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Rhomäisches Reich: Der Ex-Innenminister Ioustinianos Doukas ist tot. Der Prozess gegen Romanos Argyros ist vorüber; der Kaiser hat die lebenslange Haft auf zwanzig Jahre verkürzt.
Armenien: Sämtliche Zölle zwischen Armenien und dem Reich wurden aufgehoben. Das Kaiserreich hat umfassende Investitionen in die Infrastruktur zugesagt, um den Handel anzukurbeln.

[Gemächer des Autokrators] Hinter verschlossenen Türen

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Freitag, 4. Januar 2019, 01:49

Hinter verschlossenen Türen

In den ersten Januartagen des Jahres 952 befand sich der Autokrator in seinen komfortablen Gemächern im Großen Palast zu Konstantinopel, wie die meiste Zeit in den letzten Wochen. Das Wetter war unerquicklich, so dass der Kaiser noch weniger Lust als sonst verspürte, das Palastviertel zu verlassen. Abgesehen von den offiziellen Anlässen, bei denen seine Anwesenheit unabdingbar war – etwa den vom Patriarchen zelebrierten Festgottesdiensten in der Weihnachtszeit in der Hagia Sophia –, war er kaum außerhalb der Palastmauern anzutreffen. Frustriert durch die erwiesene Unfähigkeit des Ex-Parakoimomenos Damianos Doukas setzte kaum merklich eine allmähliche Distanzierung vom Hochadel ein. Zu viele Angehörige dieses Standes hatten den Kaiser in den letzten Jahren enttäuscht. Mit Kosmas Laskaris setzte Romanos auf einen Emporkömmling als neuen Parakoimomenos.

In dieser eher tristen Stimmung erreichte Romanos die Nachricht, dass sein Mystikos Belisarios Arianites Erfolg gehabt habe. Abgesehen von den beiden wusste eigentlich keiner von den geheimen Instruktionen, um die es ging. Dass Arianites diese öffentlichkeitswirksam in einer stadtbekannten Gaststätte lautstark kundtat und damit den Herrscher unfreiwillig lächerlich machte, konnte der Kaiser ja nicht ahnen. Wie ertragreich dieser Erfolg des Mystikos war, erfuhr Romanos auf Nachfrage, denn der Ertrag hielt sich in Grenzen. Wie sehr sich der Auserwählte gesträubt hatte, teilte man dem Kaiser wohlweislich nicht sofort mit. Jedenfalls zitierte Romanos den Mystikos nebst seinem "Fang" für acht Uhr abends in seine privaten Gemächer.

Die Dienerschaft hatte in den Stunden bis dahin dafür gesorgt, dass alles astrein erstrahlte. Die große, lang gezogene Festtafel war gedeckt und unüberschaubar viele kulinarische Köstlichkeiten aufgefahren worden. Ein Meer aus Kerzen erleuchtete den Raum und sorgte für eine gediegene Atmosphäre. Die ausgefeilte Fußbodenheizung bedingte, dass die Gemächer außerordentlich wohltuend temperiert waren, so dass man gar nicht geglaubt hätte, sich im Hochwinter zu befinden. Neben den Eingangstüren standen zwei Gardisten links und rechts im Raum und vermittelten ein Gefühl von Sicherheit. Statuen und Büsten berühmter Götter, Helden und Kaiser schmückten den Raum. Festliche Vorhänge aus Samt in purpurner Farbe vervollkommneten das feierliche Ambiente. Am einen Ende der Tafel stand der thronartige Sessel des Kaisers, am anderen die Sitzgelegenheit des Spezialgastes, so dass sie sich gleichsam gegenüber, aber wohl fünf Meter voneinander entfernt sitzen würden.

So gestaltete sich der Eindruck, den ein Gast gewinnen musste, wenn er hier eintrat beziehungsweise eintreten durfte, war es doch eine außerordentliche Ehre, von Seiner Majestät Allerhöchstselbst eingeladen zu werden. Ob sich der Gast des heutigen Abends dessen bewusst war, stand in den Sternen. Zu diesen blickte der Kaiser auch tatsächlich, vor einem der großen Fenster stehend und für einen Eintretenden zunächst gar nicht sofort ersichtlich. Romanos trug eine Art samtenen Hausanzug, der von Gold und Purpur dominiert wurde und im Kerzenschein glänzte.

Zur rechten Zeit öffnete sich die Tür und gemessenen Schrittes kamen der Mystikos und an seiner Seite der spezielle Gast herein. Begleitet wurden sie von weiteren zwei Manglabitai, die dafür sorgten, dass alles reibungslos ablief und danach wieder nach draußen verschwanden. Es lag Stille über dem Raum, nur unterbrochen durch das Knistern des Kaminfeuers.

"Überwältigend strahlt der Abendstern dort oben am Firmament", durchbrach plötzlich und wohl auch überraschend des Kaisers Stimme die Ruhe. Er stand ja ein gutes Stück weit entfernt vor einem der Fenster, in den Nachthimmel blickend und seinen Blick auch davon nicht abwendend. "Er steht für Venus, die antike Göttin der Liebe und Schönheit", hielt er eine Art Kurzvortrag, während die Gäste wohl reglos dastanden und sich darob wunderten. Völlig vergeistigt und wie abwesend harrte der kaiserliche Blick auf diesem Planeten, der nun deutlich sichtbar am Himmelszelt prangte. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit drehte er langsam sein Haupt zu den Gästen. Sein Blick traf den speziellen Besucher. Wortlos beäugte er ihn kritisch vom Scheitel bis zur Sohle, um dann neuerlich wegzuschauen und gemächlichen Schrittes zunächst auf die Tafel zu schritt. Den Mystikos gar nicht wirklich beachtend starrte er wiederum zum anderen. "Etwas grobschlächtig, indes markant", meinte er. "An welchen Gott oder Heroen der Vergangenheit soll er mich wohl erinnern?" Dabei schaute er nun zu Arianites, erwartete sich aber nicht wirklich eine Antwort. Er grinste kurz in seinen Bart hinein und näherte sich dem Spezialgast bis auf einige Schritte. "Hermes – du bist zweifelsohne Hermes, der Gott des Verkehrs, der Reisenden, der Kaufleute und Hirten – und der Diebe." Wie ungewollt richtig Romanos gerade mit letzterem lag, mochte den Gast gar verunsichern. Der richtige Name des Kerls interessierte den Kaiser nicht im Mindesten. Er wollte sich hier und jetzt schließlich mit einer Gottheit unterhalten, nicht mit irgendeinem profanen und ermüdenden Typen der Unterschicht, aus welcher der Mystikos ihn wohl gefischt hatte. Mit einer gönnerhaften Handbewegung bedeutete der Kaiser den beiden, dass sie sich setzen durften. "Hermes" musste den Platz am anderen Ende des Tisches einnehmen, so dass er im direkten Blickfeld des Kaisers war, während der Mystikos sich an die Rechte von Romanos setzen durfte. Die beiden Gardisten, die noch im Raum standen, wirkten wie versteinert, waren aber selbstredend hellwach. "So künde mir von deinen neuesten Errungenschaften, Götterbote", adressierte der Kaiser dann die "Gottheit", die wohl eher an den erlesenen Speisen und Getränken interessiert war denn an einer solch hyperintellektuellen Konversation. Romanos selbst würde, wie üblich, fast gar nichts anrühren, was ihm die besten Köche des Reiches zubereitet hatten; das Gros ging immer wieder zurück in die Küche, ganz zur Freude der Dienerschaft, die am heutigen Abend freilich ebenfalls umherschwirrte und ständig nachschenken musste, wenn es nötig wurde.

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Freitag, 4. Januar 2019, 02:17

Nachdem man Leon, der eigentlich nur ein Bier hatte trinken wollen, aus der Schenke "Abrahams Schoß" entführt hatte, wurde er in den Palast gebracht. Dort hatte man ihn in ein recht komfortables Zimmer gebracht, wohl um ihn auf die bevorstehende Liebesnacht mit dem Kaiser vorzubereiten. Wie die Fliegen machten sich die Diener über den armen Kerl her. Einem der Eunuchen hatte Leon kurzerhand ein blaues Auge verpasst, als dieser versucht hatte, dem unfreiwilligen Gast die Hose auszuziehen - nicht, weil er irgendwelche zweifelhaften Absichten gehabt hatte, sondern weil er Leon entkleiden hatte wollen, hatten die Diener doch die Anweisung, den jungen Mann zu baden. Obwohl er sich mit Händen und Füßen gewehrt hatte und trotz einigen ausgeteilten, gut sitzenden Fausthieben wurde er dann schließlich doch überwältigt, als die beiden Manglabitai von vorhin hinzustießen und Leon in Ketten legten. Unter Protest wurde Leon dann also gebadet und erhielt neue Kleidung, die man wohl als für den Kaiser angemessen erachtete. Für die restliche Zeit bis kurz vor acht Uhr ließ man Leon dann alleine, der trotz großer Anstrengungen keinen Ausweg aus seinem goldenen Käfig gefunden hatte.

