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[Gemächer des Konstantinos Phokas] Ein Kurier aus den thrakischen Bergen

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Konstantinos Phokas

Protoarchitektonas tes Rhomaikes Autokratorias

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Mittwoch, 13. Februar 2019, 11:42

Ein Kurier aus den thrakischen Bergen

Der Schnee der letzten Tage war wieder geschmolzen. Lange vermochte er es nie, in der großen Stadt Konstantinopel zu verweilen; die tausenden Kamine, die beheizten Paläste des Adels, der Reichen, der Senatoren, die Häuser der Amtsträger und Bürger, nicht zuletzt die weitaus weniger prunkvollen Holzbauten der unteren Schichten. Alles in allem merkte man ganz deutlich den Temperaturunterschied innerhalb und außerhalb der Stadt. Die Kinder beweinten ihre dahinschmelzenden Schneemänner, die Händler bejubelten die vom Schnee freiwerdenden Straßen.

Konstantinos hatte es sich vor dem Kamin gemütlich gemacht. Ein loderndes und knisterndes Feuer, dem er seine immerzu kalten Füße entgegenstreckte, ein Buch auf dem Schoß und ein Glas Wein neben sich auf einem kleinen Tisch. Lange starrte er gedankenverloren in das Feuer wobei er mit seinem Schaukelstuhl, der mit einem Schafsfell gepolstert war, vor und zurück wippte. Wie ein alternder Mann wirkte er so und es fehlte nur noch ein Tee anstatt des Weines und ein Haufen Enkelkinder anstatt des Buches.

Als es leise an der Tür klopfte, legte Konstantinos das Buch zur Seite. Es handelte sich bei dem Buch um „De oratore“ von seinem neuentdeckten Liebling Cicero, dessen Werke zur Zeit des Konstantinos Phokas nicht gerade im höchsten Kurs standen; abgesehen von seiner Schule der Rhetorik galt er als unverbesserlicher Republikaner. Und die Republik war nun schon über 950 Jahre tot. Konstantinos vermisste sie nicht, diese Staatsform, die er nie kennengelernt hatte. Dass man in einer absoluten und unumstößlichen Monarchie Werke wie „De re publica“ nicht in aller Öffentlichkeit lesen oder herumposaunen sollte, war klar. Andererseits konnte man es sich im Hochadel durchaus leisten, auch staatskritische Bücher zu besitzen. Zumindest im Geheimen. Wer würde den Phokas jemals wegen eines Buches verdächtigen? Das ist das Gute, das Praktische für einen Bücherwurm wie Konstantinos: Man glaubte ihm, dass Bücher um des Lesens willen las, nicht, weil er eine besondere emotionelle Verknüpfung zum Autor oder zum Inhalt des Buches hätte. Eine Nähe zur Republik lag ihm natürlich nicht inne.

Wieder hörte er das leise Klopfen. Er hob seine rechte Hand und gab seinem Leibdiener einen Fingerzeig. Schon öffnete dieser die Tür des Gemachs und ließ den Mann, der sich als Lucius Verenus vorstellte, herein. Er sei, verkündete Lucius, der nicht älter als Konstantinos sein konnte, der persönliche Lehrling des Holzfälllereimeisters, der mit der Rodung des Gebietes in den thrakischen Bergen betraut worden war. Sein Meister habe ihn persönlich hierhergeschickt, um seiner Hoheit dem Kaisar darüber in Kenntnis zu setzen, dass die Rodung abgeschlossen sei. Das Wetter sei ihnen günstig gesonnen gewesen; der Boden sei nur in wenigen Nächten angefroren, die Sonne habe ihn am nächsten Tag immer wieder vollständig aufgetaut, somit war der Rodung (im Winter) nichts im Wege gestanden.

