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[Arbeitszimmer des Autokrators] Kaisermanöver

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Donnerstag, 14. Februar 2019, 11:38

Kaisermanöver

Monate waren seit der Ernennung des Monomachos zum Reichskriegsminister in die Lande gezogen. So langsam gewöhnte er sich an die viele Büroarbeit und verstand es immer besser, diese lästigen Aufgaben, die oft gar nicht der persönlichen Aufmerksamkeit des alten Generals bedurften, weiter zu delegieren. Hierzu hatte er sich eine ganze Reihe von fähigen Adjutanten zusammengestellt, denen er vertrauen konnte; manche waren von seiner alten Truppe, den Hikanatoi. Männer, denen er vertraute, die er seit Jahren kannte und mit denen er so manchen Feldzug erlebt hatte. Dass dem Minister nunmehr die Noumeroi unterstand hatte er mittlerweile verkraftet, es war auch logisch nachvollziehbar, waren die Noumeroi doch in der Hauptstadt stationiert. Dennoch misste er seine alte Hikanatoi.

Der Monomachos war mittlerweile in einem Alter, welches große Stimmungsschwankungen nicht mehr zu ließ; wenig konnte ihn noch aus der Fassung bringen, alleine Dummheit vermochte dies noch zu tun. Dummheit hasste er. Und die ungenaue Ausführung seiner Befehle ebenso. Unnötige Abenteuer verabscheute er auch. Daher hatte er auch nicht mehr als ein Augenrollen und ein paar gebrummte Worte über, als er von den Anstrengungen des Kaisers erfuhr, den heiligen Gral zu finden. Natürlich war Gregorios ein stolzer und gläubiger Christ, allein, er war ein Militär durch und durch und hatte für derlei Träumereien nur Verachtung übrig. Solche romantischen Anwallungen überließ er den Weibern. Aber es passte ja, wo doch so mancher Mann am Hofe sich wie ein Weib gebärdete, was soll da noch Wunder tun?

Gregorios Monomachos war aber ohnehin auf seine eigenen Aufgaben konzentriert. Die Vorbereitungen für den Feldzug; kleinere Raubzüge an den Grenzen, für die sich niemand verantwortlich machen ließ; weder die Nachbarn der Rhomäer, die jede Beteiligung abstritten, noch die Räuber selbst, denn sie verschwanden so schnell wie sie auftauchten und brandschatzten.

Die Festungswerke im Osten wurden einstweilen repariert, verbessert und ausgebaut, frisch bemannt und mit ausreichenden Vorräten an Waffen, Rüstungen, Munition, Nahrung und Wasser versorgt. Eine jede Festung – so war es der Wille des Ministers – musste sich im Ernstfall über Monate hinweg selbst verteidigen und versorgen können. Der Monomachos hatte sich außerdem die Curriculae der jeweiligen Burgherren bzw. Festungskommandanten überreichen lassen, ihre Integrität und Leistung überprüft, manchen ersetzt, manchen versetzt und manchen in seiner Haltung und Position bestärkt.

Unterstützung fand der Reichskriegsminister immer wieder beim Reichsmarschall Phokas, seinem alten Kameraden, den er überaus schätzte und mit dem er sich in einer privaten Unterredung direkt nach seinem Amtsantritt als Kriegsminister inoffiziell verbündet hatte. Gregorios war sich niemals zu schade und niemals beschämt, den alten Fuchs um Rat zu bitten. Bardas war wohl der einzige, von dem Gregorios in Sachen Militär noch irgendetwas lernen konnte.
Aufgrund der nicht enden wollenden Kriegsstimmung – vor allem des Autokrators, dessen Appetit auf kriegerische Erfolge, Landgewinn und Glorie unersättlich schien – wurden immer wieder kleinräumigere Militärmanöver ausgeführt, bei denen Truppenteile Zusammenarbeit, Koordination und den Ernstfall trainieren konnten. Es war dies vor allem eine wertvolle Übung für das Offizierskorps, vom Kentarchos angefangen bis hin zu den Stabsoffizieren und letztendlich dem befehlshabenden General. Letzterer sollte allerdings ohnehin bereits ausreichend Erfahrung haben und diese mit seinen Untergebenen teilen.

