noch immer das kaiserliche Blut klebte.
"So will ich, dass Ihr mir, ebenso wie ich Euch, das Blut abringt, das uns fortan verbinden soll. Fürwahr, Ihr seid nicht der erste, der es mir abverlangt, doch seid Ihr der erste, dem ich es freiwillig gebe."
Fest und ohne zu Zaudern in die Augen seiner Majestät blickend, ergriff ich nun mit meiner linken Hand, die rechte des Kaisers, die wiederum meine Rechte mit der Klinge in der Handfläche berührte. Mit sanftem aber bestimmten Druck zwang ich die kaiserliche Hand, die meinige zu zu drücken, sodass das Messer mir ins Fleisch schnitt. Blut quoll aus der gebildeten Faust und tropfte auf den Boden und unweigerlich vermengte sich der einzige kleine Blutstropfen seiner Majestät, mit dem Blutstrom der frischen Wunde.
In meiner Miene machte sich keinerlei Anzeichen von Schmerz breit, während ich Romanos noch immer eiskalt anblickte. Natürlich schrie alles in mir, ob des beißenden Schmerzes der von meiner Hand ausging, aber der Pathos dieses Moments zwang mich dazu in Stille zu verharren.

Endlich ließ ich ab und öffnete die Hand wieder, sodass das Messer klirrend zu Boden viel. Doch das Ritual war noch nicht zu Ende.

Bedeutungsschwer ging ich in die Knie, führte die blutverschmierte Hand des Kaisers, die nun umso blutiger durch meinen Adersaft war, an meinen Mund und küsste die Finger.
"Ich bin dein, Bruder.", flüsterte ich und blickte unschuldig zu Romanos auf.

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Gestern, 18:16

Sogleich schickte sich der Protovestiarios an, die scheinbaren Zweifel des Kaisers zu zerstreuen, denn gewiss sei es allein der Rasierschaum gewesen, der die Purpurfärbung des kaiserlichen Blutes verfälscht habe. Und fürwahr, Romanos nickte leicht, als wollte er sich dieser Erklärung anschließen. Denn genau dies musste des Rätsels Lösung sein.

Die eher scherzhaft gemeinte Bemerkung des Kaisers, man könnte dieses kleine Missgeschick dazu nützen, eine Art Blutsbrüderschaft zu schließen, schien Ares Phokas indes wortwörtlich zu nehmen. Ehe Romanos sich des nun geplanten Vorgehens bewusst wurde, geschah es auch schon. Denn Ares ging, wie es für ihn vielleicht typisch war, wiederum aufs Ganze. Bei einem kleinen, lächerlichen Ritzer an ihm selbst wollte er es nämlich offenbar nicht bewenden lassen. Ihn drängte es zum Großen, Vollkommenen. Bald lag die Rasierklinge in der Hand des Phokas. Allein der Anblick brachte Romanos zu einem Schlucken. Er würde doch nicht etwa ...

Sekundenbruchteile später hatte der Kaiser sodann eben jene Hand des Ares ohne eigenes Zutun in seiner eigenen liegen. Mit einem Anflug von Pathos beschwor Ares den Moment und erinnerte daran, dass es zum ersten Male sei, wo er freiwillig sein Blut gäbe. Kaum dass Romanos dagegen auch nur einen leisen Einwand bringen konnte, spürte er auch schon die andere arische Hand, die jene der Majestät dazu zwang, etwas Druck auszuüben. Ein Druck, der unter normalen Umständen nichts Ernstliches bewirkt hätte, im hiesigen Zusammenhang aber dazu führen musste, dass die Handinnenfläche des Ares an die rasiermesserscharfe Klinge gedrückt wurde. Der kühle Blick des Ares ließ keinen Widerspruch zu: er wollte es genauso und nicht anders.

Vor des Kaisers innerem Auge tat sich ein furchtbares Szenario auf. Denn wie stark musste diese Tortur schmerzen? Doch allzu viel Zeit, sich damit zu beschäftigen, blieb Romanos nicht, denn bald schon spürte er den warmen Lebenssaft des Phokas, der aus dessen Faust herausquoll und sich auf seine eigene Hand – und somit auch den Finger mit dem eigenen Blutstropfen – ergoss. Allein das Gefühl war schon nichts für schwache Nerven, aber der Anblick, der sich bei der Betrachtung bot, war besonders heftig. Das Bild verbunden mit dem merkwürdigen Empfinden verfehlte seine Wirkung mitnichten. Dass sich Ares gleich anschließend auf die Knie warf und seine Finger küsste, war das letzte, was er noch bei vollem Bewusstsein mitbekam.

"Mich dünkt, mir wird etwas blümerant ...", murmelte er mit hörbar schwacher Stimme. Und tatsächlich verdunkelte sich die Umgebung schlagartig, wurde ihm im wahrsten Sinne des Worte schwarz vor Augen. Das leicht flaue, schummrige Gefühl verstärkte sich. Vielleicht fühlte es auch Ares, der des Kaisers Hand ja in der eigenen hielt, wie jene schlagartig erschlaffte. Nach wie vor auf dem Stuhl sitzend, kippte der Autokrator wenige Wimpernschläge später nach hinten gegen die Stuhllehne. Der Anblick des Blutstromes hatte ihn ohnmächtig werden lassen.

