Sie sind nicht angemeldet.

Selfhtml

Rhomäisches Reich: Vor Edessa ist es zur Entscheidungsschlacht zwischen römischen und muslimischen Truppen gekommen.
Kirchenstaat: Der Papst hat Legaten nach Konstantinopel und Augsburg entsandt.

[Doukat Edessa: Stadt Edessa] Der Entsatz von Edessa (März 952)

21

Montag, 18. März 2019, 18:15

Dass sich die bis vor wenigen Jahren noch verfeindeten Hamdaniden und Buyiden, die einst um den Besitz von Bagdad rangen (wobei letztere sich durchsetzten), nun Hand in Hand gingen und gemeinsame Sache machten, musste für das Imperium eine Bedrohung neuen Ausmaßes darstellen. Wie gefährlich der Islam war, wenn er geschlossen auftrat, hatte man ja während der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert schmerzvoll spüren müssen. Nun drohte unter dem verbindenden Dschihad eine Wiederbelebung dieser Konstellation, welche das Rhomäische Reich seinerzeit in seinen Grundfesten erschüttert hatte. Die langfristigen Folgen konnte man sich noch nicht gänzlich ausmalen, doch erkannte Bardas Phokas bereits jetzt, dass dies eine Bedrohung der anderen Art war, wogegen die Ostfranken und selbst die Bulgaren wie kleine Fische wirkten. Die Ostgrenze war stets die heikelste von allen gewesen. Jahrelang hatte dort ein trügerischer Patt geherrscht, aufgrund dessen man in Konstantinopel begonnen hatte, die schlummernde Gefahr mehr und mehr zu unterschätzen. Innere Streitereien und Konflikte im Islam hatten dem Imperium eine trügerische, unwirkliche Ruhe vorgegaukelt. Womöglich waren es schlicht die innermuslimischen Auseinandersetzungen, die dem Reich eine Blütephase beschert hatten.

Jetzt wurde all dies mit einem Male in Frage gestellt. Eine gewaltige sarazenische Armee, deren genaue Größe man zu erahnen konnte, stand den Kaiserlichen urplötzlich gegenüber. Soviel war indes abzuschätzen, dass sie den Byzantinern zahlenmäßig stark überlegen waren und von daher mit äußerster Sorgfalt zu agieren war. Mochten die Scholai und die Hikanatoi auch der Stolz des Reiches sein, so könnten insgesamt 8.000 Mann doch keine Schlacht gegen mindestens drei- wenn nicht viermal so viele Araber gewinnen. Im besten Fall erzielte man ein blutig erkauftes Unentschieden. Eigentlich nicht wirklich eine Option, die dem Reichsmarschall schmeckte. Denn wenn man sich nun mit sämtlichen Truppen in die Schlacht stürzte, riskierte man bei einer Niederlage, dass der Feind weitgehend ungehindert die Grenze überschritt und weit ins Landesinnere vordringen konnte. Nicht auszudenken! Es zeigte sich klar und deutlich, dass die Reichsregierung die Bedrohung völlig unterschätzt hatte und nun ein Debakel drohte, wie es Byzanz seit langem nicht mehr erlebt hatte.

Dies zu vermeiden war die oberste Pflicht der obersten Militärs. Das große Durcheinander, das durch das Erscheinen der buyidischen Truppen des Königs Adud ad-Daula entstanden war, bedingte indes, dass selbst die Generalität nicht mehr so nüchtern-sachlich entschied, wie sie dies wohl sonst getan hätte. Der Reichskriegsminister General Monomachos wählte nämlich tatsächlich den sofortigen Waffengang. Einem Himmelfahrtskommando gleich ritt er mit den Hikanatoi todesmutig ins Gemetzel. Mehr oder weniger deutlich erwartete sich Monomachos wohl, dass der Marschall mitziehen würde. Ohne indes dessen Entscheidung abzuwarten, galoppierten die Hikanatoi auch schon los.