Da nicht nur das Reich wuchs, sondern damit auch die Größe der Armee, die Größe der Truppenteile, so mussten notwendigerweise auch die Manöver in ihrer Größe und ihrem Umfang wachsen. Der ziemlich trockene Monomachos hatte hier sogar zufällig einen ganz passenden Namen parat, mit dem er den Kaiser von der Notwendigkeit eines großräumigeren Manövers, überzeugen würde können: Kaisermanöver.
Wie konnte man einen Kaiser besser für eine Sache überzeugen, als ihm bereits mit dem Namen der Sache zu schmeicheln?

Wie üblich hatte er dem Reichsmarschall sein Vorhaben bereits gesteckt und ihn darüber informiert; nun lag es am Kaiser, sein Placet unter den Vorschlag des Ministers zu setzen.

Gregorios hatte sich frühzeitig anmelden lassen und als Kriegsminister wurde ihm alsbald eine Audienz beim Kaiser eingeräumt. Mit klirrendem Kettenhemd und scheppernder Rüstung, mit harten, lauten Schritten und dem ewigen Brummen und Knurren marschierte er durch die Gänge des Palastes, als würde er in die Schlacht ziehen. Zivile Kleidung war ihm schlicht unangenehm, steckte er doch seit Zeiten in Uniform und Rüstung, in denen der jetzige Kaiser noch an der Brust seiner Mutter genuckelt hatte. Nicht einmal anklopfen musste er, denn der Leibdiener hatte seine schweren Schritte gehört und öffnete ihm auf der Stelle die Tür. Gregorios trat ein und sah sich kurz um; er ignorierte den prunkvollen, weibischen Reichtum, der sich in dem Gemach angehäuft hatte und so wenig damit zu tun hatte, wie sich der Kaiser öffentlich gab (nämlich als oberster Kriegsherr und männlichste Männlichkeit). Als er den Kaiser erblickte, versteife sich sein Körper zur typischen geradlinigen Haltung eines strammen Militärs. Dergestalt stramm dastehend salutierte er vor seinem obersten Kriegsherren, den er wohl selbst in seinem hohen Alter im Armdrücken und Zweikampf noch fertig gemacht hätte.

„Mein Autokrator“, eröffnete der General nach einigen Augenblicken das Gespräch. Er wusste, dass der Kaiser es schätzte, wenn man sich kurz befasste. Außer natürlich, es ging um Wein, Weiber, Bettgeschichten oder andere Schlüpfrigkeiten; oder natürlich, wenn es um Philosophie oder anderweitige Träumereien ging, für die der Monomachos nur wenig übrig hatte. „Ich möchte direkt zur Ursache meines Ansuchens um eine Audienz bei Euch kommen. Wie Ihr wisst, stehen uns weitere kriegerische Auseinandersetzungen bevor. Unsere Armee wächst, ein Generationenwechsel steht bevor; das junge Offizierskorps drängt nach oben, die Alten drängen in den Ruhestand.“ Ein grimmiges Lächeln huschte über seine Lippen. „Freilich stellen der Herr Reichsmarschall und ich hier eine Ausnahme dar. Wir zwei könnten ohne unsere Armee wohl gar nicht mehr überleben“, meinte er und sein raues Lächeln verschwand wieder zwischen den tiefen Furchen in seinem mit Bartstoppeln übersäten Gesicht. „Nun, jedenfalls überlegte ich, ein größeres Manöver zu veranstalten. Ein Manöver, welches die üblichen in den Schatten stellen würde, ein Manöver, welches man guten Herzens ob seines Umfangs als „Kaisermanöver“ bezeichnen könnte, insofern es Euch, Majestät, beliebt, als Zuschauer, Beobachter und oberster Inspekteur daran teilzunehmen.“

Da dem Monomachos das Schmeicheln zutiefst zuwider war, es aber irgendwo notwendig erschien, tat er es zwar, ging aber sofort zu sachlicheren Argumenten über: „Die Vorteile liegen auf der Hand, Autokrator: Für die Offiziere und den Stab ist es eine tolle Gelegenheit, bestimmte Aufstellungen, Positionsveränderungen und etwaige Manöver auszuprobieren; für den gemeinen Soldaten ist es eine wertvolle Möglichkeit, das Üben der Bewegung in größeren Truppenkontingenten zu üben. Erinnert man sich an den Feldzug in den Deutschen Landen, so sieht man die Germanen vor dem inneren Auge; wilde Krieger, die dem Feind entgegenstürmen wie ein Haufen wilder Ameisen. Das mag ganz effektiv sein, wenn der Feind ebenso wenig takt- und taktisches Gefühl beweist. Ansonsten kann so etwas jedoch in einer Katastrophe enden und genau hier liegt der große Unterschied zu unserer Armee, deren Stärke in ihrer Disziplin und in ihrem Drill besteht. Und dieser mag geübt werden, bis er in Mark und Bein steckt. Ich schlage daher vor, ein Kaisermanöver zu veranstalten, ein Manöver außergewöhnlicher Größe. Die Vorteile sind offensichtlich, nicht zuletzt ist es auch eine Gelegenheit, unsere Stärke einmal mehr der ganzen Welt – und ihren Spionen in unserem Reiche – vorzuführen.“