Schließlich tauchten die Manglabitai wieder auf, diesmal andere, und legten dem jungen Mann Ketten an, um eine Flucht zu unterbinden. Erst vor den Gemächern des Tyrannen entfernte man die schweren Eisenketten und schwor ihn darauf ein, keine Flucht zu wagen, würde man ihn in diesem Fall schneller töten, als er drei Schritte machen konnte. Leon schluckte. Diesmal steckte er wirklich tief in der Tinte und das ohne wirklich etwas verbrochen zu haben. Ironie des Schicksals.
Schließlich wurde er an der Seite seines Peinigers, der ihn wenige Stunden zuvor entführt hatte, in die Gemächer geführt. Dort hinten, vor einem der großen Fenster, erblickte Leon eine kleine Figur, ein Männlein, wenn man so wollte, das anscheinend den Kaiser darstellen sollte. Die Erscheinung, die pompöse Einrichtung und die kitschigen Worte gaben gemeinsam mit der weibischen Stimme des Kaisers ein wahrhaftig groteskes Bild ab.
Romanos näherte sich schließlich seinem neuesten Sexspielzeug und begutachtete aus. So nah war Leon dem Kaiser schon einmal gewesen, wenngleich es beiden in diesem Moment wohl kaum bewusst gewesen sein durfte. Die verschiedenen Düfte, in die sich der Kaiser gehüllt hatte, stiegen Leon in die Nase und sorgten für einen Würgreiz, den der sonst so resistente Gemeine lange nicht mehr verspürt hatte. Konnte der Kerl nicht einfach wie ein Mensch riechen? Noch dazu diese Aufmachung. Auf Leon wirkte sein Gastgeber recht unwirklich, nahezu lächerlich. Als ob der Kaiser am Ende des Tages nicht auch aufs Klo ging und kacken würde wie jeder andere Mensch auch. Alles hier war Leon zutiefst zuwider, er vergaß einen Moment gar, weswegen man ihn überhaupt hierher gebracht hatte.
Den Vergleich mit dem Götterboten Hermes hatte er indes überhört, schließlich war er in eigenen Gedanken versunken. Man führte ihn schließlich zum Tisch, an dem er platz nahm - auch nur deswegen, weil ihm einer der Gardisten kurz mit dem Griff seiner Hellebarde in den Rücken gepiekst hatte.
Die nun aufgetischten Speisen ignorierte Leon völlig. Stattdessen hatte er zwischenzeitlich die vorhandenen Ausgänge so gut es ging überprüft; es schien, als wäre die Tür, zu der sie hereingekommen waren, der kürzeste und beste Ausweg. Angesichts der bewaffneten Manglabitai schien eine Flucht derzeit jedoch unmöglich - er musste abwarten. So hatte sich sein finsterer Blick nun auf Romanos gerichtet und blieb an diesem haften.
"Ist das normal in Eurem Stande, dass man junge Männer entführt, um sie zu Sexsklaven zu machen?", fragte Leon frei heraus und ließ den Kaiser nicht aus den Augen.

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Freitag, 4. Januar 2019, 02:42

Dass die gleichsam bäurische Nase des "Hermes" bisher kaum in den Genuss solch ätherischer Düfte gekommen war, wie man sie bei Hofe liebte, war wohl kein sonderliches Wunder. Natürlich hatte gerade der Kaiser eine unüberschaubare Auswahl an Parfums, die bereits im Alten Ägypten bekannt gewesen waren. Die Duftwolke, welche Romanos umgab, war betörend, doch der blutige Laie verkannte dies vermutlich. Selbstredend hatte der Kaiser auch Schminke aufgetragen, wie es die meisten Angehörigen des Hofstaates ganz selbstverständlich taten, um kleinere Hautunreinheiten zu überdecken. Die hiesige Atmosphäre mochte einen Angehörigen des niederen Standes überfordern, auch wenn sich Romanos dergleichen nicht wirklich vorstellen konnte oder wollte. Er vergeudete auch keinen Augenblick mit der etwaigen Empfindlichkeit des realen Menschen, der nun eben für ihn vielmehr Hermes war. Götter hatten keine Sorgen, von daher ging es seinem Hermes sicherlich formidabel.

So privat das Ambiente sein mochte, würde man doch lügen, hätte man von einer intimen, vertrauten Atmosphäre gesprochen. Viel eher war alles extrem steif und so gar nicht heimlich, auch wenn dem Kaiser diese Starre aufgrund des strengen Hofzeremoniells nicht auffiel, was für seinen unfreiwilligen Gast anders sein mochte. Weitgehend wortlos wurden Blicke ausgetauscht und kam eine richtige Konversation nicht zustande. Der Mystikos hielt sich vornehm zurück und wartete ab, bis er angesprochen wurde, so dass der Ball nun "Hermes" zugespielt ward.

Was aus dem Mund der "Gottheit" drang, war indes nicht unbedingt das, was sich Romanos erhofft hatte. Nicht nur, dass sich der Bursche offenkundig weigerte, seine Rolle adäquat auszufüllen, ging er zudem gleich in eine Art Angriffsmodus über und bezichtigte den Allerhöchsten unsagbarer Dinge. Kommentarlos lauschte der Kaiser diesen frechen Worten, ohne zunächst darauf einzugehen. Vielmehr schien er sie gar zu überhören, griff er doch zu seinem von zahlreichen Edelsteinen geschmückten Trinkkelch. Sein Blick wanderte zum Arianites. "Habt Ihr dergleichen verbreitet, Mystikos?", sprach er zu diesem ganz formell und unnahbar und harrte einer Erklärung. Wie konnte der Kerl dort drüben sonst auf solch merkwürdigen Ideen kommen, wenn er nicht hauptblödig war?

Ohne groß auf die Reaktion des sicherlich geschockten Privatsekretärs abzuwarten, beäugte Romanos abermals den "Hermes". "Wahrlich, ein illustres Exempel deiner göttlichen Falschheit, Hermes", meinte der Kaiser schließlich und betrachtete die Aussage unter diesem Gesichtspunkte. Denn der Gott Hermes war bekannt für seinen Hang zu dreisten und unverschämten Lügen. Unter diesem Aspekt spielte Leon seine Rolle sogar ganz ausgezeichnet. "Deine Flügelschuhe trugen dich wohl in so manches uns unbekannte Land. Berichte von deinen dort gemachten Erfahrungen, bin ich doch begierig, davon zu hören."

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Freitag, 4. Januar 2019, 16:18

Leon war nicht bereit, klein beizugeben, erkannte aber, dass er dem Tyrannen und seinen Schergen derzeit ausgeliefert war. Welche Spielchen würden sie mit ihm, einem armen unschuldigen Jungen aus der großen Stadt, nur treiben?
Der Kaiser schien wenig beeindruckt von dem Vorwurf, den Leon ausgesprochen hatte und erkundigte sich bei dem Entführer nach dessen Wahrheitsgehalt. Mystikos hieß der Kerl also, was für ein lächerliche Name das doch war - beinahe so lächerlich wie der eigene Name, den Leon sich wenige Stunden zuvor in der Taverne gegeben hatte. "Bezahlen wollte er mich, damit ich mitkomme, ganz öffentlich hat er nach Strichern gesucht und als ich mich weigerte hat er mich entführt, der Lump! So dankt man es also jemandem, der dem Heer gedient hat. Sagt nur, was habt Ihr mit mir vor?", fragte Leon und kniff die Augen zusammen. Als Romanos dann weiterhin von irgendwelchen Gottheiten schwafelte, wanderte Leons Blick zu Mystikos und er enthielt nur eine Nachricht: Hatte der Typ sie noch alle?

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Freitag, 4. Januar 2019, 21:03

Nach der Aktion in der Taverne hatte sich Belisarios vorerst in seine Gemächer zurück gezogen. Der Dreißigjährige Privatsekretär des Kaisers widmete sich für die restlichen Stunden bis zur Audienz beim Kaiser ein wenig der Literatur, gleichzeitig verfasste er seinen Tagebuch mit dem Eintrag vom heutigen Tage. Belisarios kamen Zweifel an seinem Vorgehen gegenüber dem jungen Mann, also überwogen doch die Skrupel. Aber was er hätte tun sollen. Ihn laufen lassen? Dass hätte Belisarios Karriere am Hofe ein abruptes Ende beschert. Aber der moralische Anspruch der Philosophie war leider sehr hoch und Belisarios war auch kein Mensch der wie gesagt skrupellos war, seiner Meinung nach waren Ethik und Moral nicht von der Politik zu trennen. Vielleicht hätte er in dieser Situation anders reagieren sollen. Aus Fehlern lernt man. Es war viertel vor acht als sich der Mystikos in Richtung der Gemächer des Imperators begab wo er mit seinem Spezialgast erwartet wurde. Er hatte noch die Liste mit den Namen der Anwärter für die Gralsgemeinschaft mitgenommen um sie den Kaiser zu übergeben. Vor dem Gemächern des Kaisers wartete also Belisarios mit dem Spezialgast bis sie hereingebeten wurden. Leon wurden die Fesseln abgenommen als sich die großen Türen öffneten. Belisarios verbeugte sich tief vor dem Kaiser und sagte erstmal nichts. Währenddessen hatte der Kaiser das Wort ergriffen und begrüsste seinen Gast mit einem poetischen Redeschwall. Dann fragte er seinen Privatsekretär an welchen Gott ihn der Jüngling erinnere und noch eher Belisarios antwortete fiel dem Kaiser ein Namen ein Hermes Der Gott des Verkehrs, des Reisenden, der Kaufleute, Hirten und Diebe. Hätte man zu diesem Zeitpunkt wer Leon war, hätte man nicht ahnen wie passend die Namenswahl des Kaisers war. Belisarios nahm zur Rechten des Kaisers Platz, während Leon sich gegenüber Platz nahm.