Bardas Phokas hielt inne. Es war, als sei die Zeit kurz stehengeblieben. Obwohl es nur ein paar Sekunden waren, kam es ihm wie eine unendliche Ewigkeit vor. Die höheren Offiziere blickten erwartungsvoll zum Reichsmarschall, der sich nun vor eine denkbar schwierige Entscheidung gestellt sah. Womöglich war es sogar die schwierigste Entscheidung, die er in seiner langen Militärlaufbahn im Felde hatte treffen müssen. Über fünfzig Jahre war er nun Soldat. Wer sonst hätte in diesem Moment weise entscheiden können? Und doch war alle Weisheit in der Situation relativ, gab es doch keine richtige Entscheidung. Denn welche Optionen hatte der Marschall überhaupt?

1. Er konnte es Monomachos gleichtun und sich mit den Scholai ins Feld werfen. Sein Gespür sagte ihm, dass dies bitter enden würde. Schon aufgrund der verheerenden "fliegenden Teppiche" hatte der Feind einen psychologischen Vorteil auf seiner Seite. Auch die Kriegselefanten waren dadurch verwundbar und konnten gar eine Bedrohung für die eigenen Truppen werden. Am Ende verlöre der Kaiser zwei seiner besten Regimenter und wäre die Grenze ungeschützt. Im schlimmsten Falle würden Zehntausende Sarazenen ins Reich einfallen und die östlichen Provinzen verwüsten.

2. Er konnte die Scholai zurückhalten. Doch wie würde dies seinem Rufe schaden? Sehenden Auges würde er den sicheren Untergang der Hikanatoi hinnehmen. Rational gesehen würde so wohl nur ein Tagma vernichtet werden, doch sein Ruf wäre unwiderruflich dahin. Zudem sprach sein eigener Ehrbegriff gegen solch ein Vorgehen, so kühl er auch agierte.

3. Er suchte einen Mittelweg.

"Kentarchos!", rief er zum nächstbesten Offizier, "Nehmt fünf Mann, reitet schleunigst nach Samosata am Euphrat und unterrichtet den dortigen Statthalter von der hiesigen Lage. Fordert Verstärkung aus allen umliegenden Provinzen an. Wir haben keine Zeit, erst in Konstantinopel anzufragen." Dies war wohl wahr. Samosata war die Provinzhauptstadt des Thema Trans-Euphrates und war etwa 80 km entfernt. Es war wichtig, dass die Grenzprovinzen augenblicklich hinsichtlich der gefährlichen Lage in Kenntnis gesetzt wurden. Vom belagerten Edessa aus drang womöglich gar kein Bote mehr durch, so dass es wichtig war, dass man dies nun anderweitig regelte. So konnten sich Truppen aus den umliegenden Provinzen sammeln und eine stattliche Armee zusammengestellt werden, die die Sarazenen nachhaltig in die Schranken verweisen würde. Sogleich führten die Angesprochenen den Befehl des Marschalls aus und sprinteten weg.

"Männer! Wir können dem Abschlachten unserer Kameraden nicht tatenlos zusehen. Doch ist auch ein sinnloser Opfergang nicht im Interesse von Kaiser und Reich. Ergo ist es an uns, mit vereinten Kräften eine Bresche zu schlagen und bis Edessa vorzudringen, um uns dort neu zu sammeln und mit der Festung in unserem Rücken den Vorteil auf unsere Seite zu ziehen. So können wir General Monomachos und den Seinigen eine Möglichkeit zum Ausbrechen eröffnen." Denn blickte man aufs Schlachtfeld, so drohten Monomachos und die Hikanatoi von den Muslimen völlig aufgerieben und regelrecht zermalmt zu werden. Die berüchtigte Kampfkraft der Kataphrakten lag in ihrer Panzerung von Pferd und Reiter, mit welcher sie bei voller Angriffsgeschwindigkeit in der Lage war, die gegnerischen Reihen zu sprengen. Keine Kavallerie der Welt konnte dem standhalten. Dies konnte der Schlüssel sein, um die aussichtslose Lage doch noch im Sinne der Rhomäer zu wenden.