Ohne eine Miene zu verziehen blickte er auf den Kaiser herunter; da er um einiges größer als dieser war, konnte, ja musste er auf ihn hinabblicken. Sein Gesicht war voller Ausdruckslosigkeit und verriet weder Interesse noch Unsicherheit, weder Freundlichkeit noch Abscheu. Nur wenige vermochten es, im zerfurchten Gesicht des Generals zu lesen, ja, vielleicht waren der alte Kamerad Bardas, einige Offiziere seiner Truppe sowie sein eigenes Eheweib die einzigen, die dies konnten.

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Donnerstag, 14. Februar 2019, 16:48

Dass innerhalb der obersten Führung des Militärs eine Art Machtkampf schwelte, war jedem genauen Beobachter der Vorgänge durchaus klar. Drei Figuren, jede für sich genommen eine ganz markante Persönlichkeit, dominierten das rhomäische Kriegswesen. Da war zum einen als formal Oberster nach dem Kaiser der Reichskriegsminister Gregorios Monomachos, ein Mann von Schrot und Korn. In späterer Zeit hätte man ihn womöglich das Urbild eines Preußen genannt. Persönlich bescheiden, ungemein effektiv und wohlüberlegt. Dann sein Vorgänger und schon von daher nicht allzu gut auf diesen zu sprechen: Romanos Argyros, derzeit Oberbefehlshaber an der Ostgrenze und, wie es der Zufall wollte, Oheim des Kaisers durch seine Gattin Agathe Lekapene, die Schwester der Kaiserinmutter. Zuletzt als graue Eminenz Bardas Phokas, Oberbefehlshaber der Armee und spirtus rector allen Militärs seit vielen Jahren, seit kurzem eben auch Schwiegervater des Kaisers als Vater von Ismene.

In diesem Triumvirat war früh klar gewesen, dass die beiden, die sich zusammentaten, das Übergewicht gegenüber dem Dritten hätten. Da Argyros ein hervorragender Soldat, aber kein Mann der Diplomatie war, hatte er hier einen Startnachteil, denn er ließ dem Monomachos gewissermaßen den Vortritt, als es darum ging, sich der Gunst des alten Phokas zu versichern. Es war nicht so, dass sich Bardas offen auf die Seite des neuen Kriegsministers gestellt hätte. Dazu war er viel zu schlau und berechnend, zumal der alte Kriegsminister ja auch zu seiner eigenen Verwandtschaft zählte. Vielmehr schien Bardas das Zünglein an der Waage sein zu wollen, der umsichtig das Gleichgewicht der Kräfte bewahren wollte. Dass Argyros trotz seiner Abberufung als Kriegsminister nämlich mit der wichtigen Aufgabe im Osten betraut wurde, war nicht zuletzt auf das Wohlwollen des alten Fuchses zurückzuführen, der erkannt hatte, dass ein solch impulsiver Mann wie Argyros dort am richtigen Platze war. Außerdem war er dadurch nicht mehr in der Hauptstadt und schon von daher nicht mehr unmittelbar beim Herrscher.

Vermutlich strebte Bardas Phokas das Amt des Logothetes tou stratiotikou gar nicht an, denn wäre dem so gewesen, hätte er es mit ziemlicher Sicherheit längst erhalten. Da man in dieser Position aber für alles Militärische letztverantwortlich war und sich die Würde des Kriegsminister daher auch als Schleudersitz erweisen konnte, hatte er wohl dankbar abgelegt. Faktisch ging ohne den Armeechef ohnehin nichts, so dass seine Macht nicht geringer, nur weniger sichtbar war. Im Nebeneinander der drei großen Männer deutete sich bereits das noch im Deutschen Kaiserreich übliche Kompetenzgerangel zwischen Kriegsminister, Generalstabschef und Chef des Militärkabinetts an.

