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Rhomäisches Reich: Vor Edessa ist es zur Entscheidungsschlacht zwischen römischen und muslimischen Truppen gekommen.
Kirchenstaat: Der Papst hat Legaten nach Konstantinopel und Augsburg entsandt.

[Gemächer des Autokrators] Hinter verschlossenen Türen

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Donnerstag, 10. Januar 2019, 16:54

Im schlimmsten Falle hätte der Kaiser den scheinbar Göttlichen wohl hinausgeworfen. Allerdings konnte man sich dessen auch nicht ganz sicher sein, denn manchmal schlug Frust in Zorn um und der Betreffende endete doch in Arrest. Entgegen dieser Annahme schien "Hermes" allerdings vielmehr voll darauf einzugehen, wodurch er sich schon mal deutlich von den üblichen Stümpern abhob, mit denen Romanos seine Tage verbrachte, wenn es ihm nicht nach Einsamkeit war. Tatsächlich traf der "Götterbote" den richtigen Nerv in seiner ihm eigenen Mischung aus überbordender Selbstsicherheit und schallendem Witz. "Der Witzigste bist du unter den Weisen", erwiderte Romanos knapp und war dann doch angetan, als ihm die "Gottheit" einen innigen Handkuss spendete. Dass er im Zuge dessen zwei seiner Ringe einbüßte, entging tatsächlich erst einmal seiner Aufmerksamkeit, verstand es "Hermes" doch, den kaiserlichen Blick auf seine verführerischen Augen zu lenken. Die schwache Hand des Herrschers haltend, war es so, als ergreife er von diesem Besitz, denn hinterfragte der Imperator die wahre Intention des "Hermes" nun nicht mehr.

Geschickt verwies dieser sodann darauf, dass alles Weitere besser unter vier Augen stattfinden sollte, womit er selbstredend auf die beiden noch im Raum befindlichen Gardisten anspielten, die indes ob der Vorgänge nicht einmal mit der Wimper zuckten. Sie waren schließlich nicht hier, um sich an der Konversation zu beteiligten, sondern um den Schutz des Autokrators zu garantieren. Der schien Romanos in Gegenwart eines "Gottes" sichergestellt. "Wachen, lasst uns allein. Wartet draußen", hieß er dieselben. Wollte man hinaus oder hinein, musste man sie ja so oder so passieren. Während "Hermes" noch immer seine Hand hielt, kam Romanos also seinem Wunsche nach. Nun befanden sie sich ganz allein in den inneren Gemächern, denn auch der Mundschenk musste den Abflug machen, nachdem er zuvor noch genügend Getränke aufgetragen hatte. Den "Göttlichen" nun gleichsam an der Hand führend, schritt der Kaiser zu der vergoldeten Eingangstür und drehte den im Schloss steckenden ebenso güldenen Schlüssel um, bevor er ihn in eine Innentasche seines Obergewandes steckte. Jetzt würde man sie sicherlich nicht mehr stören.

"Siehst du die Leier dort drüben?", deutete er auf eine eben solche. "Es heißt, Kaiser Nero habe einst auf einer derartigen gespielt, als Rom lichterloh in Flammen stand. Das ist nun bald tausend Jahre her." Einen kurzen Augenblick schien Romanos gedanklich bei dieser Szene zu sein. "Erfreue mich wie Orpheus durch deinen göttlichen Gesang zu den Klängen dieses herrlichen Instrumentes!", meinte er schließlich und klopfte ihm mit Nachdruck auf die Schulter. "Ich will deinem Vortrag voller Inbrunst lauschen und mich an der erquicklichen Darbietung laben." Sprach's und schritt wiederum zur Tafel. Dass sein Gast bisher wohl nie Leier gespielt hatte, war einerlei, würde die schnöde Realität die erhebende Vorstellung doch nur unterminieren. Während sich Leon dem Instrument zuwandte, zückte der Kaiser in einem günstigen Moment die kleine Ampulle mit Mohnsaft, den er für gewöhnlich benutzte, um Schlaf zu finden, und schüttete die Hälfte des Inhaltes in den noch gut gefüllten Krug des "Hermes". Durch den Bierschaum war diese kleine Zutat nicht zu erkennen. Zwar würde ihn dieser Mix nicht gleich umhauen, aber doch gefügiger machen. Schließlich blickte er zum unfreiwilligen Sänger und Musikanten. "So stimme an die Saiten, Hermes!"