Der Protoarchitektonas klatschte zweimal mit den Händen, ganz so als würde er dem Verenos einen Applaus für seinen Erfolg geben wollen. „Formidabel, junger Mann, ganz formidabel! So etwas hört man gerne“, sagte Konstantinos und wandte seinen Blick erst jetzt vom Kamin ab und schaute zu Lucios Verenos, der noch immer leicht unbeholfen direkt bei der Zimmertür stand. Seine Knie schlotterten, was dem Phokas sofort auffiel. „Markus“, sagte er und sein angesprochener Diener horchte sofort auf, „Sorge dafür, dass dem guten Mann ein warmes Essen serviert wird. Außerdem soll ihm ein Schlafraum zur Verfügung gestellt werden; vielleicht findest du eine freie Kammer im Gesindetrakt.“ Markus verbeugte sich und Konstantinos erhob sich. „Nun, Lucius. Ich danke dir für deinen wertvollen Dienst. Eine fürwahr gute Nachricht hast du mir hier überbracht! Aber wieso schlottern denn deine Knie so sehr? Ist dir etwa kalt?“, fragte er, erkannte jedoch schnell, dass der junge Mann schlichtweg furchtbare Angst hatte, mit einem Kaisar sprechen zu müssen und am Ende gar etwas Falsches zu sagen. Bestimmt hatten ihn seine Kollegen am Bau damit geneckt, ihm auszumalen, was mit ihm passiert, wenn er den Kaisar versehentlich beleidigte oder unflätige Worte in dessen Anwesenheit benutzt. „Tatsächlich habe ich bereits auf diese Nachricht gewartet. Ich hatte mir nur nicht erhoffen können, dass ich sie noch an den Iden des Februars bekommen würde!“

Er lächelte und bemerkte auch beim Verenus den Anflug eines Lächelns. Konstnatinos musterte ihn einige lange Momente lang, betrachtete die tiefen Furchen im jungen Gesicht, die kräftigen und rauen Pranken, die nur in der Form den eher zarten Händen des Kaisars ähnelten und hob dann die Hand, als würde er einen Eid ablegen oder etwas Großes verkünden: „Soeben habe ich beschlossen, dich in die thrakischen Berge zu begleiten. Ich möchte mich selbst von den Fortschritten überzeugen. Meine Architekten, Baumeister und Straßenbauer stehen bereits in den Startlöchern.“ Oder eher: Sie würden in den Startlöchern stehen, sobald er es ihnen befehlte. „Du sollst also auch noch den morgigen Tag hier verbringen und dich erholen. Am Morgen des zweiten Tages sollen wir in großer Entourage aufbrechen. Der Kaiser ist ein ungeduldiger Mensch, ganz ähnlich wie ich, sein Schwager, von Ungeduld geplagt bin. Und wenn es das Wetter zulässt, warum nicht gleich mit den weiteren Bauarbeiten beginnen?“

Lucius Verenus nickte und wirkte verblüfft. Er verneigte sich tief und danke ihm mehrmals unter Benutzung recht unbeholfener Worte. Konstantinos fragte ihn, ob er lesen könne, was dieser verneinte. Ein Handwerker, so Lucius, brauche nicht Lesen zu können. Das habe ihm sein Vater immerzu eingebläut. Der Phokas nickte bedächtig. „Nun, dem kann ich nicht zustimmen. Du bist römischer Bürger, nicht wahr?“, hakte er nach und der Junge nickte wiederum. Sein lateinischer Name war dem Phokas natürlich sofort aufgefallen. Aber das lateinische Italien gehörte nunmehr - wieder - mit dem griechischen Osten zusammen und bildete ein größeres Ganzes. „Ein römischer Bürger sollte Lesen und Schreiben können“, verkündete der Kaisar. „In den nächsten Tagen, in der nächsten Woche, haben wir ja genug Zeit, es dir beizubringen. Und wenn dein Lehrer ein Kaisar ist, wird es niemand wagen, sich über deine Lektionen lustig zu machen. Außerdem kannst du es mal deinen Kindern erzählen, von wem du das Lesen und Schreiben gelernt hast.“ Er grinste leicht und wischte den Zweifel des Verenus mit einer Handbewegung beiseite. Immerhin glich das Angebot – oder der Beschluss – des Kaisars einer Ehrung für den jungen Mann.

Damit verabschiedeten sie sich für den Abend und Konstantinos setzte sich wieder vor den Kamin, nahm das Buch Ciceros zur Hand und las weiter. Seine Gedanken aber schweiften ab; wie sehr hatte sich doch die Gesellschaft geändert! „Civis romanus sum“ hatte man dereinst voller Stolz ausgerufen und damit nicht nur den Stand innerhalb der Welt – als Bürger Roms – gemeint, sondern auch Eigenschaften, Werte, Rechte und dergleichen mehr gemeint. Ein Bürger Roms solle Lesen und Schreiben können, hatte es geheißen; denn der Bürger Roms musste sich ja seine Führer selbst aussuchen. Diese Pflicht war den Rhomäern abhandengekommen. Auch der Senat war nur ein Schatten seiner selbst und Cicero hätte geweint, hätte er die Zustände in diesem scheinrepublikanischen Relikt gesehen.