Doch wer angenommen hatte dass Leon nun ruhig blieb und sich über das Zusammentreffen mit dem Kaiser. Im Gegenteil der Kerl machte dort weiter wo man aufgehört hatte. Mit der Majestätsbeleidigung. Belisarios konnte es nicht glauben. Der Kaiser überhörte dies und richtete sich dann an seinen Mystikos und fragte ob er dergleichen verbreitet hatte. Der Mystikos antwortete nüchtern und sachlich: Nein euer Majestät. Aber wie es aussieht gibt es bestimmte Gerüchte innerhalb der Stadt die euch solch schändliche taten vorwerfen, als ich mein Anliegen vortrug wurden diese Gerüchte immer lauter. Nun ja und der ehrenwerte Herr der euch gegenüber sitzt hat mit Anderen zusammen die Person euer Majestät beleidigt. Aber ich habe nichts derartiges in Umlauf gebracht, meinte der Mystikos. Er hatte keinen Grund zu lügen, natürlich war die Anwerbestrategie ein wenig offensiv, aber Angriff ist in manchen Fällen die beste Verteidigung. Und dann nahm Leon ordentlich Fahrt auf. Belisarios schmunzelte nur, aber jetzt schritt er ein.

Eure Majestät verzeiht mir wenn ich unerlaubt das an euren Gast richte, meinte Belisarios und deutete eine Verneigung an. Dann wandte er sich Leon zu: Euch dürfte bewusst sein dass ihr euch hier im Machtzentrum des Imperiums befindet. Wenn ihr darauf beharrt ein Angehöriger der Streitkräfte zu sein dann nennt mir euren Namen und Dienstrang und euren Vorgesetzten so kann ich dass im Kriegsministerium von meinen Kollegen abklären lassen, aber dieser Kerl sah nicht unbedingt wie ein Soldat oder Offizier aus. Doch ich rate Euch Eure Worte mit Bedacht zu wählen. Den solltet sich dass als falsch erweisen, habt ihr ein gewaltiges Problem mein ehrenwerter Freund. Und ich würde euch raten dem Gerede über seine Majestät keinen Glauben zu schenken. Ihr sollte es schätzen dass seine Majestät euch zu sich eingeladen hat und euch dazu noch bewirtet. Es ist nämlich eine Ehre. Und ihr könnt seiner Majestät ja selber schildern was ihr über ihn gesagt habt. Aber wie gesagt ihr seid hier im Kaiserlichen Palast und nicht in einer Spelunke. Und euch dürfte bewusst sein dass ich nicht nach Prostituierten gesucht habe, wenn euch der Wortlaut meinerseits noch bekannt ist. Aber wie gesagt ihr könnt selbst entscheiden. Nur rate ich Euch Eure Handlungen und Worte wie schon gesagt mit Bedacht zu wählen.


Mehr wollte Belisarios nicht anmerken. Leon konnte nun selbst entscheiden. Aber der Mystikos würde in dieser Hinsicht nichts mehr unternehmen.

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Freitag, 4. Januar 2019, 23:03

Zunehmend wirkte es beinahe so, als sei sein Ehrengast darauf aus, des Kaisers Wunschbild bewusst zu konterkarieren. Zumindest schlüpfte "Hermes" nicht wirklich in die ihm vom Kaiser zugewiesene Rolle, obwohl dies seine Pflicht als Untertan gewesen wäre. Ohne ein Wort verfolgte Romanos die Reaktion des Burschen und kurz darauf die Ausführungen des Arianites, der sich zu Unrecht angegangen fühlte und die Sache wohl klar stellen wollte. Romanos ermüdete diese ganze unnötige Debatte, so dass er seinen Kopf in einer Mischung aus Verdruss und Langeweile auf seinem Arm abstützte. Wieso nur waren diese beiden Komödianten unfähig, in diesem Spiele, welches vom Allerhöchsten ausersonnen ward, mitzuspielen? Vielleicht wollte der Mystikos auch nur seine Haut retten, indem er die Sache nun aus seiner Sicht schilderte. Der Kaiser wusste nicht recht, welcher von beiden noch unglaubwürdiger war als der jeweils andere. Die Wachen wirkten beinahe so, als warteten sie bloß auf irgendein Zeichen, um einen oder gar beide augenblicklich abzuführen. Doch ein solches erfolgte nicht. Romanos war vielmehr ernüchtert als wirklich erbost ob dieser merkwürdigen Vorgänge.

"Ist das so? Ist das so ...?", murmelte der Kaiser plötzlich, und es war nicht ganz klar, ob er sich damit auf "Hermes" oder Belisarios bezog. Klar war hingegen, dass Majestät not amused waren. Der Abend hätte so inspirierend werden können, doch stattdessen sah man sich absurden Vorwürfen ausgesetzt, die in diesen heiligen Hallen noch unerhörter klangen als andernorts. Ob dieser profanen Ausführungen, die allzu diesseits anmuteten, schloss der Kaiser desillusioniert die Augen und führte seine Hand vor dieselben. Melancholisch fühlte er sich. Minutenlang verharrte er so, bis völlige Stille sich wiederum im Raume verbreitete.

Auf den Unsinn, der hier thematisiert worden war, gedachte er mitnichten einzugehen. Es war völlig belanglos und musste nicht noch durch weitere Worte künstlich aufgebläht werden. Mit etwas rot unterlaufenen Augen blickte der Kaiser abermals in Richtung des Gastes, der sich hier nicht wohlzufühlen schien. Ohne ein weiteres Wort zog er einen seiner Ringe vom Finger und winkte einen der Diener herbei, dem er irgendetwas zuflüsterte. Jedenfalls trug derselbe besagten Ring dann zum anderen Ende des Tisches und legte ihm "Hermes" aufs leere Teller. Der große grüne Diamant mochte ein Vermögen wert sein.

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Sonntag, 6. Januar 2019, 00:30

Leon ließ den Kaiser nicht aus den Augen. War diese Gestalt, dieser weibische Pfau, der in Parfüm badete und seine Welt um sich herum derart gestaltete, wie sie ihm gefiel, wirklich so furchteinflößend, so berechnend? Auf ihn machte Romanos eher den Eindruck, als wäre er in seiner Seifenblase gefangen und versuchte hier, einen Ausweg aus dem tristen Alltag zu finden. Für Leon war klar, dass der Mann nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte, doch schien es das Klügste zu sein, dieses Spiel mitzuspielen. Was blieb ihm auch anderes übrig? An Flucht war nicht zu denken und so wirklich glaubte er nicht mehr daran, dass der Kaiser auf diese Weise einen Gespielen suchte. Irgendwie hatte er von Anfang an nicht wirklich daran geglaubt, doch provozierte er eben gerne - und noch dazu hatte es Mystikos in der Taverne schließlich nicht bestritten. Nun hatte sich gar der Kaiser erhoben und Leon einen wohl unbezahlbaren Ring direkt vor die Nase gelegt. Hatte Romanos es derart nötig, dass andere seine Spielchen mitspielten? Zugegeben, sein Schoßhund hatte es bereits mit Geld versucht, doch dürfte der Klunker an diesem Schmuckstück deutlich mehr Solidi wert sein, als in ein Säckchen hinein passten.
"Ist das denn eine Art, mit seinem göttlichen Gast umzugehen?", fragte er daher pampig in Mystikos' Richtung und griff nach einer Hammelkeule, in die er herzhaft hinein biss und mit den Zähnen ein großes Stück Fleisch heraus riss, das langsam in seinem Schlund verschwand. Der Kaiser dürfte in seinem ganzen Leben etwas derart Derbes noch nicht gesehen haben, wenngleich es relativ harmlos war. Dann grinste er Romanos an. "Mit wahrlich merkwürdigen Gestalten umgebt Ihr Euch, Kaiser, das muss man schon sagen. Derartig unhöfliche, aufdringliche Charaktere sind mir im Olymp noch nie begegnet." Er griff nach dem Becher vor ihm und leerte in in einem Zug, woraufhin er gerade heraus laut rülpsen musste. Dann verzog er das Gesicht. Ekelhaft süß war das Gesöff. So etwas hatte Leon noch nie in seinem Leben geschmeckt und er legte keinen großen Wert darauf, es nochmal zu tun. "Habt Ihr kein Bier?", fragte er dann frech in Richtung eines Dieners, der damit beschäftigt war, den Becher des Kaisers stetig zu füllen.

