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Rhomäisches Reich: Der armenische Kronprinz wird Thekla Lekapene Argyre ehelichen. Zeitweise fällt Schnee. Die durchschnittliche Temperatur beträgt 2 Grad.
Kirchenstaat: Der Papst hat Legaten nach Konstantinopel und Augsburg entsandt. Des Schelmenromans zweiter Teil "Neues vom Theodul" erweist sich als Verkaufsschlager.
Alemannien: Der Papstdarsteller Theodoulos Philanthropenos wurde in Augsburg durch ein Gottesurteil gefällt; seine Überreste anschließend verbrannt und im Lech verstreut.

[Gemächer des Autokrators] Hinter verschlossenen Türen

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Donnerstag, 10. Januar 2019, 16:54

Im schlimmsten Falle hätte der Kaiser den scheinbar Göttlichen wohl hinausgeworfen. Allerdings konnte man sich dessen auch nicht ganz sicher sein, denn manchmal schlug Frust in Zorn um und der Betreffende endete doch in Arrest. Entgegen dieser Annahme schien "Hermes" allerdings vielmehr voll darauf einzugehen, wodurch er sich schon mal deutlich von den üblichen Stümpern abhob, mit denen Romanos seine Tage verbrachte, wenn es ihm nicht nach Einsamkeit war. Tatsächlich traf der "Götterbote" den richtigen Nerv in seiner ihm eigenen Mischung aus überbordender Selbstsicherheit und schallendem Witz. "Der Witzigste bist du unter den Weisen", erwiderte Romanos knapp und war dann doch angetan, als ihm die "Gottheit" einen innigen Handkuss spendete. Dass er im Zuge dessen zwei seiner Ringe einbüßte, entging tatsächlich erst einmal seiner Aufmerksamkeit, verstand es "Hermes" doch, den kaiserlichen Blick auf seine verführerischen Augen zu lenken. Die schwache Hand des Herrschers haltend, war es so, als ergreife er von diesem Besitz, denn hinterfragte der Imperator die wahre Intention des "Hermes" nun nicht mehr.

Geschickt verwies dieser sodann darauf, dass alles Weitere besser unter vier Augen stattfinden sollte, womit er selbstredend auf die beiden noch im Raum befindlichen Gardisten anspielten, die indes ob der Vorgänge nicht einmal mit der Wimper zuckten. Sie waren schließlich nicht hier, um sich an der Konversation zu beteiligten, sondern um den Schutz des Autokrators zu garantieren. Der schien Romanos in Gegenwart eines "Gottes" sichergestellt. "Wachen, lasst uns allein. Wartet draußen", hieß er dieselben. Wollte man hinaus oder hinein, musste man sie ja so oder so passieren. Während "Hermes" noch immer seine Hand hielt, kam Romanos also seinem Wunsche nach. Nun befanden sie sich ganz allein in den inneren Gemächern, denn auch der Mundschenk musste den Abflug machen, nachdem er zuvor noch genügend Getränke aufgetragen hatte. Den "Göttlichen" nun gleichsam an der Hand führend, schritt der Kaiser zu der vergoldeten Eingangstür und drehte den im Schloss steckenden ebenso güldenen Schlüssel um, bevor er ihn in eine Innentasche seines Obergewandes steckte. Jetzt würde man sie sicherlich nicht mehr stören.

"Siehst du die Leier dort drüben?", deutete er auf eine eben solche. "Es heißt, Kaiser Nero habe einst auf einer derartigen gespielt, als Rom lichterloh in Flammen stand. Das ist nun bald tausend Jahre her." Einen kurzen Augenblick schien Romanos gedanklich bei dieser Szene zu sein. "Erfreue mich wie Orpheus durch deinen göttlichen Gesang zu den Klängen dieses herrlichen Instrumentes!", meinte er schließlich und klopfte ihm mit Nachdruck auf die Schulter. "Ich will deinem Vortrag voller Inbrunst lauschen und mich an der erquicklichen Darbietung laben." Sprach's und schritt wiederum zur Tafel. Dass sein Gast bisher wohl nie Leier gespielt hatte, war einerlei, würde die schnöde Realität die erhebende Vorstellung doch nur unterminieren. Während sich Leon dem Instrument zuwandte, zückte der Kaiser in einem günstigen Moment die kleine Ampulle mit Mohnsaft, den er für gewöhnlich benutzte, um Schlaf zu finden, und schüttete die Hälfte des Inhaltes in den noch gut gefüllten Krug des "Hermes". Durch den Bierschaum war diese kleine Zutat nicht zu erkennen. Zwar würde ihn dieser Mix nicht gleich umhauen, aber doch gefügiger machen. Schließlich blickte er zum unfreiwilligen Sänger und Musikanten. "So stimme an die Saiten, Hermes!"