Der Reichsmarschall in seiner güldenen Rüstung war noch immer ein Bild von einem Recken. Es war viele Jahre her, seitdem er aktiv in einer Schlacht gekämpft hatte. Nun mit Mitte siebzig sollte es also noch einmal der Fall sein. Es war nicht gesagt, dass es für ihn glimpflich ausgehen würde. Zwar war es eher unwahrscheinlich, dass ihn die Sarazenen bewusst niedermachten, doch als etwaiger Gefangener war Bardas Phokas, der Schwiegervater des Kaisers, natürlich wahrlich Gold wert. Er zog seine Klinge, das berühmte Familienschwert der Phokadai, das er schon von seinem eigenen Vater und dieser von seinem Vater zuvor vermacht bekommen hatte. Sein Marschallsharnisch glänzte im Sonnenlicht. Nicht ohne Pathos rief er lautstark und nun für alle Mitglieder des Regiments sichtbar: "Scholai! Heute geht es um Sein oder Nichtsein! Zeigen wir den Ungläubigen, aus welchem Holze wir Rhomäer nach wie vor geschnitzt sind! Christos und die Theotokos werden uns beschirmen! Vorwärts für Gott, Kaiser und Reich!!!" Sprach's, schloss das Visier seines Marschallshelmes und ritt an vorderster Spitze los, die Scholai folgten ihm auf dem Fuße.

Bald schon erreichten die heranstürmenden Scholai, das Regiment der Regimenter von Byzanz, ihr Angriffstempo und eilten den Hikanatoi zu Hilfe. Mittels Fanfarensignalen gab man den Brüdern zu verstehen, dass man bereits herannahte und dass man sich an die Scholai halten solle. Monomachos musste ja auch verständlich gemacht werden, dass er sich dem Phokas anschließen sollte, wobei das Ziel eben Edessa war, in welches man sich zurückziehen konnte, ohne als Feigling dazustehen, galt es doch, diese Stadt zu halten, bis Hilfe nahte, nach der Bardas bereits geschickt hatte.

Immer wieder erzielte diese typisch byzantinische Art der Attacke ihre Wirkung, so auch heute. Die Kataphrakten waren unter den Arabern berühmt-berüchtigt und gefürchtet. Mochten sie auch numerisch hoffnungslos unterlegen sein, so wollte ihnen doch keiner in die Quere kommen. Dies bedingte auch ein spürbares Zurückweichen der Sarazenen, deren leicht gepanzerte Infanterie dem nichts entgegenzusetzen hatte.

Beinahe zeitgleich mit dem Reiterangriff der Scholai, der vornehmlich einem Durchbruch zur Stadt galt, flammte es plötzlich im Lager der Muslime auf. Ja, es stand lichterloh in Flammen! Dies bekamen die Kataphrakten natürlich nur peripher mit, doch bedingte es eine weitere Unruhe unter den Anhänger Mohammeds, insofern gewiss nicht zum Nachteil der Rhomäer.

"Dringt zu General Monomachos vor und setzt ihn von unserem Vorhaben in Kenntnis!", befahl Bardas zwei Offizieren, die zu seinem eigenen Stab gehörten. Nur Augenblicke später befand er sich selbst mitten im Gefecht. Sein bloßer Anblick verschreckte so manchen der muslimischen Fußsoldaten, die bereits sein gewaltiges Ross fürchteten, das den wohl prachtvollsten Harnisch trug, den man sich für ein Pferd vorstellen kann. Kurze Zeit darauf klebte auch schon Blut an der Klinge des Reichsmarschalls. Die Schlacht tobte nun aufs Äußerste.

22

Montag, 18. März 2019, 20:47

Was nun geschah verging zugleich wie im Fluge, andererseits kroch die Zeit wie eine Schnecke dahin. Vergingen nur Sekunden, während der Monomachos mit seiner Hikanatoi auf die feindliche Armee zuritt, oder waren es doch Minuten? Diese Zeit der wilden Erwartung wurde jäh vom Zusammenprall von Metall auf Metall, von Fleisch auf Fleisch, von Klinge auf Klinge, unterbrochen.

Der Aufprall war massiv und die ersten zwei Dutzend Reihen der Infanterie wurden regelrecht niedergemäht, vernichtet; durch die Wucht und schiere Brutalität gleich einer Damnatio Memoriae. Nur lose Fleischmassen verblieben, über die nun tausende Hufe mit ungeheurem Gewicht traten. Wahrlich furchtbar muss der Anblick gewesen sein und einen Moment lang erschien es fast so, als könnten sich die Reihen in Panik auflösen. Doch die Masse der Mohammedaner war einfach zu gewaltig. Bald schon ging den Hikanatoi die Dynamik verloren, ja, an den ersten Stellen drückte die Infanterie nach und ging den
gepanzerten Reitern zu Leibe; ja, ein Offizier, den der Kriegsminister seit Jahren kannte, wurde von den Sarazenen regelrecht vom Pferd gerissen und in Stücke gehauen.