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Sonntag, 6. Januar 2019, 01:21

Unwissentlich war die Charakterisierung des Kaisers, die "Hermes" insgeheim vorschwebte, so völlig falsch nicht. So glanzvoll das Kaisertum sein mochte, so schwierig war es auch, diese Rolle auszufüllen. Wenn in irgendwelchen verruchten Tavernen der Hauptstadt boshafte Scherze über den Kaiser und seinen Hofstaat gerissen wurden, so spiegelte das auch die Beschaffenheit der konstantinopolitanischen Gesellschaft wider, die einen Kaiser durchaus lieben und schätzen konnte, aber gleichzeitig wenig Skrupel hatte, sich zumindest insgeheim über ihn lustig zu machen. Das war in der Vergangenheit nicht anders gewesen, denn selbst die größten römischen Kaiser waren davor nicht gefeilt gewesen. Wirklich verwertbare Informationen aus dem innersten Zirkel der Macht hatte das gemeine Volk ohnehin nicht, so dass es das Hörensagen war, welches das Bild dominierte.

Allmählich schien der Gast indes aufzutauen, denn er griff nun doch zu Speis und Trank und schien sich langsam in dieser für ihn ungewohnten Umgebung heimisch zu fühlen. Selbstsicher gerierte er sich und erweckte dadurch (vielleicht ungewollt) das Amüsement Seiner Majestät. Tatsächlich schmunzelte Romanos ob der Vorstellung, die ihm nun geboten wurde. Dass ihn der Mystikos getadelt hatte, schien "Hermes" nicht auf sich sitzen lassen zu wollen. Sich nun wirklich wie ein Gott aufführend, missbilligte er die Anwesenheit des Arianites deutlich. Der Kaiser verstand den Wink mit dem Zaunpfahl durchaus und blickte kurz zu den Wachen hinüber. "Der Mystikos möchte sich jetzt zurückziehen. Geleitet ihn hinaus." Dass Belisarios wohl kaum diese Absicht verspürte, diesem Possenreißer nun das Feld zu überlassen, lag auf der Hand, doch wäre er dumm gewesen, dem De-facto-Befehl zu widersprechen, denn die Wachen öffneten auch schon die Türen und warteten auf den Arianites, der nun die Gemächer mit einer Wache verließ, die ein paar Minuten später wieder zurückkam.

"Hörtest du die Gottheit nicht, Kerl?! Bier für Hermes! Na wird's bald!", zischte Romanos zwischenzeitlich den armen Mundschenk an, der nicht wusste, ob er eine Order dieses Typen befolgen musste oder nicht. Sogleich sputete der Bursche hinaus, um alle möglichen Biersorten aufzutragen. "Vergib diesen unfähigen Domestiken. Sie sind es nicht gewohnt, Götter zu bedienen", meinte der Kaiser dann entschuldigend in Richtung des Ehrengastes, mit welchem er nun ganz alleine an der riesigen Tafel saß. Nicht viel später wurde dann wirklich alles an Bier aufgetischt, was auf die Schnelle zu finden war.

"Ich bin diese hochadeligen Speichellecker leid, muss ich dir sagen. Verräterei allenthalben. Daher habe ich dich auserkoren, mir Gesellschaft zu leisten. Willst du mir ein guter Freund sein, Hermes? Meine Allerhöchste Protektion sei dir gewiss und du sollst hier ein- und ausgehen können wie jeder Aristokrat." Damit eröffnete ihm der Kaiser grob seine eigene Vorstellung des Ganzen und harrte einer Reaktion.

9

Sonntag, 6. Januar 2019, 01:49

Nachdem man mit Vernunft nicht weitergekommen war, schien Leons neue Strategie aufzugehen. Der Kaiser schien ganz angetan von der sekkanten Art des Gastes, als dieser den dritten Mann am Tisch so offen tadelte. Wohl nur selten musste sich ein Höfling derartige Frechheiten von einem Gemeinem aus der Großstadt anhören, ohne dass es dafür Konsequenzen gab. "Genau, geleitet Mystikos nur hinaus!", wiederholte Leon grinsend und schenkte dem Verwiesenen ein spitzbübisches Grinsen. Nur wenige Stunden zuvor hatte er Leon abgeführt, nun wurde er selbst von den bewaffneten Soldaten des Kaisers nach draußen begleitet. Leon kam nicht umhin, dem Mann unverschämterweise zum Abschied zu winken. Noch bevor er den Raum verlassen und die Tür hinter ihm geschlossen wurde, erlaubte sich Leon eine laute Bemerkung, sodass Belisarios sie noch gehört haben musste. "Mystikos. Was für ein bescheuerte Name", meinte er lachend zu Romanos und machte sich über ein weiteres Stück Fleisch her, das wirklich delikat schmeckte. So zart gab es Hammel auf den Straßen nur selten und selbst wenn der Gargrad optimal war, so fand man wohl nirgends in Konstantinopel die Gewürze, die man hier im Palast verwendete und die das Geschmackserlebnis in gerade zu himmlische Höhen hoben.
Gespannt und schweigsam verfolgte er mit Neugier, wie der Kaiser den Diener anherrschte, den Wünschen seines Gastes nachzukommen. Nur kurze Zeit später waren mehrere Krüge Bier angeschafft worden, die allesamt auf dem Tisch abgestellt wurden. Leon erhob sich, schritt gemächlich zu den Gefäßen und begutachtete deren Inhalt. Hier und da blieb er stehen, schnüffelte kurz und ging dann weiter. Es war an der Zeit, herauszufinden, wie weit er dieses Spielchen treiben konnte. Bei einem besonders dunklen Bier blieb Leon erneut stehen, nahm den Krug und gönnte sich eine Kostprobe direkt aus dem Krug. Er prustete in das Gefäß hinein, als verschluckte er sich und schleuderte den Krug samt Inhalt nach dem Diener. "Willst du mich vergiften, du Hund?", keifte er und kam dabei in Tonfall und Manier ganz ähnlich an die Vorstellung des Kaisers heran, die er nur wenige Minuten zuvor abgeliefert hatte. "Ist ja widerlich, das Gebräu!" Mit Nachdruck schnitt er eine weitere Grimasse, eher er wahllos nach einem anderen Bierkrug griff, daran schnupperte und schließlich auch daraus probierte. "Fein", kommentierte er das Gesöff, "ich erlaube dir, mir hiervon zu kredenzen." Erhobenen Hauptes marschierte er einer Ente gleich zurück zu seinem Platz, ließ sich nieder und beobachtete wie der durchnässte und nach Bier stinkende Diener ihm aus dem auserwählten Krug nun einschenkte.

"Auf Euer Wohl Kaiser, auf Euer Wohl!", prostete Leon seinem Gegenüber zu und gönnte sich einen tiefen Schluck. "Adel verpflichtet nun mal", antwortete er auf die Bemerkung des Autokrators und wusste selbst nicht genau, was er damit eigentlich meinte oder was er damit sagen wollte. Aber Romanos würde sich schon einen Reim daraus machen. "Es gibt Dinge, die so falsch sind, dass nicht einmal ihr Gegenteil der Wahrheit entspricht. Ich bin gerade einmal ein paar Minuten hier und doch habe ich eines gesehen: Die Menschen sagen Euch doch nur das, was sie denken was Ihr hören wollt. Alles Taugenichtse."
Diese letzten Worte entsprangen ganz und gar nicht dem Spiel, das hier gespielt wurde, sondern spiegelten Leons ehrliche Meinung über die hohen Herren dieser Welt wider. Man war im Adel so sehr auf die Karriere konzentriert, dass man völlig verblendet von der eigenen Falschheit war. Nicht selten wurden daher vor allem einflussreiche und vermeintlich mächtige Leute zu Leons Opfern - sie waren zwar deutlich schwerer zu beklauen, doch kam zur Beute das wohlige Gefühl, jemanden bestraft zu haben.
Leon wischte sich mit einer Serviette aus schwerem Stoff den Mund ab und griff erneut nach dem Ring, den ihm der Kaiser vorhin vor die Nase gelegt hatte. Mit einer geschickten Bewegung schnippte er ihn seinem eigentlichen Besitzer zurück. "Ich bin nicht käuflich. Von niemandem." Erneut leerte er seinen Becher in einem Zug und gab dem immer noch triefnassen Diener als hätte er sein Leben lang noch nichts anderes getan mit einem Schnipsen das Zeichen, nachzuschenken.