Von alledem bekam der Kaiser so gut wie gar nichts mit. Nicht, weil er es nicht hätte wissen können, sondern vielmehr, weil es ihn nicht sonderlich interessierte. Aus seiner Sicht unterstanden sie ja alle ihm, dem Obersten Kriegsherrn, wie er sich gerne nannte. Dass seine pseudoreligiösen Anwandlungen in Gestalt der Gralsfindung von den hohen Militärs belächelt wurden, war ihm völlig entgangen. Dass man sich dadurch eine unbesiegbare Armee erschaffen konnte, hielt Romanos für durchaus denkbar und floss in seine Überlegungen mit ein. Hinter vorgehaltener Hand hieß es gar, das ganze Manöver im Osten diene einzig dem Zwecke, um diesen mysteriösen Heiligen Gral zu erhaschen. Wie wenig Oheim Argyros sich tatsächlich damit beschäftigte, stand auf einem anderen Blatt.

Die Tatsache, dass der Kriegsminister so problemlos zum Kaiser vorgelassen wurde, war wohl einer ungewohnten Milde des zuweilen unbarmherzigen Parakoimomenos Kosmas Laskaris zu verdanken, ohne den fast niemand direkten Zugang zum Autokrator hatte, seit dies vor einem knappen Jahr stark reglementiert worden war. Dass Bardas in engster Beziehung zum Laskaris stand, wusste keiner außer den beiden selbst; dies mochte dazu beigetragen haben, dass der Monomachos nie Probleme hatte, Audienzen beim Kaiser zu bekommen.

"General, ich bin entzückt", begann Romanos ganz unmilitärisch und war in kostbarste Seide gehüllt, die Männer wie Monomachos wohl als weibische Laken abtaten. Gerade hatte sich der Kaiser von einem Eunuchen etwas vorlesen lassen, doch ließ er den Vortrag abrupt unterbrechen, als ihm der Kriegsminister angekündigt wurde. Der Eunuch, ein Jüngling von vielleicht achtzehn Jahren, stand wie versteinert mit gesenktem Haupte da, als der Minister hereinkam. Statt ihn zu entlassen, ließ ihn der Kaiser ganz einfach so stehen.

"Wohl wahr, ihr starken rhomäischen Männer, was wäre das Imperium ohne euresgleichen", stimmte er den Ausführungen des Monomachos zu und stellte seiner eigenen, dem nicht entsprechenden Figur damit ein schlechtes Zeugnis aus. Er ließ sich einige Weinbeeren reichen, welche die Dienerschaft auch dem Gast kredenzte.

"Ein Kaisermanöver? Oh, wie aufregend!", strahlte Romanos über beide Ohren und bestätigte dem General damit wohl ungewollt, dass es gerade auch auf die Bezeichnungen ankam, wollte man des Erfolges gewiss sein. "Ein gar vorzüglicher Gedanke, muss ich sagen." Damit schien die grundsätzliche kaiserliche Zustimmung bereits vorhanden zu sein. "Doch soll es nicht weitab der Hauptstadt abgehalten werden. Ich habe eine Aversion gegen das Reisen entwickelt. Es verträgt sich nicht mit meiner Gesundheit, lassen mich die Ärzte wissen." Dies formulierte der Kaiser in einem geradezu ernsten Tonfall, als wäre er kurz davor, über den Jordan zu gehen, und blickte dazu betroffen drein. "Unsereins ist die alltägliche Profanität leid; sie beleidigt die Kaiserherrlichkeit." Dazu atmete er tief durch und schritt nun zu jenem Eunuchen, vor dem er stehen blieb. "Es gibt nur wenig Ablenkung dieser Tage ..." Dazu blickte er denselben an, um sich wieder Monomachos zuzuwenden. "... von daher wäre ein solches Kaisermanöver also eine willkommene Abwechslung."

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Freitag, 15. Februar 2019, 00:27

Das es vielen Leuten ein Privileg war, zum Kaiser vorgelassen zu werden, lag auf der Hand. Für den alten Monomachos war es eine Selbstverständlichkeit. Wenn ein Kaiser einmal so weit ist, dass er nicht einmal mehr die Spitzen des Reiches zu sich vorlässt, müsste es schon schlimm um den Stern des Reiches stehen. Letztendlich gab es Angelegenheiten, die schlichtweg der Zustimmung des Kaisers persönlich bedurften.