Gregorios hieb wie wild auf den Gegner ein, war nun selbst an vorderster Front; den einen Kopf spaltete er, den nächsten trennte er ab, kurz gesagt: es war ein blutiges Gemetzel, infolge dessen Gregorios über und über mit Blut besudelt und kaum noch erkennbar war. Von Vormarsch war nun nicht mehr zu sprechen. Gerade konnten sie sich noch halten und der Logothetes erkannte die Gefahr der Situation, denn auch die Elefanten standen unter massivem Druck. Da hörte er laute Fanfaren; rhomäische Fanfaren. Er ließ sich zurückfallen, sein eigener Adjutant füllte die Kette der Kataphrakten. Sofort verstand er die Bedeutung
der Signale und gab das Signal weiter an den Hornisten neben ihm; der gab das Signal aus, sich der Scholai anzuschließen.

Schon lösten sich die Hikanatoi, nach wie vor unter schwerem Kampfe, von den Sarazenen und wichen wiederum über das Meer an Blut und entstellten ehemals menschlichen Körper zurück. Zwei Offiziere des Stabs des Reichsmarschalls kamen ihm entgegen und gaben das Vorhaben des Bardas Phokas kund, sich angesichts der feindlichen Übermacht in die Stadt zu begeben. Ein Hilferuf sei mittels Meldereiter bereits abgesetzt worden.

Die Wucht der Scholai hatte die Muslime bereits erzittern lassen. Jene Einheiten, die den Zugang zur Stadt nach wie vor gegen die anrückenden Rhomäer verteidigten, wurden nun aber tatsächlich von Furcht ergriffen, als sich der Scholai nun auch noch die Hikanatoi anschloss. Doch die Zeit drängte sie nach vor, sie mussten auf der Stelle zum Stadttor vordringen, denn es gab kein zurück: hinter den Hikanatoi drängten nun Heerscharen von mit Lanzen bewehrten Infanteristen nach.

Gregorios sah sogar den Reichsmarschall selbst sein Schwert schwingen, in der Manier der alten Schule, elegant und doch effektiv, aristokratisch und doch durch und durch militärisch. Unter weiteren Fanfaren
seitens der Hikanatoi wurde der Anschluss des Tagmas an die Scholai verkündet. Gregorios kämpfte sich zu Bardas durch und sah, wie sich ein gemeiner Sarazene mit einem Speer dem Marschall von hinten näherte. Sofort gab er seinem Pferd die Sporen und teilte den Kopf mit einem wuchtigen Streich. „Der Weg zur Stadt ist nun unsere einzige Möglichkeit, er steht uns beinahe frei!“, rief er dem
Marschall zu und drängte vorwärts, während er per Signale den Verteidigern ihre Intention zum Zurückweichen in die Stadt zu verstehen gab.

Und tatsächlich öffnete sich das Tor gerade in dem Moment vor ihnen, als sie auch die letzte Reihe durchbrachen und unmittelbar davor hielten. Es folgten weitere Fanfaren und die ersten Einheiten betraten die – vergleichsweise – sichere Stadt Edessa. Freilich dauerte es einige Zeit, bis die tausenden Reiter durch das Tor kamen; draußen wurde erbittert auf Leben und Tod gekämpft und die Nachhut musste noch manchen Verlust hinnehmen. Immerhin war das Schlimmste verhindert worden. Als die Stadttore endlich geschlossen waren, ließ der Monomachos sofort durchzählen und die Verluste aufschreiben und notieren. Gregorios drang wiederum zu Bardas durch. „Wir stecken hier ganz schön in der Scheiße“, brummte er in Soldatenmanier. Er war nach wie vor über und über mit fremden Blut besudelt. Er selbst hatte nicht einmal eine Schramme abbekommen, selbst aber über ein Dutzend Leben genommen. „Ihr habt richtig entschieden. Ein Sieg auf offener Feldschlacht ist in Anbetracht der neuen Umstände unmöglich geworden. Nun teilen wir das Schicksal des Argyros und müssen, wir, das Entsatzheer, gleichsam auf Entsatz hoffen.“