16

Heute, 00:31

Wie vom Blitz getroffen sprang ich auf, als ich bemerkte, dass Seine Majestät in Ohnmacht gefallen war. Konnte Romanos etwa kein Blut sehen? Ratlos blickte ich in die Handfläche meiner rechten Hand, die nun von einem tiefen Schnitt gezeichnet war, aus dem das Blut ungehindert herausfloß. Eilig griff ich nach meinem Verband, den ich von meiner letzten Wunde noch im Gemach liegen hatte und wickelte ihn um meine Hand, um die Blutung zumindest ein wenig zu stoppen.
Danach galt meine volle Aufmerksamkeit wieder dem Kaiser. Er sah so friedlich aus, wie er zusammengesackt auf dem Stuhl saß. Wäre sein Körper nicht vollkommen erschlafft konnte man meinen er würde schlafen.
Ich realisierte gar nicht, in welcher Gefahr ich mich befand. Wäre jemand in mein Gemach geplatzt, ich wäre kaum so glimpflich aus der Sache gekommen wie beim letzten Mal. Jedoch war ich voller Sorge um den Kaiser. Meine unbefleckte Linke packte den Autokrator an der Schulter und strich sie sanft. Da Romanos davon nicht erwachte, ging die Hand dazu über den kaiserlichen Leib zu Schütteln. Nach wie vor ohne Erfolg.
"Majestät.", versuchte ich ihn zu wecken. "Majestät!" Keine Reaktion.

"Scheiße!", entfuhr es mir. Verzweifelt blickte ich mich im Gemach um. Was sollte ich nur tun? Was wenn Romanos nicht mehr aufwachen würde? Mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Erneut wähnte ich die Köpfe von Konstantinos und Bardas lachend über mir schwebend. Eben noch über den Körper Seiner Majestät gebeugt richtete ich mich auf... zu schnell. Da ich einiges an Blut verloren hatte wurde auch mir schwarz vor Augen. Ich schwankte und taumelte durch den Raum, ehe ich mich gerade noch so am Beistelltischchen abstützen konnte. Das höhnende Gelächter der Phokadai dröhnte in meinem Kopf.
"NEIN!", bellte ich entschlossen, mich weigernd, ein solches Schicksal zu akzeptieren. Während dieser verbalen Weigerung sauste die verbundene Rechte auf die Platte des Tischchens, auf dem noch immer die Schale mit dem Wasser stand. Durch den Schmerz der dadurch meine Hand durchfuhr und einige Spritzer des Wassers sah ich wieder klar. Sogleich wusste ich was ich zu tun hatte.
Vorsichtig tauchte ich die Linke in das kühle Wasser, sodass sich ein wenig davon in meiner Handfläche sammelte. Darauf bedacht, dass möglichst wenig der Feuchtigkeit verloren ging, schritt ich wieder zu Romanos und ließ das kalte Wasser über seine rechte Wange laufen, woraufhin ich diese sanft streichelte. Die Stirn an die des Kaisers gepresst, flüsterte ich, beinahe betend:
"Bitte Romanos, du musst aufwachen."

17

Heute, 01:26

Was in den Minuten danach passierte, bekam man im Zustand der Bewusstlosigkeit nicht mit, nicht einmal als Kaiser. So konnte Romanos abschalten, während sein Gegenüber wohl mit die schlimmsten Momente seines Lebens mitmachte (was bei Ares Phokas etwas heißen mochte). Denn obwohl nur schwerlich vom Ableben des Allerhöchsten auszugehen war, konnte dieser Vorfall doch empfindliche Konsequenzen nach sich ziehen, selbst wenn alles am Ende halb so wild gewesen war.

Ja, es waren vielleicht fünf Minuten gewesen, doch die mochten dem Protovestiarios wie fünf Stunden vorkommen. Schließlich, nach einiger hektischer und eher unkoordinierter Betriebsamkeit, reagierte er indes richtig, indem das tat, was am ehesten Abhilfe zu verschaffen schien. Es dauerte ein Weilchen, doch dann zeigte der Erweckungsversuch langsam Wirkung: Die Lebensgeister Seiner Majestät rührten sich wieder, zunächst ganz sachte, dann aber unübersehbar.

Leicht hüstelnd, öffnete der Autokrator im Schneckentempo wieder die Augen. Das unvermeidliche "Wo ... wo bin ich?" kam natürlich auch aus seinem Munde, schon um die passende Vorlage für eine drittklassige Verfilmung tausend Jahre später zu liefern. "Mutter? Bist du es?" Romanos erblickte ganz verschwommen vor sich einen lieben Menschen, der offenbar Blut und Wasser schwitzte aus Sorgen um ihn. Das konnte eigentlich nur Helena sein. Je klarer das Bild wurde, desto weniger bestätigte sich dies indes. "A... Ares? Was ist geschehen?", rang er nach Luft. Noch bevor der erwidern konnte, fiel Romanos wieder ein, wo er sich gerade befand und was das Unwohlsein ausgelöst hatte. "Wir machen hier ja Sachen ... Junge, Junge!", merkte er etwas schnippisch an und musste bereits selber wieder lachen. In einem Akt der Spontaneität umarmte er den Phokas und drückte dessen Antlitz an sein eigenes. "Du bist mindestens genauso verrückt wie ich. Das liebe ich an dir." Sprach's und presste ihm eine innige Liebkosung auf die Lippen. Dann besah er kurz des Ares' Hand, die dieser mittlerweile verbunden hatte. "Ich glaube, wir waren mit der Rasur noch gar nicht ganz fertig? Irre ich mich?"