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Freitag, 11. Januar 2019, 00:50

Leon schien den Kaiser nun endgültig in seinen Bann gezogen zu haben. Die Gesichtszüge des Herrschers hatten sich entspannt, die Worte der Gottheit hatten gewirkt und der Alkohol sein übriges getan. Der Diebstahl der beiden Ringe schien für den Augenblick unbemerkt zu bleiben. Die beiden Schmückstücke hatten längst ihren Weg in die Hosentasche des Hermes gefunden. Nun fluchte er innerlich, dass er nicht seine eigene anhatte, in die am rechten Oberschenkel in der Innenseite ein geheimes Fach eingenäht war, wo man die Ringe sicher nur schwerlich gefunden hätte.
Auf den Vorschlag, die Wachen des Raumes zu verweisen (welchen Leon nur indirekt ausgesprochen hatte), ging der Kaiser direkt ein und befahl den Soldaten, nach draußen zu gehen. Ohne die Entscheidung auch nur für einen Moment in Frage zu stellen, ließen sie die beiden alleine. Wie töricht, ihren Kaiser mit einem Fremden alleine zu lassen, einem Kriminellen obendrein. Es war reinstes Glück, dass Leon nicht gewalttätig war und direkter Konfrontation in der Regel aus dem Weg ging. Er bestahl die Menschen, doch ein Räuber war er nicht. Es wäre jedenfalls ein Leichtes gewesen, den Kaiser in einem Moment der Unachtsamkeit außer Gefecht zu setzen, eine der Statuetten sollte dafür ausreichen.

Statt dass man nun dazu über ging, sich gegenseitig zu malen, kam der Kaiser auf eine ganz andere Idee. Leon schluckte. So ein Ding hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht aus der Nähe gesehen, geschweige denn darauf gespielt. Er hüstelte, ging auf das Instrument zu und spürte die Hand des Kaisers immer noch auf seiner Schulter, obwohl dieser längst zur Tafel geschritten war. Schwer und verhängnisvoll lastete die Geisterhand auf Leons Schulter, während er das komische Ding in die Hand nahm und zur Probe zwei, drei Mal an einer Saite zupfte. Und damit sollte er Musik machen? Eben noch besorgt, kam ihm nun eine Idee. Er ging mit der Leier in der Hand zum Kaiser und reichte sie ihm. "Wie wärs, wenn du mich auf der Leier begleitest, Kaiser?", fragte er und drückte Romanos das Ding so in die Hand und ließ los, dass diesem nichts anderes übrig blieb, als das Instrument festzuhalten. "Zu Musik und Gesang gehört auch der Tanz, so brauche ich beide Hände und kann unmöglich auf der... dem Ding spielen." Ein unverhofftes, erzwungenes Lächeln zeigte sich auf Leons Gesicht. Er ging einige Schritte zurück, nicht ohne vorher zu des Kaisers Weinbecher zu greifen und ihn in einem Zug zu leeren. Ein bisschen Mut musste er sich dann doch antrinken.
Dann begann Leon, zu singen und zu tanzen. Die Bewegungen glichen einer Marionette, deren Spieler einen über den Durst getrunken hatte und der Gesang war kaum zu verstehen und traf kaum einen richtigen Ton, doch hoffte 'Hermes', alles in allem ein unterhaltsames Bild abzugeben. Nur kurz unterbrach er seinen Tanz. "Na los Kaiser, mach mit!", rief er, lief auf Romanos zu, nahm ihn bei der Hand und zog ihn zu sich. Er legte einen Arm um des Kaisers Hüfte, mit der freien Hand hielt er die seines Tanzpartners und hampelte nun mit Romanos gemeinsam herum. Er lachte; die Vorstellung schien ihm selbst den größten Spaß zu bereiten.