23

Montag, 18. März 2019, 22:03


Nasir ad-Daula, Emir von Mossul


Der Kampf war unerbitterlich. Nach einem ersten Etappensieg über die Vorhut der Griechen näherte sich nun eine weitere Einheit, diesmal handelte es sich tatsächlich um die gefürchteten Panzerreiter. Die Kataphrakten donnerten auf die Sarazenen und durchdrangen ihre ersten Reihen mit einer ungeahnten Leichtigkeit. Unzählige muslimische Soldaten verloren innerhalb von Sekunden ihr Leben. Es gelang den Männern unter Nasir ad-Daula jedoch, die Griechen festzusetzen, sodass ein weiterer, verheerender Aufprall vermieden werden konnte. Beide Seiten kämpften gnadenlos und es schien, als seien die Kräfte ausgewogen, als man von der Ferne erneute Fanfaren vernahm. Eine zweite Welle byzantinischer Panzerreiter näherte sich und donnerte auf die Flanke, die Nasirs Bruder Saif unterstand. Nasir sendete ein Stoßgebet gen Himmel, mochte Allah ihnen beistehen. Die zweite Einheit der Kataphrakten schien sich jedoch nicht auf einen Kampf einlassen zu wollen, stattdessen räumten sie das Feld und verhalfen der ersten Einheit dazu, sich in Richtung Stadt zurückzuziehen. Allgemeines Chaos entstand, dass durch ein Feuer im sarazenischen Lager komplettiert wurde. Nasir brüllte Befehle, die im Gemetzel jedoch untergingen. Schließlich gelang einem Großteil der byzantinischen Soldaten die Flucht in die Stadt, die Stadttore wurden geschlossen, obwohl noch einige ihrer Männer draußen waren. Binnen Minuten wurden diese von den Sarazenen abgeschlachtet. Die Kavallerie unter General Qawam ad-Sahira Abu l-Fawaris war zwischenzeitlich eingetroffen und kümmerte sich um die verbliebene Elefanteneinheit dder Rhomäer. Ohne die Unterstützung der Panzerreiter waren die monströsen Kreaturen schnell besiegt und zu den zahllosen toten Körpern reihten sich unzählige der Dickhäuter, die verbrannt oder abgeschlachtet wurden.


Das Schlachtfeld war in dunkle Wolken gehüllt. Der Rauch brannte in Nasirs Augen, der sich einen ersten Überblick verschaffte:
Ein Feld vor der Stadt lag in Flammen, dem fliegenden Teppich geschuldet, der die Elefanteneinheit in Brand gesetzt hatte. Das Lager der Emire stand in Flammen, vermutlich durch byzantinische Soldaten, die sich vor der offenen Schlacht gedrückt hatten. Nasir gab seinem Pferd die Sporen und fand schließlich seinen Bruder Saif, der bereits mit General Abu l-Fawaris zugegen war.
"Unsere Männer haben gut gekämpft. Ich sage, lasst uns die Kriegsmaschinerie benutzen, um die Stadt und alle Griechen darin abzufackeln! Die Grenze nach Westen ist ungeschützt, das sollten wir ausnutzen!"
Zwar kam man an die Rhomäer nicht so einfach heran, jedoch saßen sie wie die Ratten in der Falle und hatten den Weg nach Westen freigegeben.

24

Dienstag, 19. März 2019, 00:13


Saif ad-Daula, Emir von Aleppo

Wahrlich, dank der Unterstützung der buyidischen Streitkräfte konnten die Byzantiner die Effektivität ihrer schweren Kavallerie diesmal nur sehr bedingt ausspielen. Für einen Sieg im Felde reichte es nicht, soviel war sehr bald klar. Wer erhoffte hatte, dass der Glanz und die Glorie von Byzanz auf dem Schlachtfeld untergehen würde, hatte sich aber dann doch zu früh gefreut. Obwohl es eine Zeit lang so ausgesehen hatte, als wollten sich die Kataphrakten für Kaiser und Reich aufopfern, brachen sie letztlich doch durch die Reihen der Sarazenen, allerdings nur, um sich in die Stadt Edessa zu flüchten. Aus Sicht des Emirs von Aleppo ein Versäumnis, dass man diese Bresche zugelassen hatte. Die Verwirrung durch das brennende eigene Lager hatte ihren Teil dazu beigetragen. Wie das auch immer passiert war, war Saif ad-Daula alles andere als gut gelaunt, da sich ein Großteil der Tagmata bis zur Stadt durchschlagen konnte.