10

Sonntag, 6. Januar 2019, 02:18

Dass sich Belisarios Arianites wohl eine Art Belohnung für seine Dienste erhofft hatte, ging nun vollends unter. Sollte ihn der Mystikos ein ander Mal drauf ansprechen, die kaiserliche Aufmerksamkeit galt nun "Hermes". Sichtlich ergötzend war es für den Gast, als der Privatsekretär des Kaisers den Raum zu verlassen hatte. Dass damit der kritische Dritte auf einmal in der Runde fehlte, der sich von diesem Spiel nicht hatte beeindrucken lassen, mochte dem Gast entgegenkommen. Der Kaiser nämlich wirkte überaus angetan. Gerade weil sich "Hermes" sehr herrisch gegenüber dem Diener gab, entsprach er dem, was sich Romanos von einem Gott erhofft hatte. Zweifellos hätte der Lakai unter anderen Umständen den Teufel getan, einer solchen frechen Order irgendeines Emporkömmlings zu folgen, doch da der Kaiser es absegnete, hatte er gar keine andere Wahl.

"Sehr schön! Du weißt, wie mit hiesiger Dienerschaft umzuspringen ist", lachte Romanos und erhob sich spontan, nachdem der Bierkrug auf den armen Mundschenk geflogen war. Gedemütigt hatte der sich wohl ein kaiserliches Machtwort erhofft, doch blieb ein solches aus. Er klatschte belustigt und nickte zustimmend. Die Sauerei, die dadurch entstanden war, durfte der gefrustete Diener ebenfalls beseitigen, bevor er daran gehen musste, dem "Hermes" immer wieder nachzuschenken. Gern erhob auch der Kaiser seinen Kelch, als ihm der "Gott" zuprostete. "Auf Hermes, den Göttlichen!", stimmte er als Trinkspruch an.

Schließlich verlieh derselbe seinem Empfinden Ausdruck, dass sich all die Hofschranzen in einer Schleimspur wälzten und mit ihrer wahren Meinung hinterm Berg hielten. Dies ließ den Kaiser innehalten und machte ihn nachdenklich. "Deine Beobachtungsgabe spricht eindeutig für dich. Es braucht also eine Gottheit, um mir dies begreiflich zu machen." Langsam schritt er den Tisch der Länge nach ab und trat auf "Hermes" zu, zu welchem er bisher einige Distanz gewahrt hatte. Beim Herüberschreiten flog ihm auf einmal der besagte Diamantring wieder entgegen, den Romanos gekonnt auffing. Diese Ansage, dass er nicht käuflich sei, beeindruckte den Kaiser nachhaltig, so dass er einen Moment innehielt und sich immer sicherer wurde, einer wirklich ehrlichen Haut gegenüberzustehen. "Du gefällst mir", sprach er schließlich und setzte sich auf den freien Stuhl, der direkt neben jenem Leons stand, nun vielleicht einen halben Meter von ihm entfernt. Dazu legte er ihm bedeutungsschwer die rechte Hand auf die Schulter und starrte ihn unablässig an. "Soll ich den Kerl hinausschicken?", fragte er nach und meinte damit den sichtlich an seine Grenzen gebrachten Diener, der wohl nichts danach gefragt hätte, dieser Hölle zu entkommen.

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Montag, 7. Januar 2019, 22:32

Der Winter war über Konstantinopel hereingebrochen und in den letzten Tagen war vereinzelt sogar Schnee gefallen. Die Gärten waren des Morgens von Frost überzogen und die Teiche waren über Nacht immer wieder zugefroren. Tagsüber wurde es nur kaum merklich wärmer und wer nicht musste, ging nicht vor die Tür. Da war es natürlich praktisch, Schwester des Kaisers sein und im Palast zu wohnen, dessen Wohnräume durch ausgklügelte Fußbodenheizungen stest mauschelig warm gehalten wurden. Theophano setzte sich an einem solchen kalten, möglicherweise gar verregneten Tag vor den Kamin, nahm ein gutes Buch zur Hand und verirrte sich in den fernen Welten ihrer Fantasie und der Geschichten. Nur selten ging sie mit ihren Kindern nach draußen, bei derartigen Wetterlagen schickte sie dann doch lieber eine der Hofdamen.
Zu alldem kam hinzu, dass Friede eingekehrt war im Römischen Reich. Nach einem recht ereignisreichen Jahr war es ungewöhnlich ruhig geworden um Romanos, der sich nur selten zeigte. Außerdem war Zenon zum Basileus ernannt worden, was ihm deutlich mehr Zeit bescherte, als er früher hatte. Zu Zeiten seines Daseins als Kouropalates und Kanzler war er stets beschäftigt und unterwegs gewesen. Nun verbrachte er deutlich mehr Zeit mit seiner Familie, den Kindern - und mit ihr. Die Ehe war neu aufgeblüht und hatte einen neuen Höhepunkt erreicht. Theophano war glücklich wie lange nicht mehr. Einzig was ihr Kummer besorgte war ihr Bruder, der sich mehr und mehr abschottete. Kürzlich hatte er seinen einstig engen Freund und Vertrauten Damianos Doukas seines Postens als Parakoimomenos verwiesen. Wenngleich der Doukas den Kaiser sicherlich bitter enttäuscht und seine Absetzung verdient hatte, so konnte Theophano dennoch beobachten, dass ihrem Bruder die Sache zusetzte. Er hatte mit Damianos' Niedergang schließlich einen Freund verloren, einen der engsten, die er hatte. Umso schlimmer war das Ganze, weil Romanos in der Vergangenheit immer wieder schlechte Erfahrung mit diesen Eintagsfliegen machen musste, die ihren Kaiser hängen ließen, wenn sie erst einmal Ruhm und Macht erlangt hatten. Vor allem das Amt des Parakoimomenos schien dafür prädestiniert, wechselte das Amt den Amtsträger doch teils mehrmals im Jahr. Und weil Theophano sich um ihren Bruder sorgte, hatte sie den heutigen Abend auserkoren, um nach ihm zu sehen, ihm eine Schulter und ein Ohr anzubieten. Sie konnte es nicht aushalten, dass ihr geliebter Bruder sich verkroch und in seinem Gram alleine war. Dass er großen Trost in Ismene finden konnte, bezweifelte Theophano, machte die Ehe doch von Beginn an einen eher distanzierten und kühlen Eindruck auf sie.

Die Basilissa hatte daher am heutigen Abend die kaiserlichen Gemächer aufgesucht. Aufgrund ihrer Position ließen die Wachen sie widerstandslos passieren, sodass sie mitten in dieses merkwürdiges Diner platze, das hier veranstaltet wurde. "Romanos", brachte Theophano heraus und blickte zu Hermes, der eigentlich Leon hieß. "Ich... ich wusste nicht, dass du Besuch hast..."

12

Montag, 7. Januar 2019, 22:52

Leons Eindruck bestätigte sich, als der Kaiser sich ganz offen beeindruckt von der Art seines Gastes, mit der Dienerschaft umzuspringen zeigte. Leon blieb nicht mehr als ein dickes Grinsen, seine Grenzen hatte er bisher noch nicht gefunden. Noch beeindruckter schien Romanos allerdings von Leons Worten zu sein, als dieser ihn auf das Offensichtliche hinwies. "Und Mystikos, der Schleimer? Was habt Ihr verbrochen, um Euch mit dem abzugeben? Eine Prüfung der Götter gar?", fragte er neckisch und trank von seinem Bier, welches wirklich äußerst exquisit schmeckte. Der Kaiser erhob sich und fing den Ring auf, den Leon ihm zugeschnippst hatte. Nicht, dass dieser gar den Wert des Schmuckstücks verkannt hatte, in der Tat war der Ring wohl unbezahlbar, wusste man, von wem er stammte. Andererseits hätte man jemandem wie Leon kaum geglaubt, durch legale Mittel an den Ring gekommen zu sein, was ihn gezwungen hätte, ihn einem Hehler feil zu bieten, der ihn wohl deutlich unter Wert gekauft hätte. Nein, doch wäre Leon nicht Leon, wenn er am Ende des Tages nicht genau das hätte, was er haben wollte. So stand für ihn fest, dass er den Palast nicht mir leeren Händen verlassen würde. Vielleicht würde es der Ring werden, vielleicht etwas anderes. Dass Romanos einer ehrlichen Haut gegenüber stand war jedenfalls weit von der Wahrheit entfernt.

"Auch Ihr gefallt mir, Kaiser", antwortete Leon und grinste erneut. "Soll ich ihn rausschicken?", fragte der Kaiser doch bevor 'Hermes' antworten konnte, wurde die Tür erneut geöffnet und ein Wesen trat ein, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Aschblondes Haar, feine Haut und tiefblaue Augen hatte dieses gottgleiche Geschöpf, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Ein betörender Duft schlug Leon entgegen und schlich sich ihm in die Nase, ihn völlig in den Bann dieser Schönheit ziehend. Leon räusperte sich, sprang gar auf und deutete eine Verneigung an. Es brauchte zwei Anläufe, bis er schließlich seine Stimme wiedergefunden hatte. "Wollt Ihr uns nicht einander vorstellen, Kaiser?", fragte Leon fast flüsternd, diese Frau nicht aus den Augen lassend.