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Freitag, 11. Januar 2019, 01:34

Eigentlich ein denkwürdiges Treffen: Der Kaiser der Rhomäer und der König der Diebe nunmehr im Vieraugengespräch. Dass des "Hermes" wahre Herkunft nicht eben göttlich war, lag auf der Hand. Im Grunde genommen hatte ja der Mystikos Belisarios Arianites dafür gebürgt, dass er nur seriöse Personen heranschaffen würde. Am Ende fiele es dem Arianites noch auf die eigenen Füße, wenn dies hier unerquicklich ausginge. Der Zwangsrekrutierte schien sich mit der gegenwärtigen Situation jedenfalls mehr und mehr anzufreunden. Zumindest erweckte er den Eindruck, souverän damit umgehen zu können. Seine nicht zu leugnende Schauspielkunst trug dazu wohl nicht unerheblich bei. Dass Romanos potentiell in Gefahr schwebte, schien ihm entweder nicht bewusst zu sein oder er verdrängte es. Vielleicht aber suchte er gerade auch diese latente Gefahr. Dass sein Gast kein ruchloser Mörder war, konnte man annehmen, doch hieß das nicht im Umkehrschluss automatisch, dass er nur die besten Absichten hatte. Womöglich trug diese persönliche Begegnung doch dazu bei, dass gewisse Vorurteile abgebaut wurden. Dass Leon nämlich einer der größten Kritiker des Kaisers war, schien in diesen Stunden wie weggeblasen.

Die nicht vorhandene musikalische Vorbildung forderte nun doch noch ihren Tribut, denn der junge Mann sah sich wohl außer Stande, die Leier überhaupt zu bedienen, ja er schien schon seine Probleme damit zu haben, sie richtig zu halten. Die Aufforderung des "Hermes", der Herrscher solle ihn doch besser selbst musikalisch begleiten, da er sich sonst nicht auf den Gesang und Tanz konzentrieren konnte, kam derart unerwartet, dass Romanos gar nicht schnell genug abwiegeln konnte. Prompt hatte er selbst die Leier in der Hand. Anders als der "Gott" konnte er das Ding zumindest halbwegs bedienen, auch wenn er wohl kein großer Virtuose war. So stimmte er das Instrument also selbst an, zunächst etwas zaghaft, und traute dann kaum seinen Augen ob des Bildes, das sich ihm unvermittelt bot. In einer Mischung aus Erstaunen und Erheiterung verfolgte er die seltsame Einlage seines Gastes.

"Wahrlich, ein Bild für Götter!", lachte er herzhaft und kämpfte mit den Tränen, die sich unwillkürlich ob dieser Belustigung einstellten. Doch es kam noch ärger, denn mittendrin ergriff "Hermes" wiederum die Initiative und packte den Kaiser an der Hand, ihn gleichsam mit auf die Tanzfläche ziehend. So schnell konnte Romanos gar nicht reagieren, war er schon Teil der Darbietung. Erst unwillig, fügte er sich doch und fand schließlich sogar Gefallen an diesem Jux. Zwar nahm er keineswegs eine aktive Rolle dabei ein, sondern wurde mehr oder weniger sanft mitgerissen, doch war er alles andere als unglücklich. "Bei Gott, einen solchen Spaß hatte ich schon lange nicht mehr!", bekundete er ehrlich und hörbar außer Atem. "Du bist ein feiner Zeitgenosse, Hermesleinchen", lobte er seinen Tanzpartner und kam mehr und mehr in die notwendigen Tanzschritte hinein, ohne freilich die Perfektion seines Gegenübers zu erreichen.

"Puh, da kommt man ganz schön aus der Puste!", meinte er und erbat sich eine Verschnaufpause. "Zeit für eine Erfrischung." Er trat selbst zum Tisch und griff zum Bierkrug seines Gastes, um ihm diesen Allerhöchstselbst zu reichen. Anschließend schenkte er sich aus Allerhöchsteigener Hand ebenfalls etwas Bier in einen weiteren Krug. "Auf uns, das merkwürdigste Tanzpaar seit Menschengedenken!", prostete er ihm zu.

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Dienstag, 22. Januar 2019, 17:11