Anders sein Bruder Nasir, der in seiner ihm eigenen Art die Dinge etwas anders interpretierte. Er riet zur Beschießung Edessas und zeitgleich zum Vormarsch gen Westen. Der buyidsche General war ebenfalls vor Ort. Er blickte zu seinem Bruder und setzte dann zur Erwiderung an. "Vormarsch mit einer Festung im Rücken, in der vielleicht noch 10.000 Mann sitzen? Zu riskant", wiegelte er kühl ab. "Genau das erhoffen sie sich doch, dass wir unsere Armee nun aufteilen. Man sollte nicht so blauäugig sein und glauben, wir hätten die gesamte byzantinische Grenzverteidigung bereits ausmanövriert. Eine jede ihrer Provinzen ist von bemannten Festungen übersät. Das wird kein Kinderspiel, nicht einmal mit 30.000 Mann, aber erst recht nicht mit der Hälfte." Dass Nasir diese Antwort sicherlich nicht passte, war Saif einerlei. "Was sagt Ihr, General ad-Sahira? Eure Stimme soll den Ausschlag geben, wie wir weiter verfahren." Wenn auch der Heerführer des Königs auf sofortige Invasion drängte, würde sich Saif dem Mehrheitsvotum beugen. Immerhin steuerten die Buyiden ja die Hälfte der Männer bei und hatten entscheidenden Anteil am aus muslimischer Sicht trotz allem insgesamt begrüßenswerten Ausgang der Schlacht.

25

Dienstag, 19. März 2019, 00:34

"Hadschi!", rief Lucas erneut, nachdem er einige Augenblicke tatenlos mitangesehen hatte, wie selbiger das Öl verschüttet und schließlich angezündet hatte. Der mit Öl getränkte Boden brannte lichterloh und binnen Sekunden griffen die Flammen auf das Zelt über. "Zeit, zu verschwinden", knurrte der falsche Mohr und packte Adeodatus am Schlaffittchen. Die beiden Geistlichen rannten nach draußen. Das Feuer breitete sich mit ungeheurer Geschwindigkeit aus und war auf andere Zelte übergegangen. Der die Fließrichtung des Öls bestimmende abschüssige Boden leitete das Feuer in einem Affenzahn bergab, wo es auf Zelte und Belagerungswaffen umgriff. Seinen Höhepunkt erreichte das Feuer, als ein Belagerungsturm lichterloh in Flammen stand, welches man wohl von einiger Kilometer Entfernung deutlich erkennen konnte. Vor allem im Dunklen musste das wohl beeindruckend aussehen.

Lucas hielt Adeodatus noch immer am Kragen fest und zerrte ihn hinter sich her. Seinen Kumpanen los zu lassen war undenkbar, schließlich war er schon beim letzten Mal verschütt gegangen - mit verheerenden Konsequenzen! Der Kardinal sah sich um und sah eine Delegation Muselmannen, die sich auf ihre Pferde schwangen - es mochten gut zwei Dutzend sein - und davon ritten. Einer der Männer hatte einen Gefangenen bei sich, zumindest warf er eine Person über sein Pferd, die gefesselt war und einen Sack über dem Kopf trug. Um sie herum herrschte das absolute Chaos, das Lager stand in Flammen, man hörte das Kampfgeschrei der Soldaten, Metall auf Metall, Klinge auf Klinge. Es stank nach verbranntem Öl, Fleisch und Stoffen, in der Luft hing eine dunkle Rauchwolke, die in den Augen brannte und in den Atemwegen kratzte. Sie mussten hier raus, sonst würden die beiden drauf gehen. Umkehren war nicht drin, denn dort herrschte im wahrsten Sinne des Wortes Krieg. Es blieb also nur eine Richtung. "Hinterher", zischte Lucas, ohne weiter groß nachzudenken und schwang sich auf eines der vielen Pferde, die im Lager standen und unter denen sich Panik breit machte ob des sich ausbreitenden Feuers. Adeodatus kletterte hinter ihm auf das Pferd und Lucas gab dem Pferd die sprichwörtlichen Sporen. Gemeinsam ritten sie ins Ungewisse.