Die Aufmachung des Allerhöchsten fand er indes furchtbar feminin, was allerdings mit dem femininen Äußeren des jugendlichen Eunuchen passend korrelierte. Er musste sich ein irritiertes Räuspern verkneifen, blieb scheinbar äußerlich völlig reglos, trotz der begeisterten Aufnahme seiner Idee seitens des Autokrators. Sehr pathetisch sprach der Kaiser von den starken rhomäischen Männern, doch der General musste ihm hier schlichtweg zustimmen. „In der Tat stünde das Imperium ohne seine kaiserliche Armee ziemlich nackt da“, bemerkte er trocken. Er hatte keine Aversion gegen den Kaiser, keineswegs. Bislang fuhr der ja eine erfolgreiche Schiene; politisch, militärisch wie auch diplomatisch. Für sein Alter eine durchaus beeindruckende Leistung.
Andererseits wusste Gregorios natürlich, wie groß der Anteil Seiner Majestät an den jüngsten militärischen Erfolgen gewesen war; ähnlich war es wohl auch bei den politischen und diplomatischen Aspekten. Aber auch das war nichts Außergewöhnliches. Ein Kaiser konnte sich nicht um alles kümmern. Er musste delegieren und hierbei konnte er deutliche Richtungen vorgeben. Ja, am Ende – beschied der Monomachos – musste man als Militär sich eingestehen, dass dies wahrlich herrliche Zeiten waren, in denen sie ihre Dienstzeit verrichten durften. Viel Ruhm und Glorie konnten da gesammelt werden; man würde die eigenen Ahnen mit Stolz erfüllen, sich selbst als würdig erweisen und zugleich den künftigen Generationen ein Beispiel setzen.

Diese endlose Siegesserie war ihnen allerdings nicht von Gott allein beschieden worden. Es war der jahrelange erbarmungslose Drill gewesen, den man den Soldaten hatte angedeihen lassen. Dieser Drill brachte den rhomäischen Soldaten zu einer widerstandsfähigen Waffe, die ihre Positionen auch unter Pfeilhagel hält, die im wildesten Toben der Schlacht als Einheit noch befehlsempfänglich, das heißt für den General manövrierbar, bleibt. Beim Manöver kann man genau diesen Drill ausnutzen und Schlachten simulieren. Es ist wie die Probe eines Orchesters; jeder Spieler beherrscht sein Instrument ausgezeichnet und kann die Noten fehlerlos spielen, dennoch braucht es Proben als Ganzes und einen Dirigenten, der es leitet.

Dass der Kaiser eine Abneigung gegen das Reisen hatte kam dem Reichskriegsminister durchaus entgegen. „Ja, Majestät, es soll nicht fernab der Hauptstadt stattfinden. Je näher, desto besser.“ Organisatorisch wäre es so jedenfalls sehr viel einfacher. „Das Tagma der Scholai wird gegen das Tagma der Hikanatoi antreten. Auch die Viglen können daran teilnehmen, vielleicht auch einige Noumeroi“, erklärte er dann. Die Exkoubitoi waren ja mit Argyros im Ostenund das Tagma der Noumeroi ungeeignet, als Ganzes gegen die Scholai anzutreten. "Das große Kaisermanöver würde freilich unter Eurer Schirmherrschaft stattfinden. Zwei Szenarien werden durchgespielt: König des Hügels, das heißt, die eine Seite verteidigt, auch unter Ausnutzung von Schanzen und Verteidigungszeug, die andere attackiert; als zweites Szenario findet eine offene Feldschlacht ohne jegliche Schanzen statt. Hierbei kann die Kavallerie im Zusammenspiel mit der Infanterie glänzen." Der General stand nach wie vor aufrecht da, nicht den Hauch einer Krümmung. Eine stattliche Figur für sein Alter. "Ich selbst biete mich an, eine der Armeen zu führen. Dies sollte anderen genug Ansporn geben, sich den Tag damit zu versüßen, es einem alten Fuchs wie mir zu zeigen." Bei den letzten Worten grinste er grimmig. Jemandem wie ihm, dem Monomachos, die Stirn bieten zu können, verdiente jedenfalls Lorbeeren - auch im Manöver. Ein besonderer Reiz wäre es wiederum für den Kriegsminister, würde sein alter Kamerad Bardas Phokas die gegnerische Seite übernehmen. "Ich nehme diese Unternehmung also für gegeben und von Euch, mein Kaiser, gestattet an und werde mich alsbald an die organisatorische Arbeit machen. Wenn es Euch als Abwechslung dient, Majestät, dann umso besser, denn es handelt sich hierbei um eine - militärisch gesehen - äußerst sinnvolle Abwechslung. Es ist den Aufwand, der zweifelsohne dabei entsteht, definitiv wert." Von den anfälligen Kosten erst gar nicht zu sprechen. Aber welche Rolle spielte schon das Geld, wenn am Ende das Militär der stärkste Garant jeglicher Stabilität war? Noch war das Heer noch lange nicht auf eine Söldnertruppe reduziert. Noch herrschte Patriotismus in den Herzen der Mannschaften vor. "Im Übrigen möchte ich betonen, dass Eure Anwesenheit - wenn auch nur als Schirmherr - die Mannen zu besonderen Leistungen anspornen wird." Das mochte wie Schmeichelei klingen, Gregorios nahm es aber ernst und für bare Münze: Die Anwesenheit des Kaisers beflügelte den einfachen Soldaten eben, für den diese sagenhafte Person nie in berührbare Nähe kommen würde. Und gewiss nicht in einer femininen Seidenaufmachung wie eben hier in seinem Arbeitszimmer. Der Kaiser war für die meisten Rhomäer eben nach wie vor eine legendäre Gestalt, gerade ein erfolgreicher Kaiser wie Romanos, abstammend aus einer bereits jetzt sagenumwobenen und hochverehrten Dynastie.