Der Kaiser schien auf das Spiel des Hermes einzugehen, ließ sich mitreißen und tanzte - wenngleich weniger euphorisch wie sein Gegenüber - mit, stellte sich dabei nicht ganz so behände an wie Leon, hatte aber offenbar trotz allem großen Spaß an der Sache. Schließlich riss sich Romanos sanft los und bat um eine Verschnaufpause. Dabei hatten sie gerade einmal wenige Minuten getanzt, in welch jämmerlicher körperlicher Verfassung der Kaiser doch zu sein schien; doch war dies eigentlich kein Wunder, wenn er Diener hatten, die alles für ihn taten und wenn er mal das Haus verließ seine Kutsche für ihn bereit stand. Die weitesten Strecken, die Romanos selbstständig zu Fuß zurücklegen musste, befanden sich wohl innerhalb der Palastmauern. Leon hingegen hatte in seinem ganzen Leben in keiner Kutsche gesessen, die ihn dorthin transportierte, wo er wollte. Wer auf der Straße lebte, musste sich auf seinen Körper verlassen können, jegliche Art von Schwäche konnte ernsthafte Konsequenzen mit sich ziehen.
So ließ Leon also von Romanos ab und folgte ihm zum Tisch. Gegen etwas zu trinken hatte er ja ohnehin nie etwas und nahm den Becher entgegen, den ihm der Kaiser nun reichte. In nur einem Zug hatte er das Bier ausgetrunken, nichts ahnend, dass der Kaiser das Getränk kurz zuvor präpariert hatte. Dass dieser nun selbst von seinem Schlummertrunk kostete, zeigte wohl, wie fertig er mit der Welt war.
"Sag was du willst, Kaiser, doch bin ich mir sicher, dass du mit deinem Weib bei Weitem nicht so tanzen kannst wie mit mir. So ist das mit den Frauen, nie kann man sich selbst sein, man muss sich stets für sie verstellen. Wie gut, dass wir in dieser Männerrunde unter uns sind." Leon ließ sich auf einen der Stühle fallen. "Ich habe gehört, du hast kürzlich wieder geheiratet. Die wievielte Frau ist das nun? Die dritte? Die vierte? Ich muss ja sagen, Zoe hatte etwas besonderes an sich. Sie war so auf ihre Mitmenschen bedacht... es ist zu traurig, dass sie nicht mehr unter uns weilt. Ein Unfall, nicht wahr?"
Tatsächlich hatte Leon die Kaiserin einst in der Stadt getroffen, als er nach einer Rauferei zur Behandlung im Kaiserin-Theodora-Hospital gewesen war, als dessen Schirmherrin Zoe fungiert hatte.

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Mittwoch, 23. Januar 2019, 09:17

Präpariert war freilich nur der andere Krug, nicht der eigene, gab es doch diesmal keine moralischen Bedenken, wie einst beim nunmehrigen Mit-Basileus. Auch deswegen reizte den Kaiser die Gesellschaft des vermeintlich Göttlichen. Gar so wahnwitzig war Romanos nämlich nicht, um sich nicht durchaus darüber im Klaren zu sein, dass nicht der Gott Hermes vor ihm stand. Ganz abgesehen davon, dass der Glaube daran schlimmste Blasphemie gewesen wäre, war sich der Purpurgeborene bewusst, dass allein er die Fäden in den Händen hielt. Denn aus einem völlig unbedeutenden Gemeinen aus der mutmaßlichen Gosse wurde ja einzig durch seine imperiale Entschließung eine Gottheit. Mit einem Schnipsen seiner Finger konnte er diese Imagination auch jederzeit wieder beenden. Er konnte den Kerl wegen irgendwelcher vermeintlichen Vorwürfe sogar in jedem Moment einsperren oder gar hinrichten lassen. Er brauchte dazu noch nicht einmal eine Begründung. Denn sein Wort galt hier und nur das seinige. So funktionierte das byzantinische Staatswesen. Ein Mann stand über jedem anderen und konnte jedermann seinen unabänderlichen Willen diktieren, mochte er noch so abstrus anmuten. Niemand durfte dies ernstlich in Zweifel ziehen, selbst wenn dem Patriarchen dies noch am ehesten zukam, aber auch er ohne Probleme gegebenenfalls abgesetzt werden konnte. Weiter weg von modernen demokratischen Vorstellungen konnte man kaum sein als dies im Rhomäischen Reiche die Wirklichkeit war. Der primäre Nutznießer hieß Romanos II.