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Freitag, 11. Januar 2019, 00:50

Leon schien den Kaiser nun endgültig in seinen Bann gezogen zu haben. Die Gesichtszüge des Herrschers hatten sich entspannt, die Worte der Gottheit hatten gewirkt und der Alkohol sein übriges getan. Der Diebstahl der beiden Ringe schien für den Augenblick unbemerkt zu bleiben. Die beiden Schmückstücke hatten längst ihren Weg in die Hosentasche des Hermes gefunden. Nun fluchte er innerlich, dass er nicht seine eigene anhatte, in die am rechten Oberschenkel in der Innenseite ein geheimes Fach eingenäht war, wo man die Ringe sicher nur schwerlich gefunden hätte.
Auf den Vorschlag, die Wachen des Raumes zu verweisen (welchen Leon nur indirekt ausgesprochen hatte), ging der Kaiser direkt ein und befahl den Soldaten, nach draußen zu gehen. Ohne die Entscheidung auch nur für einen Moment in Frage zu stellen, ließen sie die beiden alleine. Wie töricht, ihren Kaiser mit einem Fremden alleine zu lassen, einem Kriminellen obendrein. Es war reinstes Glück, dass Leon nicht gewalttätig war und direkter Konfrontation in der Regel aus dem Weg ging. Er bestahl die Menschen, doch ein Räuber war er nicht. Es wäre jedenfalls ein Leichtes gewesen, den Kaiser in einem Moment der Unachtsamkeit außer Gefecht zu setzen, eine der Statuetten sollte dafür ausreichen.

Statt dass man nun dazu über ging, sich gegenseitig zu malen, kam der Kaiser auf eine ganz andere Idee. Leon schluckte. So ein Ding hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht aus der Nähe gesehen, geschweige denn darauf gespielt. Er hüstelte, ging auf das Instrument zu und spürte die Hand des Kaisers immer noch auf seiner Schulter, obwohl dieser längst zur Tafel geschritten war. Schwer und verhängnisvoll lastete die Geisterhand auf Leons Schulter, während er das komische Ding in die Hand nahm und zur Probe zwei, drei Mal an einer Saite zupfte. Und damit sollte er Musik machen? Eben noch besorgt, kam ihm nun eine Idee. Er ging mit der Leier in der Hand zum Kaiser und reichte sie ihm. "Wie wärs, wenn du mich auf der Leier begleitest, Kaiser?", fragte er und drückte Romanos das Ding so in die Hand und ließ los, dass diesem nichts anderes übrig blieb, als das Instrument festzuhalten. "Zu Musik und Gesang gehört auch der Tanz, so brauche ich beide Hände und kann unmöglich auf der... dem Ding spielen." Ein unverhofftes, erzwungenes Lächeln zeigte sich auf Leons Gesicht. Er ging einige Schritte zurück, nicht ohne vorher zu des Kaisers Weinbecher zu greifen und ihn in einem Zug zu leeren. Ein bisschen Mut musste er sich dann doch antrinken.
Dann begann Leon, zu singen und zu tanzen. Die Bewegungen glichen einer Marionette, deren Spieler einen über den Durst getrunken hatte und der Gesang war kaum zu verstehen und traf kaum einen richtigen Ton, doch hoffte 'Hermes', alles in allem ein unterhaltsames Bild abzugeben. Nur kurz unterbrach er seinen Tanz. "Na los Kaiser, mach mit!", rief er, lief auf Romanos zu, nahm ihn bei der Hand und zog ihn zu sich. Er legte einen Arm um des Kaisers Hüfte, mit der freien Hand hielt er die seines Tanzpartners und hampelte nun mit Romanos gemeinsam herum. Er lachte; die Vorstellung schien ihm selbst den größten Spaß zu bereiten.