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Freitag, 15. Februar 2019, 20:57

Der Kaiser, der historisch sehr interessiert war, wusste nur zu gut, wie recht der Kriegsminister da hatte. Ohne eine starke Armee wäre der östliche Reichsteil des Imperium Romanum nämlich genauso vor die Hunde gegangen wie der westliche. Die "Barbarisierung" der weströmischen Armee galt mit als einer der wichtigsten Gründe für den Zerfall der staatlichen Macht im Westen, bestimmten am Ende doch vielmehr fränkisch-, germanisch- oder gotischstämmige Heermeister die Richtlinien der Politik, während die Kaiser zu Marionetten verkamen. Glücklicherweise wurde diese Entwicklung im Osten schon im Ansatz unterbunden, auch wenn der oströmische Heermeister Aspar 471 nahe dran gewesen war, den Kaiser zu entmachten. Romanos II. setzte auf gebürtige Rhomäer, denen man voll vertrauen konnte, was sich in den letzten Jahren auch als goldrichtig erwiesen hatte. Gerade durch das militärische Triumvirat war zudem gewährleistet, dass nicht einer der Generale allmächtig wurde.

Anschließend führte Monomachos aus, wie er sich dieses Kaisermanöver konkret vorstellte. Plastisch schilderte er, wie es ablaufen würde, und gespannt lauschte ihm der Autokrator, den er schnell auf seiner Seite hatte. Die Eliteregimenter, die in der Hauptstadt standen, würden also quasi gegeneinander antreten, was eine gute Übung wäre für den Ernstfall, der in Byzanz bekanntlich schneller eintreten konnte als einem lieb war. Gregorios Mononachos bot sich auch selbst an, eines der beiden Heere zu führen und ließ es offen, wer das andere übernähme. "Ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet", meinte Romanos und nickte dazu, was ihm der junge Eunuch sogleich übereifrig nachmachte, um auch ja ein gutes Bild seiner Servilität abzugeben. "Es wäre nur würdig und recht, böte man meinem geliebten Schwiegervater den Gegenpart an", brachte er Bardas Phokas dann selbst ins Spiel, wäre es doch als Zurücksetzung aufgefasst worden, hätte an diesen übergangen. Er hatte den Erstzugriff. "So erschiene es mir sinnig, übernähmt Ihr die Euch so geläufigen Hikanatoi und würde der Megas domestikos die ihm so vertrauten Scholai anführen." Schließlich waren das die ureigentlichen Regimenter der beiden betagten Herren. Dass der Dritte im Bunde, General Argyros, dagegen konspirierte, wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

"Gewisslich wird es mich selbst dorthin ziehen, um gleichsam die Oberaufsicht und die Rolle des Schiedsrichters einzunehmen", stellte der Kaiser seine Allerhöchste Anwesenheit in Aussicht. Dass er bei der Truppe durchaus beliebt war, lag nicht zuletzt an seinem persönlichen Einsatz in der Schlacht bei Magdeburg, wo er durchaus Tatkraft und persönlichen Mut bewiesen hatte. Diejenigen Kritiker, die in Romanos lediglich den degenerierten Sprössling des Makedonenstammes erblickten, machten es sich zu einfach.