"Höre ich da eine gewisse ... Hintanstellung des Weiblichen heraus?", hakte der Kaiser scharfsinnig nach und war sich mittlerweile gewiss, dass auch "Hermes" zur eigenen Fraktion zu rechnen war, was hier und jetzt gewiss eher zu seinem Vor- denn zu seinem Nachteile war. "Zwar zieht uns das Ewig-Weibliche hinan, doch weißt du besser als die Sterblichen, dass allein die mann-männliche Liebe die vollumfängliche Erfüllung sein kann. Frei von jeder Konvention und von dem, was die Mode streng geteilt." Dass sein göttlicher Gast den vorbereiteten Becher in einem schnellen Zuge geleert hatte, erregte den Gastgeber bei der bloßen Vorstellung ob der zu erwartenden Wirkung. "Gut, sehr gut, hehehe", grinste er ihn an. "Hermes" war von einigermaßen athletischer Statur, dass wohl noch ein Weilchen verging, bis ihn der Trunk in die Knie zwang, was die Sache aber noch spannender machte.

"Du hast mit beidem Recht, mein Göttlicher. Formal gesehen die dritte, faktisch die vierte, wurde eine der Ehe ja nachträglich annulliert", sprach der Kaiser erstaunlich offen über diese Privatangelegenheiten. Da erwähnte "Hermes" Zoe, die Verblichene, und für einen Augenblick rang Romanos fast mit den Tränen. Er hielt eine gute Weile inne, bevor er zur Erwiderung ansetzte: "Ja ... ein Unfall ...", murmelte er in seinen Bart hinein und hinterfragte in diesem Moment zum ersten Male die offizielle Version, die man ihm aufgetischt hatte. Irgendwie kam ihm die Sache mittlerweile doch merkwürdig vor. Irgendetwas schien da doch ziemlich verdächtigt, auch wenn die bittere Wahrheit für den Kaiser unvorstellbar war. Dass seine eigene Mutter damit aufs Engste verbunden war, ahnte kein Mensch.

Es konnte nur noch eine Frage von Minuten sein. Bald schon würden die ersten Symptome einsetzen, die auch einen scheinbaren Gott übermannten. "Sage mir, Hermes, fürchtest du die Götterdämmerung, die da dräut?", fragte der Kaiser auf einmal und scheinbar in einem sehr allgemeinen Rahmen, den man auch auf den Sieg des Christentums über das Heidentum beziehen konnte. "Ich sollte den antiken Gottheiten auch in unseren Zeiten ein Schlupfloch bieten", sinnierte er weiter und legte die Hand ganz protektorhaft auf des "Hermes" Schulter.

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Montag, 4. Februar 2019, 21:41

Obgleich die Tanzeinlage Leon durchaus einigen Spaß bereitet hatte, so war er doch einigermaßen froh, dass sie vorbei war. Im Grunde war sie ja auch ein reines Ablenkungsmanöver gewesen, damit er nicht auf diesem Instrument spielen musste. Der Plan war jedoch aufgegangen und er hatte Romanos einmal mehr von der Sache an sich ablenken können. Wie leicht der mächtigste Mensch der Welt doch zu beeinflussen war! Kein Wunder, dass man sich von den ganzen Nutznießern erzählte, die den Kaiser umschwirrten wie die Mücken das Licht, konnte man sich doch große Vorteile erhoffen, wenn man das sagte, was der Kaiser (vermeintlich) hören wollte. Daran könnte Leon sich gewöhnen.
"Ganz und gar nicht, Kaiser", antwortete Hermes und gönnte sich einen weiteren tiefen Schluck des präparierten Bieres. "Ich liebe alle Frauen... und alle Frauen lieben mich. Wüsste ich es nicht besser, könnte man glatt meinen, ich sei Amor persönlich, hehe", meinte er dann zwinkernd und setzte sich einen recht heldenhaften Blick auf. "Und damit die Frauen uns lieben, müssen wir manchmal jemand sein, der wir eigentlich nicht sind. Gerade du wirst das doch verstehen." Oder auch nicht, schließlich war Romanos Kaiser und jede Frau würde töten, um Kaiserin zu sein.... Töten? "Du klingst so, als seist du nicht völlig überzeugt davon, dass es ein Unfall war. Man erzählt sich, Zoe sei gar möglicherweise selbst gesprungen. Aber das ist doch völliger Mumpitz, die Mutter zweier Kinder... Selbstmord? Niemals!" Was blieb also übrig? "Du glaubst doch nicht etwa... jemand hat nachgeholfen?" Das Gespräch nahm eine völlig unerwartete, jedoch auch durchaus aufregende Wendung. Dass im letzten Jahr kurz hintereinander nicht nur eine, sondern gleich zwei Personen aus dem engsten Umfeld des Kaisers aus ihrem Leben gerissen worden waren, wusste indes niemand. Nicht nur Zoe, auch Tiberios hatte vorzeitlich ins Gras gebissen, wenn auch nicht ganz freiwillig. Die Vorstellung, ein Mörder lief im Palast herum, der sogar die Kaiserin umbringen konnte ohne dass man ihm auf die Schlichte kam, verlieh Leon ein aufregendes Kribbeln im Bauch. Wer hatte ein Motiv? Profitiert vom Ableben Zoes hatte wohl ganz eindeutig eine bestimmte Person...