13

Dienstag, 8. Januar 2019, 00:14

Der göttliche Gast brachte den Kaiser dazu, sich selbst zu hinterfragen. Wieso gab er sich mit irgendwelchen mittelmäßigem Gesindel ab? Die Frage war eigentlich berechtigt. Der neue Mystikos war da nur ein Beispiel von vielen. Wirklich herausragende Persönlichkeiten umgaben Seine Majestät nur in den wenigsten Fällen. "Mitleid, vielleicht war es pures Mitleid ...", murmelte Romanos und wirkte ein wenig in sich selbst gekehrt. Einen besonders augenfälligen Grund, wieso der Arianites neuer Mystikos geworden war, gab es ja wirklich nicht. Er stand eben zufällig in der Nähe, als der Kaiser einen Nachfolger suchte. Und ganz bescheuert war er eben auch nicht, also bekam er den Posten. "Immerhin hat er mir dich vermittelt, daher kann er nicht ganz wertlos sein", grinste der Kaiser und war sich sicher, dass "Hermes" da zustimmen würde.

Gerade erwiderte die "Gottheit", dass auch ihr der Autokrator gefiele und es schien sich in eine Richtung zu entwickeln, die Seiner Majestät zusagte – da platzte unvermittelt Theophano, des Kaisers Lieblingsschwester herein. Wieso, wusste keiner. Es kam nicht allzu oft vor, dass sie ihn von sich aus aufsuchte. Wieso gerade jetzt? Warum genau in diesem intimen Moment?! Es war zum Mäusemelken. Romanos musste schon sehr tief durchatmen, um jetzt die Nerven zu behalten. Was zur Hölle wollte sie jetzt überhaupt?! Sein Gast schien indes recht angetan zu sein von ihrer Präsenz. Zumindest wollte er ihr vorgestellt werden. Romanos war mit der Situation heillos überfordert und wusste eine gefühlte Ewigkeit nicht, wie er darauf reagieren sollte. Das ganze Konzept war mit einem Schlage zerstört worden. Einen Plan B gab es nicht.

Er schnaufe hörbar durch und verdreht die Augen. Er liebte seine Lieblingsschwester ja abgöttisch, aber sie war dermaßen fehl am Platze, dass es nicht zu toppen war. "Theophano, was führt dich hierher?", begann er freundlich und zog seine Hand von der Schulter des "Hermes" erst einmal zurück. Sie störte die Intimität empfindlichst. "Siehe, das ist Hermes. Ich habe ihn durch einen glücklichen Zufall entdeckt." Dies mochte ihr spanisch vorkommen, aber was scherte es den Kaiser. Vermutlich wären die beiden glücklich gewesen, hätte sie der Kaiser jetzt allein gelassen, aber diesen Gefallen tat ihnen Romanos natürlich mitnichten.

"Gibt es irgendetwas Dringliches? Ich bin nämlich im Augenblick an und für sich beschäftigt", führte er aus und hoffte, sie würde verstehen. Sollte "Hermes" bloß keinen Narren an seiner Schwester fressen. Er war schließlich auch noch da! Aber es kam ja immer irgendetwas dazwischen. Da er nicht vorhatte, sich allzu lange mit ihr aufzuhalten, bot er ihr auch kein Getränk an. Vielleicht hatte sie ja Zenon, der Unverbesserliche, geschickt. Der mischte sich auch überall ein und gebärdete sich langsam so, als würde eigentlich er herrschen.

14

Dienstag, 8. Januar 2019, 02:33

Theophano gehörte wohl zu den wenigen Menschen, die Romanos lesen konnten wie ein Buch. Andere, die sich zu diesem erlesenen Kreis zählen durften waren zweifellos Helena, die Kaiserinmutter, die Romanos nicht nur durchschauen, sondern auch frei manipulieren konnte; wohl ohne dass dieser es merkte. Außerdem wäre da Zenon, der seinen besten Freund viele Jahre kannte und dadurch auch dessen Macken, Methoden und Denkweisen kennen lernen konnte. Auch Zenon hatte ein gewisses Talent, den Kaiser von seinen Plänen und Ideen zu überzeugen. Und so merkte Theophano natürlich auch, wenn sie nicht erwünscht war. Inzwischen waren die Neigungen und Vorlieben des Kaisers kein Geheimnis mehr, die Gerüchte hatten es sogar bis in die Stadt geschafft, wenngleich auf die Meinung des Volkes niemand im Palast so recht etwas gab. Der engere Kreis um die Kaiserfamilie allerdings wusste sehr wohl, was sich hinter den Türen der kaiserlichen Gemächer abspielte, wenn dieser dort mit Männern wie Tiberios, Konstantinos und dergleichen zugegen war.
Der Basilissa war nicht entgangen, dass Romanos zügig, aber unauffällig die Hand von der Schulter seines Gastes zog, den sie hier noch nie gesehen hatte. Ein neuer Höfling? Ein Eunuch gar, der dem Kaiser gefallen wollte, um sich an dessen Macht zu bereichern?
Jener junge Mann forderte den Kaiser auf, ihn ihr vorzustellen, ehe Romanos überhaupt auf seine Schwester reagieren konnte. Theophano musterte diesen "Hermes" skeptisch von oben bis unten. Jeder, der versuchte, ihren Bruder auszunutzen, war ihr von Beginn an suspekt. "Erfreut", antwortete sie der Höflichkeit halber und nickte kaum merklich. Ihre Worte klangen ungewöhnlich kalt aus ihrem Mund; ungewöhnlich, weil Theophano bekannterweise die Sonne in persona war, die strahlte und alle um sich herum glücklich machte. Hier allerdings wirkte sie recht distanziert. "Ein Zufall also", wiederholte sie die Worte ihres Bruders und warf noch einmal einen kurzen Blick auf dessen Besucher, der sie unentwegt anstarrte. "Nun, liebster Bruder, ich wollte nur nach dir sehen. Zu viel Zeit ist seit unserer letzten Zweisamkeit vergangen, doch will ich dich nicht stören bei so einem wichtigen... Gespräch." Was hier vor sich ging war zweifellos erkennbar, war die Tafel doch fürstlich gedeckt, außer den beiden und nur wenigen Manglabitai jedoch niemand anwesend. Theophano seufzte. Eines Tages würde Romanos diese ganze Sache auf die Füße fallen. "Verzeih die Störung. Ich würde mich freuen, wenn wir uns bald wieder sehen." Ganz ungewöhnlich für die Basilissa hatte sie ihren Bruder mit keiner herzlichen Umarmung begrüßt, auch der standardmäßige Kuss auf die Wange war ausgeblieben. Geschichten über die Vorlieben ihres Bruders waren zum Alltag geworden und Theophano hatte sich nicht groß daran gestört, jedoch mehr oder weniger in eine solcher... Geschichten zu stoßen hatte sie etwas überrannt und wenn sie ehrlich wahr, wollte sie damit nichts zu tun haben; sie müsste nur an Ismene und die Kinder denken und an die Gefahr, in die sich Romanos begab, wenn er sich der Sodomie hingab. So blieb sie jedenfalls auf Distanz und nickte Romanos lediglich zu. "Bis bald, Majestät", verabschiedete sie sich und drehte sich um, ging einige Schritte und blieb stehen. "Hermes." Ohne sich umzudrehen, verabschiedete sie sich auf ihre ganz eigene Weise von dem Gast ihres Bruders und ließ sich von einem Leibwächter die Türe öffnen, ehe sie die Gemächer wieder verlassen hatte.