"So es nichts weiter gibt, dürft Ihr Euch unverzüglich an die Vorbereitungen machen, Reichskriegsminister", sprach er schließlich in die Richtung des Hünenhaften, dem es wohl ohnehin wie Zeitverschwendung vorgekommen wäre, hätte er sich hier noch auf oberflächlich-dekadentes Pläuschschen mit dem Kaiser und seinem Eunuchen eingelassen, der wohl gerne wieder die volle Aufmerksamkeit des Herrschers für sich hatte.

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Freitag, 15. Februar 2019, 22:11

Dass der Kaiser den Reichsmarschall selbst ins Spiel brachte gefiel dem Reichskriegsminister einigermaßen, hatte er doch insgeheim gehofft, gegen den genialen Feldherrn antreten zu dürfen. Das versprach jedenfalls spannend zu werden – sollte es nahe genug an der Stadt stattfinden, könnten die Menschen dem Spektakel sogar von den Theodosioswällen aus folgen. Nebst der praktischen Übung und der Sammlung von Erfahrung (auch für das jüngere Offizierskorps) war es auch eine tolle Werbung für die Armee; wann, außer im furchtbaren Ernstfall, konnte ein Bürger Konstantinopels seine Armeen in Aktion sehen? „Ich will es nicht leugnen, Majestät: ich hatte gehofft, dass Ihr den Reichsmarschall als Konterpart erwählet.“ Der Kriegsminister, der bei der Mimik generell eher sparsam vorging, leistete sich den Anflug eines Lächelns, wobei sich nur die rechte Mundhälfte zu einem Lächeln nach oben bewegte. Selbst beim Lächeln konnte man noch sparsam sein!

Dass er die Hikanatoi befehligen würde war ihm ein Anliegen gewesen, dass er hätte ansprechen müssen, doch der Kaiser nahm es ihm dankbarerweise ab, dies zu tun. Nun leistete er sich aber darüber doch noch ein Lächeln unter Aufbringung beider Mundhälften und da er merkte, dass sich das Gespräch – im Rapportmodus – zum Ende hin neigte, stand er wieder etwas aufrechter, strammer. „Es wird mir eine Ehre sein, einmal mehr an der Spitze der Hikanatoi, meiner alten Truppe, stehen zu dürfen. Einige werden sich wundern, was ich aus meinen langen Kerls, den Hikanatoi, herausbringen kann“, kündigte er sogleich gegenüber dem Kaiser an und man merkte es dem General an, dass er nach wie vor an seiner alten Truppe hing. Wäre er nicht so durch und durch Soldat und Offizier, so hätte er bereits damals insistiert, die Hikanatoi behalten zu dürfen. Nun würde er zeigen können, wozu diese Krieger unter seiner Führung fähig waren.

„Ich danke Euch für die Zustimmung, Majestät und werde mich getreu Eures Befehls sofort an die Vorbereitungen für diese Operation machen“, erwiderte er und neigte sein Haupt in einer aristokratischen Anwandlung – am Ende war er, der Prinkeps, ja doch auch ein Spross der Hocharistokratie. "Allzeit zu Diensten", sagte er, sah stur geradeaus, ließ die Hacken knallen und ging nach einem Salut so entschlossen hinaus, wie er vor etwa zehn Minuten hereingekommen war.

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Samstag, 16. Februar 2019, 01:39

Der Kaiser grinste den Kriegsminister gönnerhaft an und streckte ihm zum Abschied noch die beringte rechte Hand entgegen. Scheinbar etwas widerwillig vollzog Monomachos das Unvermeidliche, bevor er in sehr soldatischer Manier seinen Abgang machte. Der Kaiser aber schritt hinüber zu dem besagten Eunuchen, legte seine Hand auf dessen Schulter, als handle es sich um irgendeines seiner Möbelstücke, und blickte dem General nach. "Und nun trage mir weiter vor aus dieser alten Schrift, die von Tacitus stammt und über meine erlauchten Vorgänger im Kaiseramte zu berichten weiß." Sprach's und ließ sich wieder kaiserlich in auf eine Art Chaiselongue niedersinken, um dem Vortrag weiter zu lauschen, während ein Negersklave beständig seinen Weinkelch auffüllte.