Was Romanos genau mit der drohenden Götterdämmerung meinte, wusste Leon nicht so recht, doch wäre er nicht Leon gewesen, wenn er dies nicht selbstsicher umspielen konnte. "Hermes fürchtet nichts und niemanden. Solange wir unter deinem Schutz stehen, haben wir nichts zu befürchten", scherzte Hermes und legte seine Hand auf die seines Gastgebers, dessen Gegenwart er inzwischen mehr genoss, als es der frühe Abend hätte vermuten lassen.

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Dienstag, 5. Februar 2019, 00:40

"Hermes" kokettierte mit seinen vielen Liebschaften mit dem (sogenannten) schönen Geschlecht. Natürlich, wollte man hinzufügen. Der Götterbote war der holden Weiblichkeit wohl nicht abgeneigt. Dann zog er gar Parallelen zum Liebesgott Amor beziehungsweise Eros, wie ihn die Griechen nannten. "Eine gewisse Erotik ist dir, Eros-Gleicher, nicht abzuschreiben, doch dünkt mich, dein Götterbruder wäre nicht ganz erfreut, machtest du ihm sein ureigenstes Revier streitig", witzelte der Kaiser und musste überlegen, ob dies, was "Hermes" meinte, auch auf ihn zuträfe, nämlich dass man ein anderer sein müsse als man selbst war, um der geilen Weiberschar zu gefallen. "Ich müsste lügen, behauptete ich, alle Frauen zu lieben, doch mag es angehen, dass mich die Frauen lieben, obschon dies an meinem ganz außergewöhnlichen Amt liegen mag." Da war Romanos überraschenderweise durchaus Realist, denn obwohl er attraktiv und ansehnlich war, stach er doch im eigentlichen Sinne durch seinen Autokratoren-Titel unter allen anderen Männern hervor.

"Selbst gesprungen ist sie bestimmt nicht", meinte der Kaiser dann und seine Gesichtszüge verdüsterten sich zusehends. Das Thema ging ihm näher als ihm lieb war. "Doch muss ich ehrlich bekunden, dass ich mich von Anfang an zwingen musste, die offizielle Unfall-Geschichte wirklich zu glauben." Dass sein Gast tatsächlich eine (wenn auch kurze) persönliche Bekanntschaft mit Zoe gemacht hatte, wusste Romanos nicht, so fuhr er fort: "Sie war eine untypische Frau, burschikos und fast maskulin. Eben aus dem hohen Norden. Sicherlich erregte sie hier manche Neider." Er blickte "Hermes" an, als dieser die These in den Raum stellte, es könnte nachgeholfen worden sein. "Dies wäre ... skandalös, nicht auszudenken ...", stieg Romanos auf denselben Gedankengang ein, "... und doch nicht völlig auszuschließen." Er atmete tief durch. Sollte man den ad acta gelegten Fall wirklich noch einmal aufrollen und untersuchen lassen? Vielleicht käme dabei Unschönes ans Tageslicht, was Romanos letztlich gar nicht wissen wollte.

Zum Glück verlief sich dieses nicht unbedingt stimulierende Thema dann irgendwie im Sande. Plötzlich spürte der Kaiser der "Gottheit" Hand auf seiner eigenen und "Hermes" schien ihm in diesem Moment über die Maßen zugetan zu sein. Der kaiserliche Schutz würde sie beide also laut "Hermes" schon vor allem Übel bewahren. Dass es ausgerechnet des Kaisers eigene Hand war, die das Getränk, das sein Gegenüber so begierig trank, mit betäubender Zutat versetzt hatte, musste insofern fast zynisch anmuten. Im Übrigen wunderte sich Romanos allmählich, dass sich darob gar keine Wirkung einstellte. War der Kerl da am Ende wirklich Hermes und immun?! "Dann wird Hermes auch dies nicht fürchten ...", sprach der Imperator und setzte einen verlegenen, im Grunde genommen harmlosen Kuss auf dessen Wange. Ein heißblütiger Hauch des kaiserlichen Odems erfasste das "göttliche" Antlitz und des Kaisers Hand ergriff diejenige des "Gottes".