15

Mittwoch, 9. Januar 2019, 01:51

Eigentlich war Theophano ja die absolute Lieblingsschwester von Romanos. Zu keiner anderen hatte der Kaiser einen solch exzellenten Draht. Sie waren seit Kindheit an am engsten verbunden gewesen von allen Kindern des Ehepaares Konstantinos VII. und Helena. Daher war die Nüchternheit, mit der diese unverhoffte Begegnung nun stattfand, wohl für beide überraschend. Ein unbedarfter Beobachter hätte die Szene wohl gar als recht herzlich beschrieben, doch für Romanos' und Theophanos Verhältnisse war sie geradezu frostig. Was also war geschehen? Man durfte vorausschicken, dass es nichts mit ihm oder ihr direkt zu tun hatte, eher mit der gegenwärtigen Situation. Denn die Anwesenheit eines wohl für die Basilissa offenkundigen Nichtaristokraten mochte auch sie zum Nachdenken bringen. Nie hatte sie ihren Bruder bezüglich seiner von ihm gewählten Umgebung gerügt, nie direkt interveniert, obwohl ihre Meinung für den Kaiser womöglich von erheblicher Bedeutung gewesen wäre. Sie kannte ihn besser als die allermeisten und wusste wohl allzu gut, wie er tickte. Theo, wie er sie gerne nannte, konnte sich wohl selbst einen Reim machen, was dies zu bedeuten hatte. Die Abkehr von alteingesessenen Adelssprösslingen mochte die logische Konsequenz sein aus den zahlreichen Enttäuschungen. Und doch hatte der Hochadel bisher eben gewusst, dass er seine Söhne an den Hof schicken konnte, wo sie fürs eigene Haus Einfluss ausüben konnten, indem sie in den Dunstkreis Seiner Majestät kamen. Die Glanzzeiten dieser Ära schienen zumindest im Niedergang begriffen. Dass nämlich ein Gemeiner unbekannter Herkunft nun in den kaiserlichen Gemächern saß und von Allerhöchster Stelle als Gottheit bezeichnet wurde, war nun doch ein Novum. Die Kerle von der Straße hatten keine Hausmacht und waren völlig von der Willkür des Herrschers abhängig, so dass sie nicht darauf spekulieren konnten, ihre mächtige Familie würde im ärgsten Falle schon das Schlimmste verhindern. Damianos Doukas etwa hatte zwar seine wichtigsten Ämter verloren, aber war immer noch als Nobelissimos quasi Mitglied der kaiserlichen Familie. Denn gar zu sehr wollte nicht einmal Romanos die Doukai brüskieren, die immerhin eines der ältesten Geschlechter Roms darstellten. Bei diesem Typen, der nun eben als Hermes firmierte, waren derlei Bedenken hinfällig. Niemand von Bedeutung würde für ihn Partei ergreifen, wenn er die Gunst des Kaisers verspielte.

Selbstredend hatte sich die Schwester wohl mehr erhofft von ihrem unangekündigten Besuch. Dass sie ihn nur kurz sehen habe wollen, nahm ihr auch Romanos nicht ab. Sie wollte allen Beteiligten indes eine Szene ersparen und drehte daher wieder ab. Natürlich hätte sie theoretisch bleiben können, doch nahm sie eben stets Rücksicht auf ihren Bruder, dem dies vielleicht nicht ganz so recht gewesen wäre, auch wenn er sie sicherlich nicht hinausgeschmissen hätte. Ihr taktischer Rückzieher war also die beste Lösung. "Ich werde in den kommenden Tagen nach dir rufen lassen, allerliebste Schwester", gelobte der Kaiser, durchaus ehrlich gemeint, bevor sie sich wieder zurückzog. Er blickte ihr noch eine ganze Weile nach und bemerkte, dass sein Gast es wohl gern gehabt hätte, wäre sie noch etwas geblieben. Vorsichtshalber gab er der Wache nun die Order, absolut niemanden mehr vorzulassen, nicht einmal seine eigene Mutter.

"Theophano, eine meiner Schwestern", erklärte er ihm schließlich, um dieses Rätsel zu lüften. "Sie sorgt sich ganz rührend um mich." Dies musste noch extra betont werden, sollte "Hermes" es doch ruhig wissen (auch wenn er es als "Gott" sowieso gewusst hätte). "Wo waren wir stehengeblieben?", versuchte der Kaiser schließlich, wieder da anzuknüpfen, wo man gerade etwas unsanft unterbrochen worden war. "Ach genau. Der Grund, wieso ich dich hierher bestellte, wurde dir vermutlich schon erläutert. Es geht um Statuen. Auch Hermes, der findige Fuchs, sollte verewigt werden." Damit strafte Romanos diejenigen Gerüchte Lügen, dies alles sei ein bloßer Vorwand, um irgendwelche Jünglinge anzulocken. Er musterte ihn abermals. "Ein Herakles wirst du nicht mehr, aber das ist auch gar nicht nötig", grinste er in einer Mischung aus Witz und Spöttelei. "Entkleide dich ein wenig", sprach er sodann, nur um sich im selben Augenblick abzuwenden, als wollte er damit mit seiner eigenen soeben erteilten Order nichts zu tun haben. "Man muss sich schließlich ein Bild machen", fügte er wie entschuldigend hinzu und schritt ein wenig an der Tafel entlang. Sollten diese ganzen Gerüchteverbreiter doch glauben, was sie wollten. Mit der Realität bei Hofe hatte das Geschwätz, das man sich in den Tavernen angeheitert erzählte, ohnehin nichts zu tun. Sie alle verkannten den Kaiser, der sich sicherlich nicht in der kolportierten profanen Weise gab, wie es seine Kritiker gerne gehabt hätten. "Hier gilt's der Kunst allein", prostete er "Hermes" zu. "Ich bin ein moderner Maecenas." Auf den ging der Begriff des Mäzen zurück.

16

Donnerstag, 10. Januar 2019, 00:02

Leon hatte tatsächlich nur Augen für diese Frau, die wunderschönste Frau, die ihm in seinem kurzen Leben bisher begegnet war. Die gesprochenen Worte blendete er nahezu aus, der bekam nur dunkel mit, dass es sich wohl um die Schwester des Kaisers handeln musste. Er folgte ihr mit seinem Blick, bis sie wieder verschwunden war, zutiefst betrübt, dass sie den beiden nicht etwas länger Gesellschaft leisten würde. "Jausa. Was für eine Frau!", brachte er heraus, blickte dann kurz zum Kaiser und merkte, dass er für einen Moment aus seiner Rolle gefallen war. "Ich meine... Göttin! Was für eine Göttin! Das muss Aphrodite sein, die direkt unter deiner Nase haust, Kaiser. Sie wacht über dich, sagst du? Kein Wunder, dass du alles hast, wenn es gar die Götter gut mit dir meinen, hehe!"
Die letzten Worte sprach "Hermes" schnell, wollte er doch über sein recht pubertäres Verhalten, das dem vorausgegangen war, hinwegtäuschen.

Der Kaiser kehrte dann recht schnell wieder zu dem Thema zurück, weswegen man Leon entführt hatte. Es ging wohl um irgendwelche Statuen. Solche hatte er natürlich schon gesehen, doch war er nicht davon ausgegangen, dass dafür wirklich Leute Modell stehen mussten. Sicher, wenn irgendein reicher Schnösel sich selbst verewigt haben wollte, war das wohl was anderes, aber hier ging es doch um reine Fantasiewesen. "Und die Künstler in Eurem Reich schaffen es nicht, dies ohne Vorlage zu tun?", fragte er ehrlich verwundert. Dann wollte der Kaiser, dass Leon sich gar entkleidete. Ging es hier etwa doch um irgendwelche sexuellen Dienstleistungen? Schnell verscheuchte Leon diesen Gedanken wieder, hatte doch bisher nichts auf etwas in diese Richtung hingedeutet. "Ist der Künstler denn schon da?", fragte er, ehe er überhaupt auf den Gedanken kam, sich auszuziehen. "Oder gebt Ihr Euch gar selbst der Bildhauerei nach?" Solange der Mann, der Leon verewigen sollte, nicht hier war, gab es schließlich keinen Grund, sich zu entkleiden - er würde es jedenfalls nicht tun, um des Kaisers Gelüste zu erfüllen.
Obwohl dieses Treffen sicherlich das Merkwürdigste war, das Leon jemals erleben durfte, fing die Sache an, ihm Spaß zu machen. Er liebte die Herausforderung und dieses Treffen war eine. Fest stand auch, dass Leon nicht mit leeren Händen nach Hause gehen würde - er musste nur den passenden Moment abwarten.

17

Donnerstag, 10. Januar 2019, 00:31

Theophano schien den "Göttlichen" sichtlich aus dem Häuschen gebracht zu haben. Dies zeigte, dass er letztlich auch nur wie irgendein x-beliebiger Kerl tickte. Kaum sahen sie ein hübsches Weib, setzte der Verstand aus. Diese Schwäche hatte Romanos nicht und musste schmunzeln. Er kommentierte "Hermes'" Worte nicht direkt, sondern dachte sich nur seinen Teil dazu. So groß war seine Begeisterung jedenfalls nicht gewesen, als er den Kaiser zu Gesicht bekommen hatte. Dies brachte Romanos zum Grübeln. Ob der Bursche hier wirklich an seinem Autokrator interessiert war oder sich nur wie ein Poseur gab, um gut anzukommen?

Die nachfolgenden Worte ließen darauf schließen, dass "Hermes" alles gerne hinterfragte, und war es selbst eine kaiserliche Anordnung. Er wunderte sich nämlich, wieso nicht gleich ein Künstler anwesend war. "Ich selbst bin ein Künstler, wie Nero vor mir!", erwiderte Romanos dann mit Nachdruck und wirkte nicht mehr ganz so freundlich wie noch vor einem Augenblick. "Wenn ich wollte, könnte ich es auch selbst zustande bringen. Aber ich will gar nicht. Wozu ist man schließlich Kaiser?" Selbstverliebt grinste er ihn an und griff wiederum zu seinem Weinkelch, von welchem er einen Schluck nahm. "Worauf wartest du noch?", fragte er ihn dann auffordernd und umfasste den Griff seines Kelches fester. "Das war ein Befehl." Die beiden Wachen wurden hellhöriger und machten sich darauf gefasst, dass sie gleich gebraucht würden, um "nachzuhelfen", sollte sich der "Gott" weiter zieren. Derweil schritt Romanos zu einem Schränkchen und griff nach einem Pergament und einer Feder. "Zeichnen kann ich – und zeichnend befehlen." Hatte "Hermes" denn geglaubt, der Imperator sei außer Stande, sich eine Skizze eigenhändig anzufertigen?