26

Dienstag, 19. März 2019, 19:32


Qawam ad-Sahira Abu l-Fawaris, General der Streitkräfte

Die erste Hürde war genommen. Die Griechen waren unter Anstrengung der letzten Kräfte noch einmal vorgeprescht, jedoch nur, um sich nach Edessa zurückzuziehen. Die Stadtmauern mochten den Feind vorübergehend schützen, doch hatte sich die Situation der Belagerten nicht gebessert, im Gegenteil: Die Rettung war gescheitert und die Sarazenen behielten die Oberhand. Die alliierten Streitkräfte waren deutlich in der Überzahl, obwohl die Angriffe der berüchtigten römischen Panzerreiter den Truppen der beiden Emire ganz schön zugesetzt hatten. Dennoch, dass das Heer unter ad-Sahira bisher noch gar nicht beteiligt gewesen war, sprach Bände.
"Lasst Eure Männer zählen und die Verwundeten versorgen", war das erste, was er in Richtung der Emire sprach. "Wir haben es hier und heute nicht mit der gesamten Streitmacht der Rhomäer zu tun. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mehr von ihnen kommen und wir müssen vorbereitet sein." In den Worten des Generals war eine Abfuhr an den Emir von Mossul zu entnehmen, der direkt weitermachen wollte. "Der Kalif hat zum Dschihad gegen den griechischen Kaiser aufgerufen, daher können wir davon ausgehen, dass sich in den nächsten Tagen weitere Truppen uns anschließen werden. Dieser Kaiser hat das geschafft, was die Führer der islamischen Nationen lange nicht geschafft haben: Völlige Einigkeit." Er schnaubte. Bisher hatte man auf die Aggressionen aus dem Westen nicht reagiert, doch nun war Romanos II. zu weit gegangen. Es war an der Zeit, die Griechen zurückzuwerfen, doch musste man taktisch vorgehen, wenn man nicht wie die Bulgaren enden wollte, die ihren Gegner unterschätzt hatten. "Es ist sogar damit zu rechnen, dass päpstliche und alemannische Truppen hier auftauchen." Als oberster General und Stratege konnte ad-Sahir selbstverständlich auch mit einigem Wissen über den Feind punkten. "Wir sollten also keine voreiligen Schritte unternehmen. Zunächst gilt es, Ordnung zu schaffen, Beobachtungsposten aufzustellen und Boten auszusenden. Außerdem sollen ein paar Männer die Toten untersuchen, ich will wissen, ob die drei griechischen Generäle, von denen ich gehört habe dass sie hier sind, unter den Gefallenen sind. Die Besatzer haben Edessa ausgequetscht wie eine Zitrone, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihnen Nahrungsmittel ausgehen und sich Krankheiten breit machen." In der Tat war man in der Stadt schon lange von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Nun mussten tausende Mäuler mehr gestopft werden, was auf Dauer nicht gut gehen konnte. Man befand sich schließlich am Ende des Winters, die Vorräte gingen naturgemäß zur Neige und die Landbevölkerung, die die Stadt sonst immer mit Nahrung versorgt hatte, würde ihre Überschüsse den sarazenischen Armeen zur Verfügung stellen.

"Möglicherweise werden die Griechen alsbald Kontakt mit uns aufnehmen. Die Generäle sollten selbst zu dem Schluss kommen, dass sie nicht ewig in einer fremden Stadt ausharren können. Sollten sie Kriegsgerät bei sich haben und auf dumme Gedanken kommen, können wir immer noch reagieren." Notfalls würde man Edessa eben beschießen müssen, doch war unklar, wie viel Zivilbevölkerung noch am Leben war und ad-Sahira wollte unnötige zivile Verluste vermeiden, so weit es ging. Notfalls war man jedoch in der Lage, die Stadt mit der vorhandenen Artillerie anzugreifen und in Schutt und Asche zu legen.
Inzwischen waren auch die rund 400 Kriegselefanten angekommen, die man zu einem nahe gelegenen Wäldchen führte, um dort ein Lager aufzuschlagen. Nun hieß es erst einmal abwarten.