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Freitag, 11. Januar 2019, 01:34

Eigentlich ein denkwürdiges Treffen: Der Kaiser der Rhomäer und der König der Diebe nunmehr im Vieraugengespräch. Dass des "Hermes" wahre Herkunft nicht eben göttlich war, lag auf der Hand. Im Grunde genommen hatte ja der Mystikos Belisarios Arianites dafür gebürgt, dass er nur seriöse Personen heranschaffen würde. Am Ende fiele es dem Arianites noch auf die eigenen Füße, wenn dies hier unerquicklich ausginge. Der Zwangsrekrutierte schien sich mit der gegenwärtigen Situation jedenfalls mehr und mehr anzufreunden. Zumindest erweckte er den Eindruck, souverän damit umgehen zu können. Seine nicht zu leugnende Schauspielkunst trug dazu wohl nicht unerheblich bei. Dass Romanos potentiell in Gefahr schwebte, schien ihm entweder nicht bewusst zu sein oder er verdrängte es. Vielleicht aber suchte er gerade auch diese latente Gefahr. Dass sein Gast kein ruchloser Mörder war, konnte man annehmen, doch hieß das nicht im Umkehrschluss automatisch, dass er nur die besten Absichten hatte. Womöglich trug diese persönliche Begegnung doch dazu bei, dass gewisse Vorurteile abgebaut wurden. Dass Leon nämlich einer der größten Kritiker des Kaisers war, schien in diesen Stunden wie weggeblasen.

Die nicht vorhandene musikalische Vorbildung forderte nun doch noch ihren Tribut, denn der junge Mann sah sich wohl außer Stande, die Leier überhaupt zu bedienen, ja er schien schon seine Probleme damit zu haben, sie richtig zu halten. Die Aufforderung des "Hermes", der Herrscher solle ihn doch besser selbst musikalisch begleiten, da er sich sonst nicht auf den Gesang und Tanz konzentrieren konnte, kam derart unerwartet, dass Romanos gar nicht schnell genug abwiegeln konnte. Prompt hatte er selbst die Leier in der Hand. Anders als der "Gott" konnte er das Ding zumindest halbwegs bedienen, auch wenn er wohl kein großer Virtuose war. So stimmte er das Instrument also selbst an, zunächst etwas zaghaft, und traute dann kaum seinen Augen ob des Bildes, das sich ihm unvermittelt bot. In einer Mischung aus Erstaunen und Erheiterung verfolgte er die seltsame Einlage seines Gastes.

"Wahrlich, ein Bild für Götter!", lachte er herzhaft und kämpfte mit den Tränen, die sich unwillkürlich ob dieser Belustigung einstellten. Doch es kam noch ärger, denn mittendrin ergriff "Hermes" wiederum die Initiative und packte den Kaiser an der Hand, ihn gleichsam mit auf die Tanzfläche ziehend. So schnell konnte Romanos gar nicht reagieren, war er schon Teil der Darbietung. Erst unwillig, fügte er sich doch und fand schließlich sogar Gefallen an diesem Jux. Zwar nahm er keineswegs eine aktive Rolle dabei ein, sondern wurde mehr oder weniger sanft mitgerissen, doch war er alles andere als unglücklich. "Bei Gott, einen solchen Spaß hatte ich schon lange nicht mehr!", bekundete er ehrlich und hörbar außer Atem. "Du bist ein feiner Zeitgenosse, Hermesleinchen", lobte er seinen Tanzpartner und kam mehr und mehr in die notwendigen Tanzschritte hinein, ohne freilich die Perfektion seines Gegenübers zu erreichen.

"Puh, da kommt man ganz schön aus der Puste!", meinte er und erbat sich eine Verschnaufpause. "Zeit für eine Erfrischung." Er trat selbst zum Tisch und griff zum Bierkrug seines Gastes, um ihm diesen Allerhöchstselbst zu reichen. Anschließend schenkte er sich aus Allerhöchsteigener Hand ebenfalls etwas Bier in einen weiteren Krug. "Auf uns, das merkwürdigste Tanzpaar seit Menschengedenken!", prostete er ihm zu.

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