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Dienstag, 5. Februar 2019, 00:55

Mit seinen Überlegungen, jemand habe die Kaiserin ja auch umbringen können, schien Leon einen Nerv bei Romanos getroffen zu haben. Diese Möglichkeit schien er zumindest nicht ausschließen zu wollen und fühlte sich bei dem Thema sichtlich unwohl; sogar so sehr, dass er offenbar nicht einmal zugeben wollte, dass es so wahr. Der bisher so aufgeschlossen, extrovertierte Kaiser wirkte auf von der einen auf die nächste Sekunde plötzlich ganz in sich gekehrt, murmelte beinahe. So beließ Leon es eben dabei, die Saat des Zweifels war gesät, was der Kaiser daraus machte, sollte er selbst entscheiden. "Ich kenn... kannte Zoe, Kaiser." Nun schwieg er auch einen Moment und es kehrte eine unangenehme, betretene Stille ein. "Ich bin mir sicher, dein neues Weib wird dir eine gute Kaiserin sein. Auf Zoe!", rief er dann und hob den Krug an, den er nun in einem Zug leerte. Das Gift tat bereits seine Wirkung und Leon fühlte sich zunehmend benommen, beinahe als sei er betrunken und müde, doch er ignorierte es und schob es auf den Alkohol. Das Bier hier im Palast war sicher schwerer als das der einfachen Leute und wirkte ganz anders, redete er sich ein, sodass des Kaisers dunkle Machenschaften im Verborgenen blieben.
Romanos wirkte sichtlich erleichtert, als man dann erneut das Thema wechselte, so beschloss Leon, es dabei zu belassen. Was nützte ihm ein kaiserlicher Trauerkloß? Romanos ergriff die Hand, mit der Leon die des Kaisers zuvor berührt hatte. Ihre Blicke trafen sich. Leon versuchte, den Blickkontakt zu halten, doch fühlten sich seine Augenlider ungewöhnlich schwer an. So schloss er unfreiwillig erst das eine Auge, ehe es sich wieder öffnete und wiederholte das Ganze mit dem anderen. Die Chose musste für einen Außenstehenden urkomisch ausgesehen haben, obgleich Leon keine Kontrolle darüber gehabt hatte. Wie ein Hund blickte er treudoof zum Kaiser und spürte auf einmal eine Leichtigkeit in sich, als könne er im Moment alles schaffen. Leon sprang auf - so dachte er es zumindest, tatsächlich zog er sich mit einiger Schwierigkeit am Kaiser nach oben - und blieb schwankend vor ihm stehen. "Weissu was, Kaiser?", lallte er und zog dabei einzelne Vokale unnatürlich in die Länge. Sein Blick wirkte glasig. "Du bissn toller Kerl. Auch wenn du ne Schwuppe bist, hihihi", kicherte er und bezog sich dabei auf die Gerüchte, die man sich auf der Straße erzählte. "Aber das stört mich nicht. Im Gägenteil, das macht das Leben doch erst indressant! Soll... soll ich dir n Geheimnis verradn?", fragte er und beugte sich näher zu Romanos, "eine Frau kann nichts, was ein Mann nicht auch kann!" Dann packte er den Kopf das Kaisers und zog ihn zu sich, verpasste Romanos einen feuchten Schmatzer auf dessen Lippen und sank schließlich zu Boden, rollte sich zwei mal hin und her und begann laut zu schnarchen.

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Mittwoch, 6. Februar 2019, 17:30

Hatte er gerade recht gehört? Der von ihm gekürte Götterbote kannte seine verblichene Gattin Zoe? Romanos war einen Moment etwas verwundert darüber. In welchem Zusammenhang waren sich "Hermes" und sie denn über den Weg gelaufen? Allzu viele Optionen gab es ja nicht, da eine byzantinische Kaiserin selten mit dem gemeinen Volk in direkte Berührung kam. Oder meinte er es vielleicht im übertragenen Sinne? Denn natürlich hatte das Volk die Gemahlin des Autokrators gekannt, wenn auch bloß aus der Ferne. Jedenfalls schien ihn "Hermes" aufmuntern zu wollen. Auch Romanos nahm einen Schluck und gedachte der kühnen Nordmännin, die nicht mehr wahr.