18

Donnerstag, 10. Januar 2019, 01:50

Leon grinste. Er grinste, doch tat er dies hinter vorgehaltener Hand. Sein Grinsen war gar so breit, dass er sich sogar den Bierkrug vors Gesicht halten musste, dass Romanos es nicht sehen konnte. Dieser Mann, der Kaiser, die mächtigste Person der Welt, war so einfach zu bedienen wie ein kleines Kind in den Gossen der großen Stadt. Leon lernte schnell und mehr und mehr wurde ihm bewusst, wie er die Knöpfe seines Gastgebers drücken konnte. Romanos war wirklich einfach aus der Ruhe zu bringen. Dies war Leon bereits aufgefallen, als seine Schwester unangekündigt aufgetaucht war. Wie sehr es ihn aus dem Konzept gebracht hatte, eine Kleinigkeit, die er nicht kalkuliert hatte, war dem Götterboten nicht entgangen.
"Was wäre auch ein Kaiser, den die Muse nicht küsst", antwortete Leon schlagfertig und herausfordernd, sein Glas dabei erhebend. Natürlich konnte er, wollte er aber nicht. So sagten es auch immer kleine Kinder, wenn sie mit Fähigkeiten angaben, die sie nicht besaßen.
Romanos schritt zu einem Schränkchen und holte Feder und Papier daraus hervor. Leon schritt auf ihn zu, setzte sich behände auf das Schränkchen und beugte sich zum Kaiser. "Unzählige Bilder muss es von dir geben, Romanos, oh Kaiser der Sterblichen. Doch sag mir, hat je ein Gott ein Abbild von dir erschaffen? Hat je ein Gott einen Sterblichen für die Ewigkeit festgehalten?" Leon flüsterte beinahe, sprach leise und ließ seine Stimme den Kaiser umgarnen. "Mächtiger der Mächtigen, Kaiser der Kaiser. Ich will dir ein Ebenbild erschaffen, das eines Gottes würdig ist."

19

Donnerstag, 10. Januar 2019, 02:12

Schlagfertig war er schon, das musste man "Hermes" lassen. Aber genau das bewies ja auch, dass er eines Götterboten würdig war. Romanos hatte ihn nicht ohne Bedacht dafür auserwählt. "Allzu viele meiner Vorgänger küsste die Muse nicht im Geringsten, mein Lieber", führte er daraufhin aus und sprach die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, denn wer hielte grottenschlechte Kaiser wie Alexandros II., den Oheim seines Vaters, für von der Muse geküsst? "Leider gelangen in diesen modernen Zeiten nicht immer wahre Künstler auf den Thron." Das meinte er sogar ehrlich, weswegen er darauf hin arbeitete, dass sein eigener Sohn und Thronfolger kunstsinnig werden würde.

Gerade als Romanos drauf und dran war, sich selbst als Zeichner zu betätigen, platzte "Hermes" dazwischen und schien gewillt, den Spieß gewissermaßen umzudrehen. Zunächst schaute ihn der Kaiser etwas verwirrt an. Was er damit bezweckte, war ihm aber irgendwie einerlei, klang es doch auf eine Art verlockend. "Hm, du willst dich doch nicht etwa drücken?", witzelte der Kaiser und blickte zum "Gott", der nun auf dem Schränkchen saß. "Statuen und Büsten gibt es von mir so einige, sieh dich doch hier um." Tatsächlich standen da welche, neben denjenigen früherer Herrscher. Er trat an ihn ganz nah heran. "Spüre den Atmen eines Sterblichen, Gottheit." Tatsächlich musste "Hermes" diesen nun wahrnehmen, hauchte ihn der Kaiser doch an. Dann öffnete er sein eigenes Obergewand ein klein wenig und hielt zunächst inne. Er starrte ihm direkt in die Augen, bevor es es bei "Hermes" genauso handhabte. Ehe man sich versah, war dessen Hemd geöffnet. "Ich wollte schon immer den Busen einer Gottheit bestaunen ...", murmelte er, ein wenig in sich gekehrt. Schließlich fuhr er mit der eigenen Handfläche langsam über den "göttlichen" Brustkorb und drückte "Hermes" dabei ein wenig nach hinten, gegen die Wand. Ihm gleichsam zuflüsternd, sprach er weiter: "Willst du mich heute Nacht mit deiner Gesellschaft adeln, Hermes? Ich werde dich nicht zwingen, doch sage es mir hier und jetzt. Dann kannst du mich auch zeichnen ..." Er harrte seiner Reaktion.

20

Donnerstag, 10. Januar 2019, 02:38

Je mehr der Kaiser sprach, desto mehr Sinn ergab dieses merkwürdige Treiben für Leon. Eines war deutlich zu verstehen: Im Grunde war der Kaiser einsam. Es schien fast so, als sehne er sich nach Gesellschaft, die ihn nicht um des Machthungers Willen begleitete, sondern nach ehrlicher, auf Augenhöhe passierender Gesellschaft. Das war wohl der Grund, warum er und seine Schwester sich so nahe standen, sie brauchte ihn nicht, um ihre Position zu stärken, sie war eben da und existierte einfach nur... wie eine Göttin.
Erst jetzt sah sich Leon das erste Mal seit seiner Ankunft so wirklich in den Gemächern um. Bisher hatte er mehr Augen für seinen Gastgeber gehabt, denn jemanden, der einen entführte, sollte man wohl besser nicht aus den Augen lassen. Der Raum war voll gestopft mit Kunstgegenständen und allerlei Firlefanz, der dem Gerücht der Pompsucht der Byzantiner mehr als gerecht wurde. Und tatsächlich, hier und da konnte Leon ein Gemälde, eine Büste oder gar eine Statuette ausmachen, die den Kaiser zeigten. Es stimmt wohl, was man sagte, bei den Mächtigen ließen die Künstler jeden Makel aus und stellten den Gemalten im ersehnten Schönheitsideal dar. Kein Wunder, dass Herrscher so überzeugt von sich waren.
Der Kaiser reagierte nicht ganz so, wie Leon es sich erhofft hatte, obwohl er nicht sicher war, was er sich eigentlich erhofft hatte. Zumindest schien er Romanos wieder auf die gutmütigere Schiene gebracht zu haben, wirkte er doch bis eben etwas verstimmt und trotzig. Gar zum Scherzen war der Kaiser aufgelegt. Dieser näherte sich ihm nun auf wenige Zentimeter und raunte ihm zu, Leon solle seinen Atem spüren. Den spürte er, und wie; schlug ihm doch eine starke Alkoholfahne entgegen, die den Götterboten nur kurz aus dem Konzept brachte. Von den Ecken und Kneipen, in denen er sich herum trieb, war er deutlich schlimmere Gerüche gewohnt. Nun öffnete Romanos sein eigenes Hemd, dann das seines Gastes. Leon ließ ihn gewähren, alles andere wäre im Angesichts der kurzen Zündschnur, die Leon mehr als richtig erahnte und der Wachen im Raum auch töricht gewesen. Spielte Leon nicht mit, würde er letzten Endes wohl im Kerker landen - oder schlimmer: am Galgen. Leon setzte also ein verführerisches Gesicht auf und beugte sich erneut zum Kaiser, so dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. Der Kaiser ging nun sogar soweit, Leon vorzuschlagen, er wolle doch die Nacht mit ihm verbringen. "Mit seiner Gesellschaft adeln" nannte Romanos das, was Leon eindeutig als Einladung zur körperlichen Hingabe verstand. Leon grinste. Wenn es um die Fleischeslust ging, so war er nicht wählerisch, was das Geschlecht anging. Er legte seine Hand auf die des Kaisers, führte sie zu seinen Lippen und küsste sie, eher er seine andere Hand darauf legte. "Oh Kaiser, denkst du nicht, dass dies ein Moment ist, der absolute Zweisamkeit erfordert?" Sein Blick ging auffordernd in Richtung der Manglabitai, die trotz der grotesken Situation keine Mine verzogen. "So will ich, Hermes, dir ein göttliches Ebenbild erschaffen, auf dass du eines von mir erschaffen sollst." Dass zwischenzeitlich zwei der kaiserlichen Ringe von Romanos' Hand verschwunden waren, dürfte ihrem Besitzer wohl kaum aufgefallen sein. Schließlich war Leon Profi.

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