Für ein genaues Nachhaken in der Causa Zoe blieb indes keine Zeit mehr, schien sich nun doch langsam die versprochene Wirkung einzustellen, wirkte der "Gott" doch von einem auf den anderen Moment reichlich benebelt. Das Leeren des kompletten Kruges in einem Zuge war wohl ursächlich dafür. Nur mit Mühe schien "Hermes" noch in der Lage zu sein, halbwegs klar zu denken und zu handeln. Trotzdem mutete es reichlich absonderlich an, als er sich tatsächlich am neben im stehenden Imperator emporhievte. Ohne fremde Hilfe kam er nämlich ganz offenkundig nicht mehr auf die Beine, geschweige denn konnte er sich alleine noch auf denselben halten. Mit einer Mischung aus Amüsement und ein wenig Mitleid verfolgte Romanos die groteske Szene, die sich ihm bot.

Er selbst kannte die Wirkung des Mohnsaftes ja sehr gut, war es doch die ideale Einschlafhilfe. Dass ihm "Hermes" nun ein Kompliment nach dem anderen an den Kopf warf, mochte auch der die Sinne trübenden Wirkung zuzuschreiben sein. Er verplapperte sich zumindest insofern, als er quasi zugab, durchaus bereits Erfahrungen mit seinesgleichen gemacht zu haben. Die meisten Männer hatten dies wohl getan, aber die wenigsten standen offen dazu. Eine stürmische Liebkosung der kaiserlichen Lippen bildete vorerst den Höhepunkt im augenscheinlichen Verlangen des "Hermes", der gerne ein Eros gewesen wäre. Nur Sekunden später streckte ihn der Schlafmohn darnieder und er lag dem Kaiser wehrlos zu Füßen.

Derselbe verharrte zunächst unbeweglich wie eine Statue, den Blick auf die "Gottheit" gerichtet. Mit dieser Aktion hatte sich der Kaiser ja auch selbst bewiesen, dass er sogar imstande war, einen waschechten Gott zu besiegen. Wie sehr derselbe bereits in Morpheus' Armen ruhte, konnte man an seinem fast penetranten Schnarchen erahnen. Nach Aufhebung der selbst verordneten Starre griff Romanos wiederum zu seinem Weinkelch und schmunzelte ob des Erfolges. Schließlich richtete er das Wort an den Besinnungslosen, was freilich einem Monolog gleichkam: "Ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet. Ein Dionysos bist du jedenfalls nicht." Der Gott des Rausches hätte dies wohl weggesteckt wie nichts.

Wie er so in seinen eigenen Bart hineingrinste, bemerkte er zum ersten Male, dass ihm ja zwei seiner Ringe fehlten. Darob musste er laut lachen. "Gott der Diebe, fürwahr, du wirst deinem Rufe gerecht." Denn wer, wenn nicht "Hermes", hätte ihn darum erleichtert. Es war ja nicht so, dass ihm Romanos dies übel genommen hätte. Auf eine Art war es sogar erregend, bestohlen zu werden. Jedenfalls lag der Witzbold eigentlich ganz bequem auf einem dicken Perserteppich, gewärmt von der ausgeklügelten Fußbodenheizung. Erst hatte der Kaiser erwogen, ihn zu seinem Himmelbett zu befördern, doch musste er schnell feststellen, dass er nicht recht in der Lage war, den etwa gleich großen "Hermes" überhaupt anzuheben. Und die Wachen wollte er nun auch nicht herein bemühen. So entschied er sich vielmehr, dem Burschen ein feines Kissen unter das Haupt zu legen und ihm eine Decke zu besorgen. Das Kaminfeuer knisterte, als er sich schließlich zu ihm gesellte und den Arm um ihn legte. "Es soll dir an nichts mangeln. Von heute an darfst du den Autokrator deinen Freund heißen." Den Weinkelch hatte er sich so placiert, dass er problemlos danach greifen konnte. "Zeus und Hermes, welch illustrer Klang." So ging der Monolog noch über eine Stunde weiter, bis auch Romanos schließlich die Müdigkeit erfasste und er sich an den Götterboten schmiegte, um kurz darauf einzunicken.